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Jägerinnen auf dem Vormarsch

Publicerat fredag 21 september 2007 kl 14.26

Schweden ist ein Jagdland. Die Jagd ist tief in der Gesellschaft verankert, jeder dritte Schwede hat den Jagdschein und fiebert den ganzen Sommer über dem Höhepunkt des Jahres entgegen: der Elchjagd. Unter den 300.000 Jägern sind inzwischen fünf Prozent Frauen. Das Interesse am Waidmännischen steigt und steigt. Jeder fünfte Teilnehmer an Jagdkursen ist weiblich. Und so besteht auch die Jagdgesellschaft Stockfors in Nordschweden zu 20 Prozent aus Frauen.

Es ist sechs Uhr morgens, der zweite Jagdtag der Saison hat gerade mit einem schönen Sonnenaufgang begonnen. Das Wetter verspricht schon mal einen guten Jagdtag. Der erste Kaffee ist getrunken, die neunköpfige Jäger-Truppe aus Stockfors berät, wer wo schön ruhig auf dem Posten sitzt oder wer mit den Hunden wohin zieht.

„Soll ich am Ryggberg lang gehen? Vom Schieβstand dort oder noch ein Stück weiter weg?”, fragt Kristina Gustafsson. Ja, soll es sein, Kristina soll mit ihrem zweijährigen Elchhund Rock den Wald am Ryggberg abgrasen, Jagdkameradin Ann-Sofi Nilsson wird etwas weiter weg Posten beziehen. Die Männer durchforsten andere Teile des über fünftausend Hektar groβen Jagdareals. Die Aussichten auf eine gute Ausbeute sind gut, wie Kristina Gustafsson weiβ.

”Die letzten Jahre ist der Bestand bei uns wieder gewachsen”, sagt Gustafsson. ”Es wird ja gerade über den verminderten Elchbestand in Schweden diskutiert. Ich glaube, weil wir uns in unserer Kommune etwas zurückgehalten haben, gibt es ausreichend Elche zu schieβen.”

Einer fiel am ersten Tag

Sechs Elche und sechs Kälber darf Stockfors Jagdgesellschaft erlegen, ein Elch fiel bereits am ersten Jagdtag. Kristina selbst hat schon acht Elche geschossen. Seit über zwanzig Jahren jagt sie. Ihr Hund Rock will endlich in die Spur. Seine Aufgabe ist es, den Elch zu suchen, zu stellen und zu verbellen, wie es im Jagdjargon heiβt. Rock hält den Elch also so lange bellend an Ort und Stelle, bis Frauchen mit dem Gewehr in Schussnähe ist. Und nun lädt Kristina Gustafsson endlich ihr Gewehr.

Der Wald auf dem Ryggberg ist mal schön licht mit hochgewachsenen Kiefern, mal dicht mit nachwachsenden Birken. Mal lichtet er sich total und gibt den Blick frei, auf die Nebelschwaden, die der Pitefluss im Tal an diesem Herbstmorgen erzeugt. Nach nur einer Viertelstunde schlägt Rock zum ersten Mal an - und kommt nach kurzer Zeit japsend zurück. Der Elch ist ihm entwischt.

Die Pirsch geht weiter

Kristina ruft über Funk die anderen: ”Tobbe kommen, Hasse kommen.” Hasse hat bereits einen erlegt, erfährt Kristina. Nach einer halben Stunde. Er hat aber auch noch zwei weitere Elchbullen gesehen. Also weiter. Rock läuft wieder suchend über einen Kahlschlag, Kristina pirscht weiter.

”Wir sind hier ja im Bärenland, die Männer haben hier gestern einen jungen Bären gesehen. Vielleicht findet der Hund auch einen Bären, das wird spannend. Mal sehen, was passiert”, keucht sie.

Nur manchmal ist es langweilig

Man kann nie wissen, was passiert. Die Jagd erzeugt Spannung und Entspannung zugleich. Das, so flüstert Kristina, lässt sie immer wieder stundenlang durch die Wälder ziehen. ”Manchmal ist es nervig. Dann denkt man, jetzt passiert nichts mehr. Aber man weiβ, dass sich das schnell ändern kann.”

Gerade ist es aber ruhig und Rock verschwunden. Der Hund ist da, wo was passiert: wo Hasse und Tobbe gerade den Elch erlegt haben. Tobbe, also Torbjörn Lundström, der Jagdleiter, versucht fluchend den erlegten Elchbullen aus dem Wald zu kriegen. Das Tier dampft noch, die Augen starren nichtssagend aus dem groβen Schädel. Tobbe hat die Zugmaschine, eine Art kleinere Raupe, auf einem Baumstamm aufgesetzt. Ein Ruckeln hier, ein kräftiges Ziehen da, und mit einem Höllenlärm zieht die Maschine schlieβlich weiter. Der tote Elch wackelt bedrohlich auf dem Anhänger.

300 Kilo dampfendes Lebendgewicht

Schütze Hasse Eriksson wartet mit den anderen Jägern auf Tobbe und den Elch im Schlepp. ”Glückwunsch Hasse, hab’ ich doch glatt vergessen.” Kristina gratuliert dem Schützen zum frisch geschossenen Bullen, ein sogenannter ungerader Neunender. Vielleicht drei, vier Jahre alt, 300 Kilo Lebendgewicht. Wie Hasse den erwischt hat? Der Phantasie des Jägers sind keine Grenzen gesetzt...

”Der Elch kam angelaufen. Ich habe ihn auf eine Lichtung gebracht, damit er aus dem Wald rauskommt und erschoss ihn dort. Der Elch drehte ab und ich hörte, wie er fiel.” Es ist anzunehmen, dass ein Hund den Bullen stellte und Hasse das Tier mit einem Lungenschuss zu Fall brachte. Kristina Gustafsson fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Jagdgesellschaft, sie war die erste Frau, die den Männerhaufen aufmischte.

Ein deftiges Vergnügen

”Es ist nett, mit Männern zusammen zu jagen”, erläutert Kristina. ”Es ist auch witzig, nur mit Frauen zu jagen, um Selbstbestätigung zu bekommen. In gemischten Jagdgesellschaften werden die Männer etwas ruhiger, wenn Frauen dabei sind. Dann sind sie nicht so grob.”

Das Gegenteil ist gleichwohl gerade bewiesen, als die gemische Gesellschaft zurück zur Jagdhütte kommt und am Schlachtplatz dem Elch das Fell abzieht. Als die Messer zu jener Stelle vordringen, mit der die Elche ihren Bestand sichern. ”Kicki, kannst du dich nicht um die Elch-Eier kümmern?”, ruft es aus der Menge.

Ist es ein müdes Lächeln, dass Kristina um die Mundwinkel huscht? Es ist nicht wichtig, alle sind mit stiller Vorfreude auf ein saftiges Elchsteak am Werke, die Messer wetzen, die Stichsäge brummt. Am nächsten Tag um sechs sitzen sie wieder am Feuer und beraten, wer wo Posten bezieht. Vier Elche und sechs Kälber sind noch da draussen, und die Gefriertruhen zuhause wollen gefüllt werden.

Katja Güth

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