Du måste aktivera javascript för att sverigesradio.se ska fungera korrekt och för att kunna lyssna på ljud. Har du problem med vår sajt så finns hjälp på http://kundo.se/org/sverigesradio/
Kalixlinie

Vergessene schwedische Geschichte?

Publicerat fredag 28 oktober 2011 kl 10.00
Denunziantentum im Kalten Krieg
(6:59 min)
Spionage Schweden (Foto: Katja Güth)
1 av 2
Sanfrid Eriksson wurde der Spionage verdächtigt, seine Tochter Helena will Wiedergutmachung
Helena (links) und Karin Eriksson und das Buch "Morjärvmannen"
2 av 2
Helena (links) und Karin Eriksson und das Buch "Morjärvmannen"

Die Erinnerungen an den Kalten Krieg sind in Norrbotten noch heute sehr lebendig. Die Nähe zu Russland ließ viele Menschen, die unweit der Grenze zu Finnland wohnten, als Spione verdächtig erscheinen. In den Wäldern hatte das schwedische Militär Verteidigungsanlagen versteckt, die sogenannte Kalixlinie. Nach der Enttarnung des hochrangigen schwedischen Militärs Stig Wennerström, der jahrelang für die Sowjetunion spionierte, war der Nachrichtendienst Säpo bemüht, Spione früh zu enttarnen. 1976 verhafteten sie in dem Dorf Morjärv, unweit der Verteidigungslinie Sanfrid Eriksson, den Morjävsmannen, und beschuldigten ihn der Spionage für die Russen. Seine Frau hat nun ein Buch über seine Geschichte geschrieben.

Der Vortragssaal im Verteidigungsmuseum der Stadt Boden ist voll besetzt. Das Publikum ist sehr interessiert an Geschichten aus dem Kalten Krieg. Draußen ist so ein Wetter, das die perfekte Kulisse gibt für die Geschichte, die hier gleich zum Besten gegeben wird: Es ist verhangen, regnerisch und trist, niemand wäre verwundert, wenn aus dem Nebel graue Gestalten auftauchten. Um solche geht es in der Geschichte von Sanfrid Eriksson, der unfreiwillig zum Spion avancierte. Seine älteste Tochter Helena Eriksson beginnt ihren Vortrag, indem sie auf das Schwarzweißbild an der Wand zeigt, der freundlich-lächelnde Mann ist ihr Vater Sanfrid: „Mein Vater wurde registriert als er 24 Jahre alt war. Man hatte also die Augen und Ohren des Gesetzes auf sich gezogen, weil man sich derart benahm, dass man als Sicherheitsrisiko galt. Diese Art der datenmäßigen Erfassung bei den Behörden ist eigentlich die niedrigste Verdachtsstufe, warum dieser erste Registereintrag erfolgte, konnten wir nicht sicher herauskriegen."

Dem ersten Verdacht folgten aber weitere, die im Laufe der Zeit für Polizei und Nachrichtendienst immer gravierender wurden, bis Sanfrid Eriksson schließlich am 16. November 1976 vor seinem Haus festgenommen wurde. Der Vorwurf: Landesverrat. Er soll ein russischer Spion gewesen sein. Später hat er diese und andere Schilderungen auf Band aufgenommen: „Ich habe gerade die Autoscheibe mit dem Eiskratzer bearbeitet, als vier Herren auftauchten. Ich sah etwas nachdenklich auf, sie hatten halblange Mäntel an und schwarze Aktentaschen. Einen hatte ich schon mal gesehen, die anderen waren mir völlig unbekannt. ‚Sind Sie Sanfrid Eriksson?', ‚Ja', antwortete ich und fragte: ‚darf ich erfahren, worum es geht'? ‚Wir müssen mit ihnen reden.' ... ‚Es geht um Verbrechen gegen die nationale Sicherheit.'"

Lächerlicher Vorwurf

Sanfrids Frau Karin Eriksson ist heute 81 Jahre. Sanfrid starb 1990 im Alter von 70 Jahren an Krebs. Die Witwe erinnert sich nur zu gut an den Moment, als ihr die Männer vom Geheimdienst die Nachricht der Festnahme ihres Mannes überbrachten: „Als einer der Männer in Mantel und Hut sagte, ihr Mann ist wegen Landesverrats festgenommen wurden, da ging es mir durch den Arm ins Herz und ich schüttelte nur den Kopf und dachte, was wird das denn? Der Mann fragte: ‚Was sagen Sie dazu?' ‚Ich will euch eigentlich nur auslachen', antwortete ich. Mein Mann hatte schon immer viel Humor, aber das wäre ihm nie in den Sinn gekommen, Landesverrat oder ein anderes Verbrechen."

Sanfrid Eriksson war ein Tausendsassa: Er arbeitete als Krankenpfleger, mehr als 30 Jahre als Interviewer für das Schwedische Statistikamt, verdiente sich durch Abbrucharbeiten was dazu und war auf dem Schrottplatz stets auf der Suche nach Ersatzteilen. Viel hat er selbst repariert und gebastelt. Und er war neugierig auf die Welt, mit seiner Abenteuerlust hat er seine Frau Karin angesteckt. Sonst wären sie wohl nie auf die Idee gekommen, im Kalten Krieg ausgerechnet in Leningrad Urlaub machen zu wollen. Eine gehörige Portion Abenteuerlust gehörte dazu, meint Karin heute. „Ja, das war es wohl. Die Reise hat unser Leben völlig verändert. Leningrad war wunderbar, die Menschen sehr nett. Als wir wieder nach Hause kamen, erzählte uns ein Gewerkschaftschef, dass der Geheimdienst bei ihm auf der Arbeit war und sich nach Sanfrids Gesinnung erkundigt hat."

Vielleicht waren die Beamten auch darüber informiert, dass das Paar dank Sanfrids Überredungskunst innerhalb von zwei Tagen ein Visum für die Sowjetunion bekommen hatte, was normalerweise wochenlang dauerte? Womöglich sollte er von den Sowjets angeworben werden? Vielleicht haben sie ihn auch tatsächlich getestet und für ungeeignet befunden? Das vermutet inzwischen die Tochter. Seit der Reise jedenfalls bemerkten Erikssons, dass sie überwacht worden waren. Es knackte im Telefon, Briefe waren geöffnet worden, und dann waren da immer diese Autos, mit den Männern in Hüten, die nicht erkannt werden wollten.

Späte Akteneinsicht

Die Überwachung dauerte 18 Jahre lang, bis zu jenem 16.November 1976, an dem Sanfrid festgenommen wurde und anschließend 31 Tage in Haft saß. Trotz jahrelanger Überwachung und zahlreicher Verhöre reichten die Beweise nicht für eine Anklage, Sanfrid wurde wieder freigelassen und begann mit Karin gleich darauf die Arbeit an dem Buch. Die Akten sollten 70 Jahre unter Verschluss gehalten werden, so wollte es die Säpo. Doch vor einigen Jahren konnte die Familie zumindest einen Teil der Akten einsehen. Das war ein Schock, viele Nachbarn hatten sehr bereitwillig dem Geheimdienst berichtet. „Das waren ja vor allem unsere nächsten Nachbarn, deren Sohn war bei der Polizei. Wir haben den Kontakt abgebrochen. Die hatten zum Beispiel angeblich einen Hubschrauber gesehen, der auf dem Berg gelandet war. Als ich die Akten durchgesehen habe, kamen mir oft die Tränen. Das waren erfundene Sachen! Die Säpo hat das gesehen, was es gar nicht gab. Das war einfach schizophren!"

Spione allerorten

Das Publikum lauscht andächtig, viele fühlen sich an eine andere nordschwedische Spiongeschichte erinnert, wie Zuhörer Sigvard Hedmann aus Boden: „Über die Enbomsaffäre wurde ja viel geredet. Das war ja auch einer, der der Spionage verdächtigt wurde, eine große Geschichte hier. Fritjof Enbom wohnte nicht weit von Morjärv entfernt und arbeitete für die Eisenbahn. Einen weiteren Verdächtigen, Fingal Lennelind, habe ich in den siebziger Jahren sogar mal getroffen."

Die sogenannte Enbom-Liga wurde in den fünfziger Jahren wegen Spionage zu Strafarbeit verurteilt, erst später wurden Zweifel an der Schuld dieser angeblichen Spione laut.

Das Buch „Morjärvmannen" ist ein spannender Bericht über eine Familie, die Opfer des Kalten Krieges wurde. Die Familie Eriksson will damit nicht nur das Andenken des Vaters retten, sondern auch zeigen, dass der Nachrichtendienst Säpo im demokratischen Schweden ein Staat im Staate war. Und nicht zuletzt schildert das Buch, wie verführbar Menschen sind, wie leicht sie zu Zuträgern und Denunzianten werden.

Katja Güth

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Har du frågor eller förslag gällande våra webbtjänster?

Kontakta gärna Sveriges Radios supportforum där vi besvarar dina frågor vardagar kl. 9-17.

Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".