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„Taxeringskalender“

Gläserne Schweden

Publicerat torsdag 5 april 2012 kl 08.04
Wissen, was der andere verdient
(5:18 min)
Was verdient der Nachbar? Schlag nach im Kalender (Foto: Katja Güth)

Größtmögliche Transparenz, fordert die Piratenpartei in Deutschland, und in Schweden ist dies seit Jahrzehnten Tradition. So sind die Angaben der Einkommen aller Schweden für jedermann zugänglich, um die Sache noch zu vereinfachen, kommt jedes Jahr der „Taxeringskalender“ heraus, in dem Lohn und Kapitaleinkünfte aufgelistet sind. In Deutschland undenkbar, in Schweden unbestrittener Teil der offenen Gesellschaft. Gerade ist der aktuelle Verdienstkatalog erschienen.

Wolfgang Birk blättert im neuesten Taxeringskalender. Der hat 528 Seiten, und ist eng bedruckt mit den Angaben der Steuerzahler in Norrbotten. Wolfgang Birk forscht an der Universität Luleå und wohnt seit über 15 Jahren in Schweden. Dass er mit seinem kompletten Einkommen für jedermann ersichtlich in diesem Buch steht, war ihm neu: „Ok, 588.800. Ja, das stand so in der Steuererklärung. Spannend, weiß also jeder, was ich verdiene. Auch meine Nachbarn. Hier stehen ja auch Leute drin, die teilweise sehr geringe Einkommen haben, das ist ja auch nicht so angenehm, wie hier jemand mit 200 Kronen. An sich finde ich das unnötig, daraus ein Buch zu machen. Das ist ja fast schon Papierverschwendung.“

Der 43-jährige Forscher verdient also etwa 56.000 Euro im Jahr, damit liegt er im oberen Bereich, die meisten haben zwischen 15.000 bis 35.000 Euro verdient, Frauen haben - auch im gleichgestellten Schweden - oft weniger Lohn als Männer. Jedes Jahr im März kommt der Taxeringskalender heraus, die Angaben sind allerdings schon veraltet, im gerade erschienenen Verdienstkatalog sind die Zahlen von 2010 abgedruckt. Wie hoch war das versteuerte Einkommen sowie die Erträge aus Aktien und anderem Vermögen?

Und wie oft wird er denn nun genutzt, der Verdienstkatalog? Glaubt man den Leuten auf der Straße, dann dürfte ihn eigentlich niemand besitzen: „Nein, das interessiert mich überhaupt nicht, was mein Nachbar verdient, sagt eine Frau und hastet weiter zum Einkaufen, eine andere Passantin meint: „Ich verdiene eh wenig.“ Und ein paar Männer versichern, niemals in einem Taxeringskalender geblättert zu haben.

Persönliche Daten als Allgemeingut

Doch die Nachfrage ist nun mal da, sonst würden nicht mehrere Anbieter diese Informationen verkaufen. Entweder man kauft den Katalog für 25 Euro oder Angaben über Einzelne mit paar Klicks im Internet oder einer SMS zu einem der Anbieter . Und auch die Zeitungen drucken alljährlich die Listen der Toppverdiener. Anders Ingvarsson, Chefredakteur der Tageszeitung NSD meint, dass es die Leser einfach interessiert:

„Die Leute wollen wissen, wie viel der andere verdient. Es ist ein Teil unserer journalistischen Pflicht, wie wir auch die Angaben über Grundstücksverkäufe veröffentlichen. So sehen unsere Leser, welchen Wert die Immobilien in ihrer Gegend haben. Wir sehen das als einen Service für die Leser an. Und die Einkommensangaben geben auch einen Fingerzeig über die Lohnentwicklung in der Gesellschaft.“

So ein Fingerzeig ist, dass die ganz großen Vermögen in der nördlichsten Provinz nicht zu finden sind. Der reichste schwedische Mann ist laut Taxeringskalender Stefan Persson aus Stockholm, Aufsichtsratsvorsitzender des Bekleidungsunternehmens H&M mit umgerechnet 295 Millionen Euro an Einkünften. Generell verdienen Männer und Frauen in Stockholm im Schnitt doppelt so viel wie anderen Provinzen. In Luleå toppt Grundstücksverwalter Bengt Hedman mit 3.3 Millionen Euro die Einkommensliste. Doch auch in Schweden ist Kapital ein scheues Reh, öffentlich möchte sich der Wohlverdienende darüber nicht äußern.

Transparenz: Fluch oder Segen?

Angesichts solcher Transparenz dürften Vertreter der deutschen Piratenpartei in Schweden vor Neid erblassen. So beschränkten sich die Piraten im schwedischen Wahlkampf denn auf Urheberrechtsfragen oder den Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung. Denn das Öffentlichmachen von persönlichen Daten hat in Schweden einfach Tradition, wie Pressesprecher Bo Vesterlund vom Finanzamt in Luleå erklärt:

„In Schweden haben wir das Öffentlichkeitsprinzip. Wer auch immer kann Auskunft über allgemeine Beschlüsse bekommen, dazu zählen auch die Angaben zum Einkommen. Anfangs waren die in dicken Büchern notiert, den sogenannten Steuerrollen. Die Angaben über Einkommen sind stets öffentlich zugänglich.“

Seit 1903 gibt es bereits den Taxeringskalender. Dennoch bleibt, wenn auch aus deutscher Sicht, ein gewisses Unverständnis ob der schwedischen Selbstverständlichkeit, derlei persönliche Daten zum Allgemeingut zu erklären. Dänemark zum Beispiel ist deutlich restriktiver. In Norwegen allerdings sind alle Einkommensangaben sogar kostenlos im Internet zu finden. Auch Professor Wolfgang Birk von der Uni Luleå lässt sich seine Zweifel an der gängigen schwedischen Praxis nicht nehmen:

„Mich würde es sehr wundern, wenn es das in Deutschland gäbe. Denn es ist ja schon ein Eindringen in die Privatsphäre eines Menschen. Es wird sehr öffentlich für alle die man kennt und nicht kennt. Ich finde das schon eigenartig.“

Chefredakteur Anders Ingvarsson hingegen verteidigt die offene schwedische Gesellschaft. Mit seinem eigenen Verdienst hält der Chef übrigens auch nicht hinterm Berg: 77.500 Kronen, was umgerechnet 8.300 Euro sind, verdient Ingvarsson pro Monat. Für’s Geldverdienen braucht man sich nicht zu schämen, meint er:

„Diese Angaben sind ja in keinster Weise peinlich oder herabwürdigend für jemanden. Das sind nun mal Fakten, genauso wie die Adresse und Personennummer eines Menschen. Je mehr öffentlich ist, desto offener kann doch auch die Debatte werden. Wenn man anfängt etwas zu glauben, weil man es nicht weiß, befördert das doch nur Vorurteile und Verachtung.“

Katja Güth

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