Du måste aktivera javascript för att sverigesradio.se ska fungera korrekt och för att kunna lyssna på ljud. Har du problem med vår sajt så finns hjälp på http://kundo.se/org/sverigesradio/
Ein neuer Beruf

„Wir sind hier goldrichtig!“

Publicerat måndag 25 juni 2012 kl 10.00
„Wir sind relativ egozentrisch hierhergegangen"
(9:26 min)
1 av 4
Teamwork: Julia und Alexander Kemna beim Schaukochen ihrer Süßigkeiten (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
Neues Leben in der alten Schule. Wo früher gepaukt wurde, darf man heute Kaffee und Kuchen geniessen (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
2 av 4
Neues Leben in der alten Schule. Wo früher gepaukt wurde, darf man heute Kaffee und Kuchen geniessen (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
Alexander Kemna demonstriert die handwerksmässige Herstellung seiner Bonbons in der alten Dorfschule von Bredsättra auf Öland (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
3 av 4
Alexander Kemna demonstriert die handwerksmässige Herstellung seiner Bonbons in der alten Dorfschule von Bredsättra auf Öland (Foto: Sybille Neveling / Radio Schweden)
Julia Kemna in ihrem Café
4 av 4
Julia Kemna in ihrem Café

Das Ehepaar Kemna gehört zu den vielen Deutschen und anderen Europäern, die umsatteln, um in Schweden ein neues Auskommen zu finden. Mit diesem Beitrag starten wir eine Serie Berichte über diese Neuanfänger in Schweden.
Im Sommer 2009 sind Julia und Alexander Kemna mit ihren vier Kindern von Berlin in das 100-Seelen-Dorf Bredsättra auf Öland gezogen. Dabei haben sie ganz bewusst auf die Naschhaftigkeit der Schweden gesetzt und in der alten Dorfschule eine Bonbonkocherei mit Café eröffnet.

Schaukochen in Bredsättra: Julia und Alexander Kemna führen die handwerksmäßige Herstellung ihrer Süßwaren vor. Offensichtlich sind die beiden Mittvierziger ein eingearbeitetes Team. Sie hantieren routiniert kochend heiße Zuckermasse, Farben und Essenzen. Nebenbei erläutert Julia den Arbeitsvorgang vom Streuzucker bis zum fertigen Bonbon mit gutgelaunten Sprüchen und unverkennbarem deutschem Akzent.

In ihrem früheren – deutschen – Leben war Julia Kemna Schauspielerin. Ihr Auftritt bei der Kochvorführung ist so ziemlich das Einzige, was noch an den erlernten Beruf erinnert. Aber die Bühnenerfahrung war gerade zu Anfang beim Schaukochen sehr hilfreich: „Wir haben die ersten Vorführungen gemacht, als wir noch nicht mal ein Jahr hier gelebt hatten. Da ging das schon los, dass man öffentlich gesprochen hat. Ich hab ja vorher kein Schwedisch gesprochen. Und das traut man sich sonst nicht so ohne Weiteres, glaube ich.“

Nach dem Schaukochen nehmen die Kemnas sich Zeit für ein Gespräch. Ab und zu kommt ein Kunde in das gemütliche Café des Schulgebäudes von 1899. Beide Besitzer sind sichtlich stolz auf ihren Neuanfang. Alexander deutet auf die stilgerechten großen Fenster mit Blick auf die weißgetünchte Dorfkirche: „Ich hab das hier gemacht!“

Der Berliner Rechtsanwalt hat die Fenster eigenhändig eingesetzt. Den ganzen Umbau, die Renovierung der Schule in ein Wohnhaus und Café mit Bonbonkocherei hat er selbst gemacht.

Die Einrichtung des sonnigen Cafés im schwedischen Retro-Look hat seine Frau dann entworfen. Die beiden Existenzgründer haben sich für ein schwedisches Geschäftskonzept entschieden. Deutsches Brot zum Beispiel verkaufen sie nicht.

„Na ja. Man muss ja auch immer sehen: Wer sind die Hauptkunden? Das sind die Schweden hier. Ich backe natürlich auf deutsche Art. Ich habe aber mein Programm angepasst, auf das, was hier am beliebtesten ist. Das gilt auch für meine selbstgebackenen Brötchen, die ein bisschen reeller sind und nicht so viel Luft enthalten. Das wird hier sehr geschätzt. Ich hänge kein Schild raus ‚Deutsches Brot – deutscher Kuchen‘. Die Leute haben einfach gemerkt, ‚das ist lecker hier‘ und sie kommen wieder“, erklärt Julia Kemna ihr Konzept und steht auf, um einen neuen Gast mit Kaffee und Käsekuchen zu versorgen.

Ausgestiegen und umgesattelt

In den ursprünglichen Berufen hätten die Kemnas auf Öland nicht arbeiten können, stellt das Paar trocken fest. Alexander Kemna verdient seinen Lebensunterhalt erst seit dem Umzug mit einem Handwerksberuf.

„Wenn man in ein anderes Land geht, ist die Gastronomie immer der leichteste Einstieg. Vor allen Dingen, wenn die Sprachkenntnisse nicht dem entsprechen, was dem ursprünglichen Ausbildungsstand gleich kommt. Bei der Juristerei ist es ja so, dass die Sprache der wesentliche Kern der Arbeit ist, und dazu wäre ich nicht in der Lage gewesen. Davon abgesehen wollte ich auch was anderes machen. Ich wollte nicht Jurist bleiben.“

Trotz seines Berufswechsels kann Kemna seine juristischen Kenntnisse gut gebrauchen: „Es hat natürlich geholfen. Es hat geholfen, die Vorschriften zu lesen. Es hat geholfen, sich mit den Bestimmungen auseinander zu setzen und gegenüber der Verwaltung durchzusetzen. Zum Beispiel bei bestimmten Anforderungen, die aber eigentlich Kann-Vorschriften sind.“

Wir sind relativ egozentrisch hierhergegangen. Damit ich mehr Zeit für unsere Kinder habe und das Leben sich deutlich beruhigt. Alexander Kemna

Die Vorschriften für die Etablierung von Unternehmen in Schweden, für den Umbau und für das Lebensmittelrecht hat Alexander Kemna selbst herausgesucht und ausgelegt. „Also, man kann nicht sagen, dass es so schwer ist, sich damit auseinanderzusetzen. Im Lebensmittelbereich ist es europäisch geregelt, so dass ich die Vorschriften auf Deutsch lesen kann und weiß, was im Schwedischen steht. Da hilft die Europäische Union den einzelnen Migrations-, Reise- oder Umzugswilligen ganz erheblich.“

Für die vier Kinder war der sprachliche Wechsel auf Schwedisch wesentlich entspannter, erzählt Julia Kemna: „Ja, das ging alles viel besser als gedacht. Wir hatten zwar bei unserer Ältesten, Charlotte, vermutet, dass sie sich die Schule ganz schnell ranziehen wird, weil sie eben mit den Sprachen sehr fit ist. Als wir hierherzogen, war sie neun Jahre. Die Nächste war sieben und die Zwillinge waren fünf. Die beiden Mädchen hatten gleich Schwedischunterricht, vier Mal die Woche, nach der Schule ungefähr eine Stunde lang. Ich glaube, das war unheimlich lustig für die und sehr erhellend. Sie kamen eigentlich jeden Tag sehr fröhlich aus der Schule. Nach einem halben Jahr war die Sprachfrage schon überhaupt kein Thema mehr. Inzwischen sagen die Lehrer, dass man den Mädchen nicht mehr anmerkt, dass Schwedisch nicht ihre Muttersprache ist, schriftlich wie mündlich.“

Weniger Leistungsdruck

Überhaupt funktioniere der Lehrbetrieb in einer kleinen Schule auf Öland ganz anders als in Berlin, der Leistungsdruck sei wesentlich geringer. Julia Kemna ist begeistert: „Paradiesisch eigentlich. Wir sind für unsere Kinder sehr glücklich, dass sie diesen manchmal sehr großen Druck, den schon die unteren Klassen in Deutschland erleben, hier nicht haben. Wir haben vier Kinder, die glücklich aus dem Schulbus steigen und sagen: ‚Mama, das war toll!‘  Wir haben ja immer Vergleiche mit den Kinder von Freunden, die einen wahnsinnigen Druck haben, teilweise auf Hobbys verzichten müssen, weil sie schon in der vierten und fünften Klasse für die Schule arbeiten müssen.“

Dass der Schulweg in den ländlichen Gebieten Schwedens länger ist, sei kein Problem. „Sogar schon in der Vorschule fährt man mit dem Schulbus. Da dacht ich, die Mädels sind unheimlich tough, als sie an ihrem ersten Schultag ‚im fremden Land‘ in die fremde Schule ganz alleine mit dem Schulbus gefahren sind. Da war ich sehr stolz auf die zwei. Und die Jungs haben ja nur drauf gewartet, bis sie nun endlich auch mit dem Schulbus fahren durften. Ihr Lieblingsfahrer heißt Tobbe. Die fahren unheimlich gerne mit dem Schulbus. Der hält hier vor der Tür und liefert sie wieder hier ab. Also, ich finde das perfekt.“

Vorbereitung A und O

 Völlig planlos verpflanzt man eine sechsköpfige Familie natürlich nicht in ein anderes Land. Die Kemnas kannten Öland gut, als sie sich entschlossen, das alte Schulgebäude in Bredsättra zu kaufen und dort eine Süßwaren-Manufaktur aufzumachen.

Schon als Kind hat Alexander die Sommerferien bei seinem Onkel auf Öland verbracht, über die kulinarischen Vorlieben der Schweden wusste er Bescheid. „Dass Süßigkeiten zum schwedischen Leben gehören, das wussten wir. Das sieht man hier in jedem Supermarkt. Die Süßigkeitentheken sind zwei bis drei Meter lang und 1,5 Meter hoch mit ungefähr 40 Sorten. Also Süßigkeiten gehen in Schweden immer. Wir wussten natürlich nicht, ob an der Ostküste von Öland überhaupt jemand vorbeikommt, um sich Süßigkeiten zu kaufen.“

Ein Viereck auf der Landkarte

„Bevor wir uns dieses Objekt gekauft haben, habe ich immer die Lokalzeitungen gelesen und die Statistiken über den Verkehrsstrom von Touristen gesehen. Ich wusste, hier fahren im Sommer an der Ostküstenstraße 3 000 Fahrzeuge lang. Auf der Westküstenstraße 20 000 Fahrzeuge…  Und als wir auf der Suche nach einem Objekt waren, haben wir auf die Öland-Karte ein großes Rechteck gemalt, das war der Bereich, in dem wir nach irgendetwas gesucht haben, was passen könnte, für eine Bonbonherstellung.“  

Wie lange haben Sie gesucht?

„Eigentlich war es dann letztlich nur ein halbes Jahr“, rechnet Julia rasch aus. „Also zwischen ‚Wenn wir was richtiges finden, dann machen wir das‘ – und dass das hier im Netz auftauchte. Im April haben wir dann die Zusage bekommen dafür.“

Und während dieser Zeit haben sie in Deutschland auf Absprung gesessen?

„Nein“, wehrt Alexander Kemna ab. „Ich hab ganz normal gearbeitet. Wenn es nicht gepasst hätte, wären wir geblieben, und so war dann eben relativ plötzlich die Abwicklung zu treffen.“

In der Phase vor dem Umzug war in Berlin abends beim Essenkochen oft die Sendung von Radio Schweden eingeschaltet.

Angekommen

Nennenswerte Unterstützung durch Behörden in Form von Tipps und Einweisungen für ihre Unternehmensetablierung haben die Kemnas nicht bekommen.

Das Dorf  Bredsättra hat knapp 100 Einwohner. Als die deutsche Familie mit vier Lastwagen voller Umzugskartons eintraf, ließen Alteingesessene und Neuankömmlinge es zunächst ruhig angehen. „Die Menschen haben sich gefreut, dass das Haus nicht noch ein weiteres Sommerhaus geworden ist“, sagt Alexander Kemna. „Wir sind nicht herumgegangen und haben gesagt ‚Hallo, wir sind die Neuen!‘ Sondern wir haben erstmal unsere Sachen ausgepackt und wurden dann von allen mehr oder weniger über den Zaun begrüßt. Wer vorbei kam, guckte neugierig, was denn hier passierte. Und dann sind wir eben vor gegangen, haben uns vorgestellt, und dann haben die anderen sich vorgestellt.“

Was für eine Einstellung braucht man, wenn man sich im Ausland etablieren möchte, so wie Sie das getan haben? „Also man sollte nicht zu viel Hilfe erwarten, man muss schon ziemlich auf eigenen Füßen stehen. Man muss schon ein gesundes Selbstbewusstsein haben, dass man sich auch dann so durchkämpft. Wenn man erwartet, dass einer einen an die Hand nimmt und betätschelt, und sagt: ‚Ach komm mal, ich helf‘ dir jetzt mal‘, dann kann man die Sache eigentlich vergessen“, findet Julia Kemna.

Sybille Neveling

Kalmar - beliebt bei deutschen Einwanderern

Das Schloss von Kalmar

Die südschwedischen Provinz Kalmar hat rund 234 000 Einwohner. Zu ihnen gehören verhältnismäßig viele Menschen deutscher Herkunft. Von Kalmar aus werden unter anderem die als Ferienziel bekannte Ostseeinsel Öland und die Gegend um den „Astrid-Lindgren-Ort“ Vimmerby verwaltet. Auf Öland hatten im Januar 2011 156 Personen, die in Deutschland geboren wurden, ihren Erstwohnsitz, im Gesamtbereich Kalmar waren es 2 195.

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Har du frågor eller förslag gällande våra webbtjänster?

Kontakta gärna Sveriges Radios supportforum där vi besvarar dina frågor vardagar kl. 9-17.

Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".