Mehr Scheidungen - mehr Gleichstellung
Fast jede zweite Ehe geht in Schweden in die Brüche. Doch die private Bruchlandung vieler Paare muss gesellschaftlich gesehen kein Rückschritt sein – im Gegenteil. Das zeigt eine Dissertation, die an diesem Freitag an der Universität Umeå vorgelegt wurde. Demnach steht hinter den gestiegenen Scheidungszahlen seit Beginn des vorigen Jahrhunderts vor allem die gewachsene Gleichstellung der Geschlechter, und in der Tatsache, dass sich heute mehr Gering- als Besserverdienende scheiden lassen, spiegelt sich auch ein stabileres soziales Schutznetz wider.
Sich scheiden zu lassen, gehört in Schweden schon fast zum guten Ton - Spitzenpolitiker wie Regierungschef Fredrik Reinfeldt und seine Noch-Ehefrau, die Stockholmer Gesundheitsstadträtin Filippa, sind da keine Ausnahme. Das einstige Glamour-Paar absolviert mit Blick auf die gemeinsamen Kinder noch eine halbjährige Bedenkzeit. Darüber hinaus laufen Scheidungen hier zu Lande unkompliziert. Zum Beispiel per Internet: Unter „Scheidung online“ gibt’s das komplette Scheidungspaket, in maximal vier Tagen für umgerechnet 234 beziehungsweise 187 Euro, je nachdem, ob Kinder im Spiel sind oder nicht.
Schulessen und Kindergeld
All jenen, die sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit ihrem Ehepartner herumärgerten, wären dergleichen Aussichten wohl wie ein Stück Science Fiction erschienen. Damals, so belegt die Dissertation von Glenn Sandström, ließen sich vor allem gut betuchte Menschen scheiden; eine Trennung musste man sich ganz einfach leisten können. 1915 kam auf 1000 verheiratete Frauen eine Scheidung. 1975 waren es dann schon 15 Scheidungen geworden. „In den 1930-er Jahren ließen sich Besserverdienende noch immer in weitaus höherem Maße scheiden als Niedrigverdiener“, so Glenn Sandström im Schwedischen Rundfunk. „Aber in den 1960-er Jahren sieht man, dass sich die Dinge umgekehrt haben: Jetzt sind es im Gegenteil vor allem Menschen aus der Arbeiterklasse, die ihre Ehen auflösen lassen. Dieser Zusammenhang scheint seither Bestand zu haben. Ein hohes Bildungsniveau und hohe finanzielle Einkünfte haben auch heute die Tendenz, das Scheidungsrisiko zu verringern, während es bei niedrigen Einkünften und geringem Einkommen steigt.“
Wie Sandströms Forschung zeigt, hat es der schrittweise Ausbau des Wohlfahrtsstaates vor allem im zurückliegenden Jahrhundert Gruppen mit angestrengter ökonomischer Lage immer leichter gemacht, aus einer unbefriedigenden Beziehung auszubrechen und sich auf eigene Beine zu stellen. In diesem Zusammenhang nennt er Faktoren wie Kindergeld und kostenloses Schulessen, die den Einzelnen beziehungsweise vor allem die Einzelne unabhängiger von der Versorgung durch den Ehepartner gemacht haben. Auch in Schweden geht die Initiative für eine Scheidung inzwischen mehrheitlich von den Frauen aus.
Weiter nahe beieinander
„Die Möglichkeit, Unzufriedenheit mit der Beziehung auszudrücken, indem man sich scheiden lässt, kann man also auch als eine Form der Demokratisierung sehen“, betont Glenn Sandström. „Eine Demokratisierung, die sich immer weiter verbreitet hat, teils zwischen den Geschlechtern und teils zwischen verschiedenen sozialen Schichten.“ Eine Tendenz, die sich angesichts der sozialen Entwicklung fortsetzen dürfte. In kaum einem anderen westlichen Land hat sich laut OECD die Kluft zwischen Gut- und Schlechtverdienern in jüngster Vergangenheit so vergrößert wie in Schweden. Gemeinsam geschaffener Reichtum wie beispielsweise ein Millionenobjekt auf dem hysterischen Stockholmer Wohnungsmarkt dürfte auch weiterhin manches Paar in der Zweckgemeinschaft verharren lassen.
Eine weitere, ebenfalls an der Universität Umeå vorgelegte Studie zum Thema Scheidungen zeigt einen weiteren Trend: Geschiedene Eltern wohnen heut zu Tage geografisch näher beieinander als noch vor 20 Jahren. 1990 ging man durchschnittlich 63 Kilometer auf Abstand, 2005 war die Entfernung auf 45 Kilometer gesunken. Als Erklärung liegt hier der Trend des gemeinsamen Sorgerechts nahe. Es wird in wachsendem Maße ganz praktisch umgesetzt, indem die Kinder wechselweise bei jeweils einem der Ex-Partner wohnen. Bei den Sechs-bis Neunjährigen pendelt inzwischen jedes zweite Trennungs- und Scheidungskind nach dem Motto „Jede zweite Woche“ zwischen Mama und Papa hin und her.