Wer´s glaubt, wird selig?

Religiöse Freischulen: "Schweden ist naiv"

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Schwedens Schulsystem: Experiment mit ungewissem Ausgang (Foto: Erik G Svensson/Scanpix)

Homosexualität ist heilbar, Gewalt in der Ehe in Ordnung und die Frau dem Manne untertan. Das lernen Schüler hier und heute im demokratischen Musterland Schweden, auf Kosten des Steuerzahlers. Religiös orientierte so genannte Freischulen, öffentlich finanziert und in freier Trägerschaft, haben in den vergangenen Jahren merkbar an Terrain gewonnen. Parallel dazu wächst die Kritik an Missständen – allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Der Wildwuchs konfessioneller Schulen sorgt unterdessen bereits für Aufmerksamkeit im Ausland. Das schwedische Schulsystem öffne dem Einfluss von Sekten Tür und Tor, warnte der Sektenbeauftragte des Europarates im Dezember. Insgesamt sei die Kontrolle hiesiger Schulen viel zu schlapp. Doch im Stockholmer Bildungsministerium weist man die Einwände zurück.

Veröffentlicht fredag 18 januari 2013 kl 12:54

„Wenn Du Angst um Dein Leben hast … aber so einer ist Dein Mann ja nicht, oder? Na also. Da muss man doch nicht gleich die Polizei rufen.“ Sich weiter prügeln lassen und still halten – das rät Imam Abdu Rashid im Mai 2012 in der Göteborger Moschee einer Frau, die vorgibt, von ihrem Mann geschlagen zu werden, und die das Gespräch im Auftrag des Schwedischen Fernsehens heimlich filmt. Als ruchbar wird, dass der Imam gleichzeitig Lehrer an der muslimischen Göteborger Römosse-Schule ist, zitiert die Schulaufsicht deren Rektor zu sich und stellt bohrende Fragen: Verbreitet der Imam seine bizarren Meinungen gar mitten im Unterricht? Keineswegs, versichert eilfertig der Rektor. „Ja, also – er hat sich nicht in seiner Eigenschaft als Lehrer geäußert“, summiert daraufhin Hans Larsson von der Schulaufsicht, wenn auch etwas zögerlich.

Wie auch immer: Das Problem ist somit vom Tisch – die Schulaufsicht hat erneut die gewohnte ganze Arbeit geleistet. Das bescheinigt ihr zumindest der Staatssekretär im Bildungsministerium, Bertil Östberg, der im Übrigen für die Kritik des Europarates wenig Verständnis aufbringt. Die Kontrolle sei vielleicht nicht hundertprozentig, von Schlappheit könne aber keine Rede sein, zitiert ihn die Nachrichtenagentur TT. Überdies habe die Schulaufsicht im Sinne weiter verbesserter Kontrollen jüngst mehr finanzielle Mittel und Einspruchsmöglichkeiten erhalten.


Goldgrube Freischule


Die Behörde, die es seit 2008 gibt, hat zwei Hauptaufgaben: Sie inspiziert bestehende kommunale und freie Schulen – in der Regel einmal alle fünf Jahre und nach vorheriger Anmeldung –, und sie entscheidet, wer überhaupt eine neue Freischule gründen darf. Berufen fühlen sich viele: Abgesehen von beispielsweise religiösen Beweggründen kann eine Freischule für den Betreiber eine echte Goldgrube sein. Pro Schüler fließt ihm vom Staat nämlich eine festgesetzte Summe zu, in gleicher Höhe wie für Schüler kommunaler Schulen. Diese Steuergelder darf er in Gewinne ummünzen, die stattliche Höhen erreichen können. Nicht umsonst organisieren sich viele schwedische Schulen inzwischen als Großkonzerne.

„Wenn wir einen Antrag prüfen, schauen wir einerseits, ob der Antragsteller die laut Regelwerk erforderlichen Voraussetzungen mitbringt“, so Andreas Spång von der Schulaufsicht gegenüber Radio Schweden. „Dabei geht es unter anderem um rein wirtschaftliche Erfordernisse. Andererseits muss gesichert sein, dass die schwedische Gesetzbrarkeit eingehalten wird und die Wertungen an der Bildungsstätte nicht gegen die Werte verstoßen, die grundsätzlich in der schwedischen Schule vermittelt werden.“


Mühsamer Spagat


In Sachen Religion folgt die Behörde dabei dem Spagat, den die Politik vorgibt und der laut Andreas Spång in folgender goldenen Regel mündet: „Der Unterricht in freien Schulen soll nicht-konfessionell sein. Im übrigen Schulbetrieb dürfen konfessionelle Aspekte aber vorkommen. Um es einfach zu erklären: In geplanten Schulstunden, zum Beispiel im Mathematik- oder im Englischunterricht, hat Religion nichts zu suchen. In anderem Rahmen kann sie aber durchaus auftauchen, so in Form von Morgengebeten oder indem man die Klassenzimmer mit religiösen Symbolen ausgestaltet.“ Nach offizieller Logik ist mit diesen Vorgaben gesichert, dass die Schüler einer Freischule nicht ungebührlich religiös beeinflusst werden.

Metta Fjelkner, Vorsitzende des Landesverbandes der Lehrer, hält das für absurd: „Wir haben hier im Land religiöse Freischulen, und man muss sich im Klaren darüber sein, was das bedeutet. Schließlich eröffnet niemand eine religiöse Freischule, um sich dort nicht mit Religion zu beschäftigen. Schweden befindet sich in einer Art Niemandsland. Wir sagen, ja, es gibt diese Schulen – aber religiöse Beeinflussung findet nicht statt. Dabei ist es selbstverständlich, dass die Schüler von ihrer Umgebung beeinflusst werden", so Fjelkner im Gespräch mit Radio Schweden.


Gott macht Schwule zu Heteros


Anstelle derartiger Reflektionen bevorzugt die Schulaufsicht im Staatsauftrag den unbeirrten Blick ins Regelwerk. Infolgedessen hat sich die schwedische Schullandschaft zu einem farbenfrohen Mosaik entwickelt, auf dem keineswegs nur muslimische Bildungsstätten mit eigenwilligen Ansichten hervorstechen.

Immer wieder in die Schlagzeilen gerät beispielsweise die Labora-Schule in Långeryd. Betrieben wird sie von der weltumspannenden Plymouth-Brüder-Sekte, die Frauen als dem Mann untergeordnet ansieht und nach größtmöglicher Abschirmung ihrer Mitglieder von der Umwelt strebt – an ihrem Unterricht ist laut Schulaufsicht aber nichts auszusetzen. Und Karl-Erik-Lundin, Rektor der christlichen Schule Oasen in Sundsvall, gab vergangene Woche im Schwedischen Rundfunk heiße Tipps zur Bekämpfung von Homosexualität: „Bei einem meiner früheren Studienkameraden verschwand die Homosexualität, nachdem er gebetet hatte. Mein Gottesglauben sagt mir eben, dass Gott mich in jedem beliebigen Bereich verändern kann.“

Mit dem Bekenntnis, von der wundersamen Verwandlung von schwul zu hetero auch seinen Schülern erzählt zu haben, liegt Lundin nun freilich in der Gefahrenzone. Unter Umständen warten Kontrollen durch die Schulaufsicht, die „sehr streng“ sind, wie Andreas Spång von der Behörde mehrfach betont.


Mythos gottloses Schweden


Das neue Schulgesetz vom Sommer 2011 gibt der Schulaufsicht erweiterte Sanktionsmöglichkeiten; so kann sie Geldstrafen verhängen. Allerdings ist es äußerst selten, dass eine Schule aufgrund der Kritik geschlossen wird. Genauer gesagt ist dies seit dem Sommer 2011 nur ein einziges Mal passiert, nämlich im vergangenen Jahr im Fall der muslimischen Al-Huda-Schule in Solberga bei Stockholm, die schon seit Jahren auf der Liste der schwarzen Schafe gestanden hatte. Laut dem letzten Inspektionsbericht kämpfte die Schule mit „Problemen in nahezu allen Bereichen“; so gab es in sämtlichen obligatorischen Fächern zu wenig Unterrichtsstunden.

Metta Fjelkner, deren Lehrergewerkschaft schon 2005 starke Kritik gegen religiöse Freischulen anmeldete, ist skeptisch, dass Schweden auf absehbare Zeit das Problem grundsätzlich angeht. „Unser Haupteinwand ist, dass die Schulen zur Segregation beitragen. In Schweden streben wir Integration an, Schüler mit unterschiedlichem Hintergrund sollen sich in einer Schule treffen können, die für alle da ist“, so Fjelkner. Indem man religiösen Schulen verschiedener Glaubensrichtungen gestatte, sich vom übrigen Schweden zu isolieren, würden diese Bestrebungen torpediert. Doch bisher stehe die Gewerkschaft mit ihrer Kritik weitgehend allein. „Keine politische Partei traut sich, in gleicher Weise wie wir Stellung zu beziehen. Man duckt sich vor dieser Frage. Für viele Politiker ist es ein vermintes Gebiet, eine Frage, die enorm viele Gefühle aufrührt. Oft heißt es ja, Schweden sei eine säkulare Gesellschaft. Aber ich möchte behaupten, es gibt hier im Gegenteil enorm starke religiöse Kräfte verschiedener Coleur.“


„Schweden ist naiv“

 
Schweden – eine Art Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswerden kann? Als zu Beginn der 1990er Jahre die so genannte Freischulen-Reform in Kraft trat, habe man guten Glaubens auf mehr Vielfalt setzen wollen, sagt Metta Fjelkner, beispielsweise auf das Betreiben von Schulen durch Elternkooperativen. Mittlerweile seien nicht zuletzt enorme wirtschaftliche Interessen im Spiel, verteidigten Schulkonzerne ihre Pfründe mit Zähnen und Klauen. Das mache Veränderungen nicht einfacher. Belässt man also besser alles beim Alten? Der zuständige Staatssekretär im Bildungsministerium, Bertil Östberg, ist für Radio Schweden nicht zu sprechen.

Gleichwohl rumort es, zumindest in der Opposition. Kinder sollten nicht entsprechend der Religion ihrer Eltern in Schubladen gesteckt werden, heißt es beispielsweise in einem Antrag auf eine Verschärfung der Regeln für religiöse Freischulen, den der Sozialdemokrat Christer Adelsbo im Reichstag eingebracht hat. Dass Sekten wie die Plymouth-Brüder hierzulande Schulen betreiben dürfen, ist laut Adelsbo Beleg für ernste Mängel im Schulsystem. In Sachen Freischulen sei Schwedens Gesetzgebung sehr liberal – „und wahrscheinlich geradezu naiv“.

Anne Rentzsch

Schlüsselbegriffe

Kinder und Erziehung Bildung

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