Übergriffe in Heimen und Pflegefamilien

Misshandelte Pflegekinder erhalten oft keine Entschädigung

Barn på barnhem
Viele ehemalige Pflegekinder denken nur ungern an ihre Kindheit zurück

Von den zahlreichen ehemaligen Pflegekindern, die in staatlichen Heimen und Pflegefamilien Übergriffen ausgesetzt waren, erhält nahezu jeder Dritte keine Entschädigung vom Staat. Dies ergab eine vom Schwedischen Rundfunk durchgeführte Analyse der bisher gut 300 vom zuständigen Entschädigungsrat gefällten Entscheidungen. 

Veröffentlicht torsdag 20 juni 2013 kl 13:51

Für die Betroffenen ist die Ablehnung ihrer Anträge ein Schlag ins Gesicht und nach den Übergriffen in der Kindheit nun bereits das zweite Mal, dass sie sich vom Staat im Stich gelassen fühlen.

"Zuerst wurde ich sehr traurig, als mir die Entscheidung mitgeteilt wurde. Dann wurde ich wütend. Werde ich jemals irgendeine Genugtuung erhalten, bevor ich ins Grab komme? Ich glaube nicht daran", erzählt Gudrun Larsson, deren Antrag auf staatliche Entschädigung kürzlich abgelehnt wurde, in einem Interview mit dem Schwedischen Rundfunk.

Pflegeeltern nicht verantwortlich

Larsson war in ihrer Kindheit bei einer Pflegefamilie untergebracht und dort mehrmals sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Da diese jedoch von einem Mann, der zwar auf dem Hof der Pflegeeltern wohnte, aber nicht direkt zur Familie gehörte, verübt wurden, entschied der Entschädigungsrat, dass die Pflegeeltern dafür nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Ergebnis: Gudrun Larsson erhält keine staatliche Entschädigung für das ihr zugefügte Leid.

So wie ihr geht es vielen der ehemaligen Pflegekinder, die sich derzeit um Entschädigungszahlungen bemühen. Nach langem Hin und Her hatte die schwedische Regierung im Herbst 2011 beschlossen, dass Personen, die zwischen 1920 und 1980 in staatlichen Kinderheimen oder Pflegefamilien Gewalt oder Übergriffen anderer Art ausgesetzt waren, vom Staat dafür entschädigt werden sollen. Nach einem offiziellen Antrag und einem Vorsprechen bei einem eigens dafür eingesetzten Rat sollen pro Person umgerechnet etwa 30.000 Euro ausgezahlt werden.

Übergriffe mit "ernstem Charakter" Bedingung

Um die Entschädigung zu erhalten, müssen die erlittenen Übergriffe aber von "ernstem Charakter" gewesen sein. Darunter fallen beispielsweise sexueller Missbrauch, Körperverletzung, Zwang zu extrem harter Arbeit oder Ähnliches. Außerdem müssen die Pflegeeltern oder das Kinderheim-Personal für die Vergehen verantwortlich gemacht werden können. Wessen Geschichte diese Bedingungen nicht erfüllt, der erhält auch kein Geld.

Nach Ansicht von Anne Skåner, der früheren Vorsitzenden des Vereins "Stiefkinder der Gesellschaft", sind diese Regeln zu streng: "Viele dieser Menschen wurden um ihre Kindheit bestohlen. Ihnen wurden Familie, Geschwister, ja alles genommen. Dass man die Hürde dann so hoch legt, wie es jetzt der Fall ist, finde ich unmenschlich."

Jeder Dritte geht leer aus

Seit Jahresbeginn sind beim zuständigen Rat nahezu 3000 Anträge auf Entschädigungszahlungen eingegangen. Nach Recherchen des Schwedischen Rundfunks wurde in 319 Fällen bereits eine Entscheidung gefällt - und in bisher 100 davon fiel diese negativ aus. Fast jeder Dritte Antragsteller erhält also kein Geld vom Staat. Göran Ewerlöf, der Chef des Entschädigungsrates, verteidigt jedoch die hohe Zahl an Ablehnungen:

"Das liegt auf einem Niveau, das ich angemessen finde. Nach dem aktuellen Gesetz ist man nur bei Übergriffen oder Versäumnissen der schwersten Art zu einer Entschädigung berechtigt. Deshalb gibt es leider viele, denen Leid angetan wurde, die aber keine Entschädigung bekommen können. Ohne Zweifel ist das so."

Norwegen zahlt häufiger

Im Vergleich zu Norwegen, wo der Staat seinen ehemaligen Pflegekindern ebenfalls Entschädigungen gezahlt hat, wird in Schweden strenger entschieden. Im westlichen Nachbarland haben nur fünf bis sechs Prozent der Antragsteller eine Ablehnung erhalten. Laut Göran Ewerlöf hängt dies jedoch damit zusammen, dass man dort unterschiedlich hohe Beträge ausgezahlt habe und nicht, wie hierzulande, die gleiche, relativ hohe Pauschalsumme für alle.

Von den ehemaligen schwedischen Pflegekindern, denen eine Entschädigung zugesprochen wurde und die bereits ihr Geld erhalten haben, sind aber auch längst nicht alle zufrieden. Einer von ihnen ist Peter Lindberg, der auch Sprecher eines Opfervereins ist. Er fordert, dass neben dem Staat nun auch die schwedischen Gemeinden die Verantwortung für die begangenen Übergriffe der Vergangenheit übernehmen sollten:

"Erst wenn ich von den Gemeinden eine Entschädigung bekommen habe, wenn die ihren Anteil bezahlt haben, kann ich feiern. Das Bisherige ist nichts wert, bis die Kommunen ihre Verantwortung übernommen und Leute, denen Leid zugefügt wurde, entschädigt haben."

Frank Luthardt

Schlüsselbegriffe

Kinder und Erziehung Soziales

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