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Neues Buch: „Sein Hass auf Deutschland war verratene Liebe“

Publicerat tisdag 8 april 2014 kl 10.27
"Mensch sein bedeutet Geschichten zu erzählen"
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Die Großeltern Minna und Gustav Wächter (Foto: www.onthisday80yearsago.com veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors)
Der Sohn Walter Wächter (r.) mit seiner damaligen Freundin Liesbeth (Foto: www.onthisday80yearsago.com)
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Der Sohn Walter Wächter (r.) mit seiner damaligen Freundin Liesbeth (Foto: www.onthisday80yearsago.com)
Der Enkel: Schriftsteller Torkel Wächter (Foto: www.onthisday80yearsago.com mit Erlaubnis des Autors)
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Der Enkel: Schriftsteller Torkel Wächter (Foto: www.onthisday80yearsago.com mit Erlaubnis des Autors)
Das Haus der Großeltern am Eppendorfer Weg in Hamburg (Foto: www.onthisday80yearsago.com veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors)
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Das Haus der Großeltern am Eppendorfer Weg in Hamburg (Foto: www.onthisday80yearsago.com veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors)
Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung Hechaluz, die sich in Schweden auf ein Leben im israelischen Kibbuz vorbereiten sollten (Foto: www.onthisday80yearsago.com mit Erlaubnis des Autors)
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Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung Hechaluz, die sich in Schweden auf ein Leben im israelischen Kibbuz vorbereiten sollten (Foto: www.onthisday80yearsago.com mit Erlaubnis des Autors)
Die zweite der insgesamt 32 Postkarten
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Die zweite der insgesamt 32 Postkarten
Das Cover des neuen Buches (Foto: www.onthisday80yearsago.com veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors)
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Das Cover des neuen Buches (Foto: www.onthisday80yearsago.com veröffentlicht mit Erlaubnis des Autors)

Ein Fund veränderte sein Leben: Vor zehn Jahren fand der schwedische Schriftsteller Torkel Wächter auf dem Dachboden seines Stockholmer Elternhauses ein paar Umzugskartons.  Sie enthüllten die ihm bis dahin unbekannte Lebensgeschichte seiner deutsch-jüdischen Familie.

Wächters Interesse war geweckt, er lernte Deutsch und machte sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Einen Bruchteil  des Dachbodenschatzes hat er jetzt in einem Buch veröffentlicht. „32 Postkarten - Post aus Nazideutschland. Das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg“ heißt es. Geschrieben haben die Postkarten Wächters Großeltern Minna und Gustav, Adressat war der nach Schweden emigrierte Sohn. Karin Häggmark sprach mit Torkel Wächter:

Radio Schweden: Herr Wächter, was mir beim ersten Durchlesen des Buches am meisten aufgefallen ist, war die unglaubliche Normalität des Inhalts der Postkarten. Nähme man die Karten aus ihrem Kontext heraus, so käme man nie auf die Idee, in welch‘ furchtbarer Situation sich Ihre Großeltern damals befanden…

Wächter: Ja, das stimmt. In den Karten gibt es zum Beispiel kein Wort über den Krieg. Das konnten sie nicht schreiben, weil es Zensur gab. Die Postkarten sind Mitteilungen an ihren Sohn Walter und sollten erzählen, dass es ihnen gut geht. Gustav und Minna sind in einer fürchterlichen Situation, aber was macht man denn, um weiterzuleben? Man muss sich anstrengen, Normalität zu bewahren und sie haben versucht, an dieser Normalität wirklich festzuhalten.

Beim zweiten Lesen habe ich dann versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, und da merkt man dann doch, welch‘ unglaubliche Sehnsucht Minna und Gustav nach ihrem Sohn hatten, wie sehr sie ihn liebten und auch, wie sich ihr Lebensraum immer mehr einschränkte, ohne dass sie das explizit schreiben…

Ja, und das wussten die Söhne (Gustav und Minna Wächter hatten insgesamt drei Söhne  Anm. d. Red.). Sie verstanden auch, was gemeint war, wenn Gustav und Minna über Herrn Prall oder andere Freunde schrieben, die im Krankenhaus sind und mehrere Wochen dort bleiben mussten. Dann verstehen die Söhne, dass diesen Freunden etwas Unangenehmes passiert ist, dass sie von der Gestapo verhört wurden oder auf der Straße junge Nazis getroffen haben.

Sie selbst haben Ihre Großeltern nie kennengelernt. Sie wurden 1941 nach Riga deportiert und starben in einem Konzentrationslager. Haben Sie sich aufgrund dieser Postkarten ein Bild von Ihren Großeltern machen können?

Ja, ich habe sie durch die Postkarten kennengelernt. Ich war 40 Jahre alt, als ich ein Bild meiner Großmutter sah - mein Vater hatte zwar Fotos aus seinem früheren Leben, aber er hat sie uns nie gezeigt. Auf dem Bild sah ich die Augen meiner Großmutter und sah, dass das dieselben Augen sind, die ich habe und die meine Kinder haben. Und da habe ich gewusst, das ist sie!

Ihr Vater hat mit Ihnen nie über seine Vergangenheit geredet und er hat bei der Geburt seines ersten Sohnes geschworen, dass seine Kinder nie Deutsch hören müssten…

…ja, das stimmt. Ich habe Deutsch als Erwachsener lernen müssen und deswegen spreche ich mit diesem „charmanten“ Akzent (lacht). Das ist leider so…

Sie sind also in seinem Umfeld aufgewachsen, in dem ein sehr negatives Bild von Deutschland vermittelt wurde…

…das habe ich gedacht, ich habe es als Hass auf Deutschland verstanden. Aber was ist Hass? Hass ist enttäuschte Liebe. Und mein Vater hat seine Heimat sehr geliebt. Seine Fächer waren deutsche Literatur, deutsche Geschichte und deutsche Philosophie. Das war eine große Liebe, aber eine verratene Liebe und deswegen war es so kompliziert für ihn, über all das zu sprechen.

Nach dem Tod Ihres Vaters finden Sie alle diese Dokumente und Sie fangen an Deutsch zu lernen. Sie haben also den Wunsch oder die Ratschläge Ihres Vaters in den Wind geschlagen und haben sich in diese Vergangenheit reingestürzt. Warum?

Ich bin mir nicht ganz sicher, dass mein Vater es als etwas Böses angesehen hätte, dass ich Deutsch gelernt habe. Mensch zu sein bedeutet, dass man Geschichten braucht, um zu verstehen, wer man ist. Eine Familie, eine Nation, auch Religion sind Geschichten. Wir brauchen Geschichten; und wenn Geschichten wie die meiner Großeltern nicht erzählt werden, dann werde ich neugierig. Aber es ist auch das unantastbare Recht eines Menschen, über seine Vergangenheit zu schweigen, so wie es mein Vater getan hat. Und gleichzeitig ist es das unantastbare Recht eines Menschen, seine Geschichte zu kennen. Als ich selbst Vater wurde, da wollte ich meinen Kindern ihre Geschichte erzählen können. Mein Vater konnte das nicht und ich kann das gut verstehen - ich fand es insgesamt großartig, wie er sein Leben nach dem Krieg gemeistert hat. Für mich aber war es möglich, meinen Kindern ihre Geschichte zu erzählen, und dazu musste ich Deutsch lernen.

Sie haben aber nicht nur Deutsch gelernt, sondern sind auch noch einen Schritt weiter gegangen: Ihren Großeltern wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, bevor sie deportiert wurden. Sie haben sie wieder angenommen. Was war das - Trotz, Rache, Identifikationsbedürfnis?

Also, mein Großvater war ein deutscher Beamter und er wäre wirklich froh, wenn er wüsste, dass er deutsche Enkel und Urenkel hat. Ich finde das natürlich. Es gibt dieses Gesetz, wonach man seine Staatsbürgerschaft zurückbekommen kann, wenn sie einem entzogen wurde. Das gilt auch für Kinder und Enkel. Und wegen dieses Gesetzes habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und ich finde, das ist ein sehr gutes Gesetz.

Mittlerweile haben Sie sich ja sehr intensiv mit dem Material beschäftigt und die 32 Postkarten können Sie nun vermutlich auswendig. Hat sich denn vom ersten Lesen bis heute viel verändert?

Es hat sich viel verändert. Als ich die Postkarten das erste Mal sah, da verstand ich sie nicht. Sie sind in Sütterlin mit sehr, sehr kleiner Schrift geschrieben und da habe ich sie als Kunstobjekte gesehen. Ich wusste, dass sie etwas Besonderes sind. Die Transkriptionen(Wächter beauftragte die Sütterlinstube in Hamburg mit dem Transkribieren der Postkarten   Anm. d. Red.) haben mich stückweise erreicht und es war ein besonderes Gefühl, die Stimmen meines Großvaters und meiner Großmutter zu hören. Das war sehr berührend.

Sie haben daraus zunächst etwas Ungewöhnliches gemacht: ein Literatur- und Kunstobjekt, das Sie „Simulierte Echtzeit“ nannten. Sie sagten vorhin, jeder Mensch habe das Recht, seine Geschichte zu erfahren. Was den Holocaust anbelangt, so versterben immer mehr Überlebende und es sind häufig die Kinder oder Enkel, die die Geschichtsschreibung übernehmen. Sie haben den Blog, das Kunstprojekt „Simulierte Echtzeit“, gewählt. Können Sie das näher erklären?

Ich dachte, ein Kind heute könnte seinen Papa fragen: Was ist eine Postkarte? Und der Vater antwortet: Ein Brief ohne Umschlag. Und das Kind fragt: Was ist ein Brief? Heutzutage schreiben wir nicht mehr so viele Postkarten und Briefe, sondern bloggen, schicken E-Mails und Textmitteilungen. Das machen auch die Kinder. Und da überlegte ich, wie man diese Geschichte dem Leser im 21. Jahrhundert nahebringt. So habe ich die Postkarten am Tag ihrer Entstehung, aber mit 70-jähriger Verzögerung, im Netz veröffentlicht und gleichzeitig eine E-Mail an die Abonnenten geschickt. Die Idee ist, dass das Geschehen im selben Zeitraum wiedergegeben wird, in dem es einmal geschehen ist, und dass der Abonnent sich als Adressat fühlt. Er liest also nicht nur die Postkarte, sondern erlebt auch die Unsicherheit, die Spannung…

…das Warten auf die nächste Postkarte…

Ja, man weiß nicht, wann die nächste Postkarte kommen wird. Das war also von März 2010 bis Dezember 2011. Jetzt gibt es aber das Buch, das man ohne Unterbrechung lesen kann, und das wird eine andere Lesart.

Karin Häggmark 

 

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