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„Zensuren-Hetze“

Erbitterte Diskussion über frühe Benotung

Publicerat torsdag 19 februari 2015 kl 14.45
"Ehrliche Rückmeldung ist meine Pflicht als Lehrkraft"
(6:42 min)
Ausländische Lehrkräfte in Schweden können die erhitzte Diskussion über Noten nicht nachvollziehen (Foto: Liv Heidbüchel/Radio Schweden)
Welchen Zweck erfüllen eigentlich Noten? Das sieht man als Nicht-Schwede mitunter anders (Foto: Liv Heidbüchel/Sveriges Radio)

Die schwedische Debatte über frühe Schulnoten wird weiter erhitzt geführt. Gerade erst einigten sich Regierung und bürgerliche Opposition auf ein Pilotprojekt mit Zensuren ab Klasse 4, schon machen sich Kritiker lautstark Sorgen um das Wohl der Kinder. Lehrkräfte aus anderen Ländern betrachten die schwedische Aufregung verwundert.

Ständige flächendeckende Änderungen im System tun keinem gut, weiß Katja Berend. Die Noten ab Klasse Vier erst einmal in hundert Schulen in Schweden zu testen, findet die deutsche Lehrerin deshalb richtig, erzählt sie Radio Schweden.

„Dass sie das als Pilotprojekt starten, ist sicherlich schlau, denn da haben Bundesländer in Deutschland oft Fehler gemacht, dass sie Änderungen gleich komplett eingeführt haben. Man muss mal sehen, wie sich das entwickelt. Das ist ja im Grunde eine Wahnsinnsdiskussion im Moment.“

Noten nicht gleich Leistungsdruck

Fünfzehn Jahre lang stand Katja Berend im Schuldienst in Schleswig-Holstein, bevor sie mit ihrer Familie nach Stockholm umzog. Nun unterrichtet sie seit fünf Jahren das Fach Deutsch als Muttersprache an verschiedenen Schulen in der Hauptstadt. Die Antwort der Stadtverwaltung Stockholms, sich an dem Pilotprojekt garantiert nicht zu beteiligen, kann Berend nicht nachvollziehen.

„Da zeigt sich dann doch wieder diese komplett andere Denkweise und immer wieder auch dieses Zitieren der Untersuchungen. Ich glaube, man verrennt sich da auch ganz schön in eine Ecke und gibt dem anderen so gar keine Chance, das finde ich ein bisschen schade. Notengeben heißt ja nicht gleich, ich baue Druck auf. Das ist eine Kopplung von Gedanken, die, glaube ich, nicht ganz richtig ist.“

Vor dem Hintergrund, dass das Wissensniveau schwedischer Schüler in den vergangenen Jahren stark abgesunken ist, hatte die bürgerliche Vorgängerregierung schon vor einigen Jahren Noten ab der 6. Klasse durchgesetzt und den Weg für die Zensuren ab der Vierten geebnet. 

Für wen sind die Noten da?

Die jüngste Untersuchung zum Thema Zensuren, die in Schweden auf ein begeistertes Echo stieß, belegte, was auch in Deutschland schon lange bekannt ist: Demnach wirken Noten nicht per se leistungsfördernd, und vor allem bei schwachen Schülern können Zensuren schlechte Folgen für die Lernmotivation haben. Folglich gibt es keinen Beweis, dass frühere Noten die negative Wissensspirale von Schwedens Schülern bremsen könnten.

Doch ist das überhaupt die Aufgabe von Noten? Eugenia Gorelik ist die ersten Jahre in Russland zur Schule gegangen und immer gab es Schulnoten. Seit 15 Jahren arbeitet sie in Schweden als Lehrerin, derzeit im Stockholmer Vorort Fittja, wo sie Fünftklässler in Schwedisch unterrichtet. Gorelik wundert sich mitunter über die kollektive Entrüstung, für die die Schulnoten in Schweden sorgen.

„Mir kommt es so vor, als würde man da ein Riesending draus machen. Noten gibt es meiner Ansicht nach für die Eltern, weil die oft schwerer nachvollziehen können, auf welchem Wissenstand sich ihre Kinder befinden. Die Eltern verfolgen ja nicht immer so genau, was im Unterricht durchgenommen wird. Insofern dienen die Noten als Hilfe für sie. Die Schüler wissen sowieso, wo sie stehen. Ich denke, je eher man Noten gibt, desto weniger dramatisch ist das Ganze.“

Die lieben Kleinen im harten Wettbewerb

Bei den Kritikern der Schulnoten regiert die Angst vor dem möglichen Schaden, den die Kinder nehmen könnten. Auch die Prominenz beteiligt sich an der Debatte. So wettert zum Beispiel Opernstar Malena Ernman auf ihrer Facebook-Seite, Noten seien das Letzte, was ihre Töchter gebrauchen könnten. „Lasst Kinder Kinder sein!“, so ihr Aufruf.

Syamak Hakimelahi hält so einen Ansatz für grundverkehrt. Der gebürtige Iraner unterrichtet seit mehr als zehn Jahren in der Mittelstufe im Einwanderer-Vorort Hjulsta Mathe und ermahnt seine Schüler täglich, so gut zu sein wie die Schweden – oder sogar besser. Selbst ist der heute 54-Jährige mit Noten aufgewachsen, auch mit Sitzenbleiben. Gemocht hat er Zensuren nie, doch darauf kommt es auch nicht an, erklärt Hakimelahi Radio Schweden.

„Wir können nicht immer nur daran denken, ob die Schüler darunter leiden. Unsere Schüler in Schweden und in Europa müssen weltweit mit hunderten Millionen tüchtigen Schülern aus China und Indien konkurrieren. Wir müssen darauf schauen, was gut für die Gesellschaft ist. Aber ob man nun Noten in der sechsten oder vierten Klasse gibt, ist für mich nicht entscheidend, solange nicht geklärt ist, was mit einem Schüler passiert, der keine guten Noten bekommt.“

Den Iraner nervt, dass er keinerlei Druckmittel hat, wenn Schüler ihre Hausaufgaben nicht machen, keine Schulbücher dabei haben und sogar noch mit einer schlechten Note angeben. „Ich fahre auch nicht betrunken Auto, und warum nicht? Weil ich weiß, dass mir die Polizei den Führerschein abnimmt und ich Strafe zahlen muss. Die schwedischen Schüler wissen aber ganz genau, dass es keine Konsequenzen hat, wenn sie ihre Aufgaben nicht erledigen und deshalb tun sie auch nichts. Und sie haben sogar recht damit!“

Beurteilen, nicht verurteilen

Auch Najet Abdennabi würde gern mehr Konsequenzen sehen. Selbst aus Tunesien unterrichtet sie im Stockholmer Vorort Rinkeby in den 7. bis 9. Klassen Arabisch und Französisch. Anforderungen an die Schüler zu stellen, ist für sie gleichbedeutend damit, die Schüler ernst zu nehmen. Dass Schüler, die nicht mitkommen, trotzdem versetzt werden und so ein unüberbrückbares Leistungsgefälle in den Klassen herrscht, hält Abdennabi für unhaltbar.

„Manchmal bin ich einfach nur frustriert. Dieses ganze Bla-Bla in den Debatten und das Hin und Her mit der Forschung! Es gibt gewisse Anforderungen, die man bewältigen muss, und man sollte den Schülern rechtzeitig helfen, nämlich wenn sie jünger sind. Das bleibt dann auch hängen. Es geht doch bei einer Beurteilung nicht um die Person. Jemand ist doch keine Null, wenn er etwas noch nicht gelernt hat, sondern wir helfen dir und wiederholen so lange, bis du es kannst. Wir verurteilen ja nicht und sagen, dass du ein Idiot bist.“

Leistung ist möglich – auf einem angemessenen Niveau

Der schwedische Ansatz, gerade die schwächeren Schüler vor Benotung und Anforderungen schützen zu wollen, hilft den Betroffenen keineswegs, meint auch die Deutsche Katja Berend. Mit ihrer Erfahrung als Sonderschulpädagogin weiß sie, dass es auf machbare Anforderungen auf einem angemessenen Niveau geht – für die schwächeren, genauso wie für die stärkeren Schüler.

„Es ist meine Pflicht, die Rückmeldung zu geben, die dem Schüler sagt: Da stehst du. Diese Rückmeldung ist gekoppelt mit der Information: Das hast du gemacht und da wollen wir hin. Und dann ist es fast egal, in welcher Form ich das tue. Ich muss es bloß so darstellen, dass der Schüler und die Eltern das verstehen und dass es nachvollziehbar und in dem Sinne auch so gerecht wie möglich ist. Darum geht es für mich bei Benotung.“

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