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Film "The Swedish Theory of Love"

Der Preis der Freiheit

Publicerat fredag 15 januari 2016 kl 13.04
Das Einzel-Ich als Maß der Dinge
(7:49 min)
Aus dem FilmThe swedish theory of love (Foto: Nonstop Entertainment)
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Leere und Kühle allerorten:Aus dem Film The swedish theory of love (Foto: Nonstop Entertainment)
Erik Gandini (Foto: Lena Wiktorin/Sveriges Radio)
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Erik Gandini (Foto: Lena Wiktorin/Sveriges Radio)

Eine Frau will ein Baby. Wozu ein Mann, wenn man sich den Samen ganz bequem nach Hause liefern lassen und späteren Stress wie Scheidung und Sorgerechtsstreit damit gleich abhaken kann? 

Die wachsende Beliebtheit dieses Ein-Frau-Projekts Kind nimmt der Regisseur Erik Gandini in seinem neuen Film "The Swedish Theory of Love" ("Die schwedische Theorie der Liebe") zum Ausgangspunkt, um ein schwedisches Ideal zu beleuchten: die persönliche Freiheit. Nirgendwo auf der Welt schätzt man sie so hoch wie in Schweden, und seit Jahrzehnten wird dieses Freiheitsstreben von der Politik zielgerichtet gefördert. Doch ist Freiheit gleichbedeutend mit Glück? Nein, lautet Gandinis eindeutige Antwort. Seine These: das schwedische Gesellschaftsmodell macht die Menschen zu „sozialen Zombies" und stürzt sie in Einsamkeit.

Die Idee vom unabhängigen Individuum ist in Schweden ganz stark verbreitet", so Gandini. „Unabhängig zu sein, das ist enorm wichtig in diesem Land. Einem Land, in dem man ja auch tatsächlich ein Wohlfahrtssystem aufgebaut hat, das es jedem von uns ermöglicht, voneinander frei zu sein."

Als Regisseur hat Gandini bereits mit früheren Projekten viel Beachtung gefunden, so mit dem Film „Videocracy" über Italiens ehemaligen Skandal-Premier Silvio Berlusconi. Mit dem Blick des schwedischen Insiders wie auch des Betrachters von außen wendet sich der Sohn einer schwedischen Mutter und einens italienischen Vaters nun dem Land zu, das er einerseits als langjährige Heimat schätzt und das ihm andererseits Angst macht.

Extreme Schweden

Die "schwedische Theorie der Liebe" fußt laut Gandini auf einem "Albtraum":„Dass wir gezwungen sind, unter einem Dach mit Menschen zu leben, mit denen wir uns nicht wohlfühlen." In keinem anderen Land der Welt sorgt dieser Gedanke für so nachhaltiges Grauen wie hier. In den alljährlichen „World values"-Umfragen zu Lebenswerten weltweit erweisen sich die Schweden Jahr für Jahr als extrem: Sie schätzen Unabhängigkeit am allerhöchsten ein und legen den geringsten Wert auf traditionelle Bindungen, so zur Familie oder zu anderen gesellschaftlichen Autoritäten.

Kein unnötiges Wort

Dass immer mehr kleine Schweden ihre Existenz nicht einer Liebesnacht, sondern einem findigen dänischen Samen-Exporteur verdanken, ist nur eines der Bedenken, die Gandini in dem Dokumentarfilm über das schwedische Alltagsleben aufgreift. „Wir gehören nicht mehr einer Gruppe an, wir leben unser Leben hinter verschlossenen Türen", sagt im Film eine Frau, die damit betraut ist, die Hinterlassenschaften Verstorbener zu verwalten. Ihre Erfahrung: Die Zahl der Menschen, die sterben, ohne dass das jemand bemerkt, hat im vergangenen Jahrzehnt markant zugenommen. Der Film begleitet auch einen Willkommenskurs für Einwanderer. Oberste Benimm-Anweisung dort: Um sich in Schweden einzupassen, muss man vor allem pünktlich sein - und darf auf keinen Fall viel sprechen. Auf die Frage: Wie geht's?, hat der Besucher zu antworten: Gut. Möglichst kein einziges Wort mehr.

"Ich gehöre auch dazu"

Schmucke Häuser, sprachlose Menschen: Das Bild des in all seiner Unabhängigkeit letztlich einsamen Schweden zieht sich durch den gesamten Film. „Ensam är stark", etwa: „Allein sein ist stark", lautet ein beliebtes schwedisches Sprichwort, und die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Ein knappes Viertel der Bevölkerung lebt allein; 17 Prozent der Männer und 11 Prozent der Frauen geben an, keinen nahen Freund zu haben.

„Ich möchte, dass Schweden die Idee der Unabhängigkeit hinterfragt, dass wir uns im Spiegel betrachten", sagt Erik Gandini. „Ich selbst habe ja ein Leben in Schweden gewählt, vor allem deshalb, weil ich hier Studienbeihilfen bekommen habe und somit schon früh ein Leben führen konnte, das meinen italienischen Altersgenossen vielleicht gerade mal ab 35 vergönnt war. Ich bin geschieden und lebe allein - ich bin in also höchstem Maße selbst ein Teil all dessen, was ich beschreibe. Aber ich habe damit ein Problem."

Wider das despotische Familienoberhaupt

Wie wurde Schweden zum Reich der Einsamen? Den Beginn der Loslösung von unerwünschten Bindungen verortet Gandini in den 1970-er Jahren. Im Film lässt er Programmerklärungen führender Politiker Revue passieren, so von Olof Palme, der poszulierte: "Jeder Mensch soll als selbständiges Indidividuum behandelt werden und nicht als Anhängsel eines Versorgers." Die Sozialdemokraten legten damals den Grundstein für eine neue Sozialpolitik: Beziehungen zwischen Menschen sollten - Stichwort: Schwedische Liebes-Theorie - auf echter Zuneigung beruhen, niemand sollte mehr abhängig sein: nicht die (Haus)-Frau vom Ehemann, nicht das erwachsene, studierende Kind vom despotischen Vater, nicht die greise Mutter von der finanziellen Gnade erwerbstätiger Kinder. Mit sozialen Wohltaten bedacht und besteuert werden sollte jedes Individuum für sich. Die damals noch nahezu allmächtigen schwedischen Sozialdemokraten ließen den Worten alsbald Taten folgen, die das bis heute geltende System begründeten. Das deutsche Steuersystem mit Ehegattensplitting, das geringes Verdienen von Frauen begünstigt, stößt denn auch heute in Schweden auf großes Unverständnis. Und im Gegensatz dazu, wie es häufig in Deutschland der Fall ist, leben Studenten und ihre Eltern hierzulande finanziell vielfach voneinander unabhängig - die nötige Grundversorgung leistet der Staat.

War da noch was?

Gleichwohl: Die gesamtgesellschaftliche Freude ob dieser Segnungen, finanziert vom ebenfalls gesamtgesellschaftlich solidarisch finanzierten Wohlfahrtsstaat, ist laut Erik Gandini ausgeblieben: „Niemand kann ja eigentlich gegen Unabhängigkeit sein, Unabhängigkeit ist eine phantastische Idee, aber die Medaille hat eine Kehrseite: den großen Abstand zwischen den Menschen."

In einer Art positivem Kontrastprogramm zeigt der Regisseur einen Arzt, der dem freudlosen schwedischen Dasein entflohen ist und seine neue Lebensaufgabe im südlichen Afrika gefunden hat. An seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus setzt der Arzt zur Stütze bei Brüchen schon mal halbrostige Fahrradfelgen ein - der Mangel an Materiellem, versichert er, werde durch den Reichtum an menschlichen Beziehungen allemal aufgewogen. Arm, aber glücklich: Ein weniger drastisches Gegenbeispiel zum aus Sicht Gandinis reichen, aber unglücklichen Schweden hätte den Film wohl noch glaubwürdiger machen können. 

Anne Rentzsch
(Interviews: Mona Masri/SR; Anna Olsdotter Arnmar/SVT) 

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