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Senioren

"Bloß nicht alt in Schweden sein"

Publicerat tisdag 19 januari 2016 kl 15.06
"Man sollte selbst entscheiden dürfen"
(7:13 min)
Schwedische Senioren (Foto: Jessica Gow/TT)
Frisch und munter - oder Spar-Opfer? (Foto: Jessica Gow/TT).

Selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden – das zentrale Motto schwedischer Seniorenpolitik ist zumindest auf dem Papier attraktiv. In der Realität wird es für immer mehr alte Menschen zur Falle: Trotz großen Bedarfs an Hilfe und Pflege werden sie zu Hause weitgehend allein gelassen.

Nach einem Herzinfarkt war Linnéa bettlägerig und hilflos – schwach und kaum in der Lage, sich verständlich zu machen. Gleichwohl fuhr sie ein Krankentransport aus dem Krankenhaus heim. Dort bekam sie zwar regelmäßig Besuch von Pflegediensten, blieb aber täglich über viele Stunden allein und war lediglich ausgestattet mit einem Alarm-Knopf am Arm - den sie allerdings laut protokollierter Aussage des Krankenhauspersonals gar nicht selbst betätigen konnte.

„Sie kam also nach Hause, obwohl sie nichts selbst machen und nicht einmal sagen konnte, was sie wollte“, so Linnéas Freundin Vivi Jansson im Schwedischen Fernsehen. „Ich finde nicht, dass man einen Menschen, der so viel Hilfe braucht, einfach nach Hause schicken kann.“

Doch genau dies tat man in Norrköping – und zwar weder aus Bosheit noch aus Nonchalance, sondern weil es die Regeln eben so vorsehen. Alte, gebrechliche Menschen sollen nach der Krankenhausentlassung demnach nicht in erster Linie in Einrichtungen wie einer Kurzzeit-Pflege „aufgepäppelt“ werden, sondern möglichst, wie es heißt, „das Leben zu Hause probieren“. In Linnéas Fall ging der Versuch schief, sie musste schließlich doch in eine Kurzzeit-Pflege eingewiesen werden, wo sie fünf Tage später starb. Als Magnus Johansson als Sozialverantwortlicher der Kommune das Gutachten zu lesen bekommt, wonach Linnéa zum Auslösen des Hilfsalarms nicht in der Lage war, bleibt die Empörung aus. „Wir haben ja in der Kurzzeitpflege auch Menschen, die keinen Alarm betätigen können. Und auch in der Kurzzeitpflege kann man die Patienten nicht ständig im Auge haben.“

Mehr Alte, weniger Plätze

„Die schwedische Seniorenbetreuung ruht auf zwei Säulen: dem Prinzip, wonach man in der eigenen Wohnung bleiben kann und dem Prinzip der Selbstbestimmung“, heißt es in einer prinzipiellen Erklärung des Amtes für Gesundheits- und Sozialwesen von 2011. In einem Alters- oder Pflegeheim wohnen denn auch gerade mal 13 Prozent der über 80-Jährigen. Dass der Anteil in den vergangenen Jahren weiter gesunken ist, hat aber nicht mit rüstigeren Rentnern oder einem besser ausgebauten Pflegedienst zu tun. Hauptgrund ist stattdessen der Kahlschlag bei den Pflegeheimen. Seit Jahrtausendbeginn ist landesweit ein Viertel dieser Heime verschwunden, mit insgesamt 32.000 Plätzen.

„Mit dem raschen Verschwinden der Senioreneinrichtungen ist das Zuhause-Wohnen viel stärker zu einem Zwang geworden“, sagt die Sozialwissenschaftlerin Marta Szebehely. Das heißt, wenn man letztlich in eine solche Einrichtung kommt, ist man viel älter und viel kränker. Ich denke nicht, dass das eine gute Lösung ist.“ Bei vielen alten Menschen sorgt die Situation für Unruhe, berichtet Rolf Lindström, der in der Kommune Örnsköldsvik Rentner berät. „Wir treffen viele Senioren, die sich große Sorgen um ihre Wohnsituation machen. Wir ermuntern sie dann, sich um einen Platz in  einem Heim  zu kümmern – aber viele meinen, das hat sowieso keinen Zweck. Es gibt keine Plätze. Und wenn wir Kontakt mit der entsprechenden Kommune aufnehmen, stoßen wir oft auf Widerstand.“

Schließlich ist die Unterbringung in einem Heim teuer. Wiwi Heggblad musste sich den Platz für ihre 94-jährige Mutter vor Gericht erstreiten, nachdem der Erstantrag abgelehnt worden war. „Ich legte also Berufung ein und als ich Recht bekam, habe ich natürlich gejubelt. Zu früh: Die Kommune kündigte daraufhin an, ihrerseits in Berufung zu gehen. Mir fehlen dafür die Worte, ich hatte nicht geglaubt, dass man Menschen so behandeln kann.“

Grusel-Beispiel Schweden

Eine gute Chance, einen der wenigen Altenheim-Plätze zu ergattern, haben all jene, die daheim so viel Hilfe von Pflegediensten in Anspruch nehmen, dass sich dies für die Kommune auch kaum mehr „rechnet“. Laut Statistik, die das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen im  Auftrag des Schwedischen Fernsehens erarbeitet hat, gibt es landesweit derzeit 9400 solche „Extremfälle“, Menschen also, die monatlich mehr als 120 Stunden Hilfe brauchen. Die Zahl dieser „Extremen“ mit über vier Stunden Hilfsbedarf täglich hat sich seit 2007 verdoppelt. „Umfassend versorgt“ ist ein alter Mensch laut den allgemeinen Richtlinien mit 50 Stunden monatlich. Für mehr als das Allernötigste bleibt da keine Zeit, so eine langjährige Mitarbeiterin des Pflegedienstes in Halland, die im Schwedischen Fernsehen unter dem alias „Lena“ berichtet: „Viele Senioren sind sehr gestresst. Wenn man in die Wohnung kommt, fragen sie: Du hast es sicher eilig, was? Man schaut sie an, dann seufzen sie und lassen den Kopf hängen. Man merkt, sie hätten so viel zu erzählen, aber das Personal ist im Stress.“ Die weit verbreitete Einsamkeit schreckt „Lena“ am meisten. In Schweden alt zu werden, das, so sagt sie, ist für sie keine Option: „Ich habe mich entschlossen, ins Ausland zu ziehen, wenn ich 65 bin. In diesem Land will ich nicht alt werden.“

Selbstbestimmt? Ja bitte

Nach den umfangreichen Berichten des Schwedischen Fernsehens gehen Seniorenorganisationen nun in die Offensive. So fordert SPF Seniorerna zwei grundlegende Veränderungen: Erstens brauche es Sanktionen gegen Kommunen, die die Altenbetreuung vernachlässigten, zweitens gehe es um eine Wahlfreiheit, die diesen Namen verdient: „Es müssen unterschiedliche Wohnformen für alte Menschen eingerichtet werden. Wir fordern, dass man die Kommunen ermuntert, verschiedene solcher Zwischen-Formen zu bauen“, erklärt Gösta Bucht von SPF Seniorerna gegenüber Radio Schweden. Auch Christina Tallberg, Vorsitzende der Seniorenorganisation PRO, mahnt die vielgerühmte Selbstbestimmung alter Menschen an: „Wenn man über 80 ist und rund um die Uhr Betreuung braucht, um sich sicher zu fühlen, dann sollte nicht ein Sozialbeauftragter darüber entscheiden, ob es Zeit ist, in ein Heim zu ziehen. Diese Entscheidung muss man, allein oder gemeinsam mit Angehörigen, selbst treffen können."

Anne Rentzsch
(mit Material von SVT und SR) 

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