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Weibliche Erfolgsstory: Svenska Hem

Publicerat torsdag 30 mars 2006 kl 18.16
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Mäster Samuelsgatan 3: das erste Ladengeschäft der Kooperative „Svenska Hem” im Jahr 1905 (Foto: Stockholmskällan)
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Anna Whitlock (1852 - 1930) (Foto: Universität Göteborg)

Am 8. November 1905 wurde unter großem Tumult am Stureplan in der Stockholmer City ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnet. Frauen waren die Besitzer, und nur Frauen durften in dem Laden einkaufen. Revolutionär zu einer Zeit, da die Schwedinnen noch kein Stimmrecht hatten - und gemeinhin auch kein eigenes Geld. Dem erbitterten Widerstand der übrigen - männlichen - Stockholmer Händler zum Trotz entwickelte sich die Kooperative „Svenska Hem” zu einer echten Erfolgsstory und zum Vorläufer der heute landesweit präsenten Konsum-Kette. Das Stockholmer Stadtmuseum greift jetzt die Geschichte der findigen Damen in einer Ausstellung auf.

Ein Schritt nur, schon taucht man ein in die Zeit um die vorige Jahrhundertwende. Eine lebensgroße Dame in eleganter schwarzer Ausgeh-Kluft empfängt den Besucher am Eingang des halbdunklen, an die 50 Quadratmeter großen Raumes, der die Jahre zwischen 1905 und 1914 wieder auferstehen lässt - mit Fotos, Zeitungsartikeln und Schmeckerchen für das Sammlerherz wie Original-Konserven von anno dazumal.

Gepanschte Milch
Der Gründung der Kooperative war eine Reihe von Skandalen vorausgegangen, wie jener, von dem ein Artikel aus „Dagens Nyheter” berichtet, hier im Museum ist er als Faksimile zu bewundern. Der lange Arm des Gesetzes, so steht da, greift jetzt nach einer gewissen Frau Jansson. Frau Jansson hat nämlich gepanschte Milch verkauft. Schändlich, aber keineswegs ungewöhnlich für die damalige Zeit, sagt Eva Kaijser, Mitautorin des Buches über „Svenska Hem”, das der Ausstellung zu Grunde liegt.

„Vor hundert Jahren waren die Lebensmittel in Schweden oft von mieser Qualität. Wenn eine Haushälterin Milch kaufen ging, wurde ihr stets aufgetragen, sie solle die Milch zu Hause erst mal in eine Glaskanne giessen und mindestens eine Stunde stehen lassen, um zu sehen, ob sich am Boden Schmutz absetzt.”

Dieses Zustands höchst überdrüssig war Anna Whitlock. Auf einem Foto ist eine Frau mit rundem, offenen Gesicht zu sehen, das kurze Haar umso strenger zurückgekämmt. Gemeinsam mit der Tochter im Vorschulalter lächelt sie in die Kamera. Freundliche Entschlossenheit strahlt sie aus, die spätere Gründerin von „Svenska Hem”.

„Anna Whitlock leitete eine Schule in Stockholm”, erzählt Eva Kaijser, „und eine ganze Reihe ihrer Schüler waren an Krankheiten wie Durchfall und Cholera gestorben. Ihr lag viel an ordentlichen Lebensmitteln. Gleichzeitig engagierte sie sich stark für das Frauenstimmrecht. Sie reiste nach England, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie holte sich politischen Rat bei den englischen Frauenrechtlerinnen, den Sufragetten, und sie traf Vertreter von Handelskooperativen, die ja damals in ganz Europa auf dem Vormarsch waren.” 

Prominente Mitglieder
Betrieben wurden diese Kooperativen freilich von Männern. Das aber sollte nun in Stockholm anders werden. Ergebnis intensiven Brainstormings in England und daheim in Schweden war die Gründung von Svenska Hem. Für einen Wert, der heute etwa zwei Euro entspricht, erstand man einen Mindestanteil und also das Eintrittsticket für die Kooperative, die zu ihren Mitgliedern namhafte, in Sachen Emanzipation engagierte Frauen wie die Dichterin Selma Lagerlöf und die Malerin Karin Larsson zählte.

Das Foto des 1905 eröffneten ersten Geschäfts zeigt einen luftigen Raum mit Kundinnen, die ihre Bestellung bequem auf dem Hocker sitzend aufgeben. Ein Geschäft von Frauen für Frauen, mit Lebensmitten und Haushaltswaren guter Qualität zum vernünftigen Preis.

Lieferboykott
Vor uns in der  Museumshalle breitet sich ein nachgestellter Ladentisch aus, mit verschiedensten Seifensorten, mit Konserven und Döschen, Trockenobst und Gesundheits-Pushern wie Haselnüssen, zu umgerechnet fünf Cent übrigens pro Liter, und Walnüssen, zehn Cent pro Kilo. Nicht gerade umstürzlerisch, sollte man meinen - doch die männlichen Händler sahen das anders. Der Händlerverband mahnte die schwedischen Zulieferer zum Totalboykott, der prompt funktionierte.

„Die Frauen waren also gezwungen, andere Wege zu finden”, berichtet Eva Kaijser. „Ein Grosshändler in Norrköping sprang ein, er scherte sich nicht um den Boykott. Man verhandelte mit Bauernhöfen in ganz Schweden. Man reiste nach Malmö - aber Pustekuchen, der Boykott galt auch dort und, wie sich zeigte, sogar im Ausland. In Hamburg gingen die Frauen leer aus und in Amsterdam ebenfalls. Aber in Rotterdam und London wurden sie mit Hilfe dortiger Kooperativen fündig. In London kauften sie zum Beispiel Tee, Marmelade und Plätzchen. In der Schweiz dann Käse, in Italien Olivenöl. All das lief aber nur über Direktimport.”

Soziales Engagement
Und zwar bestens. Das Sortiment wuchs auf 4 000 Produkte, die Zahl der Läden auf fünf, das Angebot an Dienstleistungen auf Hausgerät-Verleih, Lieferungen frei Haus, Haushaltskurse und die Vorstellung technischer Innovationen. Mit Gehalt nach Berufserfahrung und garantiertem Krankengeldanspruch für die Verkäuferinnen setzten die Frauen auch soziale Massstäbe.

1916 wurde dann das letzte Kapitel der Erfolgsstory geschrieben. Der Zweite Weltkrieg setzte der Kooperative wirtschaftlich mächtig zu - nach langem Ringen tat man sich mit der weitaus mitgliederschwächeren „Konsumentenvereinigung Stockholm”, dem Vorläufer des heutigen Konsum zusammen. Die bösen Ahnungen von „Svenska Hem”-Gründerin Anna Whitlock wurden wahr: Nach ein paar Jahren stand keinem Geschäft mehr eine Frau vor.

Die gewohnte Ordnung war somit also wieder hergestellt. Ein in Vergessenheit geratenes Kapitel erfolgreichen weiblichen Unternehmertums illustriert die Ausstellung ”Svenska Hem” im Stockholmer Stadtmuseum, zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum siebenten Mai.

Anne Rentzsch

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