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Sightseeing mit Schrecken

Publicerat fredag 29 september 2006 kl 12.32

„Willkommen in einer der schönsten Städte der Welt”, heisst es auf der offiziellen Homepage für Besucher Stockholms. „Hier ist immer etwas los. An jeder Ecke locken interessante Erlebnisse.”  Letzteres können gewiss all jene bezeugen, die in diesem Sommer eine ganz besondere Tour durch die schwedische Hauptstadt unternommen haben: nämlich die Rundfahrt mit „Skräckbussen”, dem Grusel-Bus. Wer dort mitfährt, der bekommt ein Stockholm-Bild geboten, das mit den herkömmlichen Hochglanz-Broschüren wenig gemein hat.

„Gegenüber der Oper sehen sie den Palast des Erbfürsten, Arvfurstens Palats. Hier gab die Regierung ihr Einverständnis, zwei in Schweden lebende Ägypter der CIA auszuliefern. Die Amerikaner setzten die beiden Männer gefesselt und mit verbundenen Augen in ein Flugzeug nach Ägypten, wo man sie dann schlug und aller Wahrscheinlichkeit nach auch folterte.”

Willkommen im Gruselbus!
Die besagte glorreiche Entscheidung des schwedischen Aussenministeriums aus dem Jahr 2001 blieb dem eigenen Volk lange verborgen. Nun will man sie dem Rest der Welt oder zumindest ihren Abgesandten hier im Bus nicht vorenthalten.   Arrangeur der Tour ist die linksgerichtete Zeitschrift „Arena”. Chefredakteur Per Wirtén: „Wir wollen eine Alternative bieten, ein Gegenbild zu dem enorm parfümierten und verlogenen Bild von Stockholm und von Schweden, wie es die Tourismus-Industrie vermittelt. Wir finden, dass man die ausländischen Besucher ernst nehmen muss.”

Gesagt, getan. Die Redaktion mietete einen Bus, verteilte Werbematerial in der City. Mitte August dann der Startschuss - der Gruselbus mit englischsprachiger Führung stündlich auf Tour, unter konstant wachsender Beteiligung.

„Typisch für die Königsfamilie war lange ihr Widerwillen gegen die Demokratie. Der Vater des jetzigen Königs, Prinz Gustaf Adolf, war bekannt dafür, dass er keinen Fototermin mit hohen Repräsentanten der NSDAP versäumte. Und der Vater der Königin, Walter Sommerlath, wurde schon sehr früh, nämlich 1934, Mitglied der Nazipartei.”

Anhänger eines romantischen Schweden-Bildes müssen auf dieser Tour sehr stark sein. Bei Slussen, wo Touristen gemeinhin vom Katarina-Aufzug aus den wunderschönen Blick aufs Wasser geniessen, werden sie darüber aufgeklärt, dass hier im 19. Jahrhundert viele verarmte Menschen mit dem Sprung in die Tiefe ihrem Leben ein Ende setzten.

Die Statue des Kriegerkönigs Karl 12. im Kungsträdgården nimmt die Fremdenführerin zum Anlass, um über sadistische Neigungen des Monarchen zu berichten. Und auch einst dunkle Geheimnisse des jüngeren Schwedens werden nicht ausgespart. So die Tatsache, dass hier im Laufe des 20. Jahrhunderts insgesamt 63.000 Menschen zwangssterilisiert wurden, weil sie nicht ins Bild des Musterstaates passten.

Gefasste Reaktionen
Guillaume Collin aus Frankreich gibt sich nach absolvierter Runde gleichwohl gefasst: „Mich hat das alles nicht geschockt. Ich interessiere mich sehr für Schweden und da möchte ich wissen, wie das Leben hier aussieht, was wirklich vor sich geht. Also: warum nicht?”

Auch die einheimische Passagierin Camilla Lundberg verbucht die Fahrt als Plus: „Ich finde das sehr interessant. Hier werden Dinge aufgegriffen, die man oft selber gar nicht weiss. Zum Beispiel, in welcher Strasse in Schweden die meisten Vergewaltigungen passieren. Wie viele Menschen zwangssterilisiert wurden. Und auch all das über die Nazi-Sympathien im Königshaus. So was hört man nicht alle Tage.”

Arena-Chefredakteur Per Wirtén zieht Bilanz: „Wir haben fast nur positive Reaktionen bekommen, und das hat uns eigentlich ziemlich verwundert. Wir dachten, eine Menge Leute würden sauer oder wütend sein. Aber nur ein paar vereinzelne Besucher aus Schweden waren der Meinung, das Ganze sei empörend. Die ausländischen Touristen fanden die Fahrt durchweg interessant und haben sie nicht bereut.”

Königliche Beanstandungen
Ganz ungeteilt ist die Freude allerdings nicht. Schon kurz nach Beginn der Depri-Touren meldete sich die aufgebrachte Pressesprecherin des Königshofes. Ihren Ärger könne er durchaus verstehen, sagt Wirtén. Die Reaktion der Tourismus-Branche sei durchwachsen. „Einerseits hat man uns zu verstehen gegeben, der Ansatz des Grusel-Busses sei nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Andererseits gibt man durchaus zu, dass hier interessante Informationen über Schweden geboten werden.”

Immerhin durften die Veranstalter ihre Werbeprospekte auch im offiziellen Tourismus-Zentrum im Stockholmer Sverigehuset auslegen. Insgesamt ist die „Arena”-Redaktion mit dem Pilotprojekt äusserst zufrieden: „Zum einen haben wir eine Diskussion in Gang gebracht. Ursprünglich hatten wir ja nur Artikel darüber schreiben wollen, dass uns die Zielrichtung der Tourismus-Industrie nicht passt. Mit dem Grusel-Bus haben wir nun in den Medien eine viel grössere Aufmerksamkeit gefunden. Aber was das Wichtigste ist: Die Tour ist viel besser angekommen als erwartet.”

Ein Tourismus-Konzept der etwas anderen Art eben, bei dem auch höchst gegenwärtige Misstände aufgegriffen werden. „Auf der rechten Seite sehen Sie das grosse Warenhaus Åhlens. Weiter vorn die Drottninggatan mit vielen schönen Geschäften. Und ebenfalls vor uns, rechter Hand, der Sergelstorg. Dieser Platz ist seit langem als Zentrum des Drogenhandels bekannt.”

Für 2006 sind die Grusel-Trips nun abgeschlossen, aber aufgrund des grosses Interesses sollen sie im kommenden Jahr neu auferstehen - und zwar in der gesamten Sommer-Saison.

Anne Rentzsch

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