Literatur als Augenöffner

Facettenreiches Schwedenbild dank Millennium-Trilogie

Schwedens Ruf hat unter dem Einfluss der düsteren Millennium-Trilogie nicht gelitten (Foto: Bertil Ericson/Scanpix Schweden)
Auf den Spuren der Millennium-Helden

Rüttelt Stieg Larssons Welterfolg mit der düsteren Millenniums-Trilogie am etablierten Schwedenbild? Das für Schweden-PR zuständige Schwedische Institut ist dieser Frage nachgegangen und zeigt sich erfreut über die erstaunlich positiven Auswirkungen des internationalen Kassenschlagers.

Veröffentlicht fredag 20 juli 2012 kl 13:57

Korruption, Übergriffe der Obrigkeit, Nazis, Frauenhass: Die Romane des Journalisten Stieg Larsson, die erst nach seinem Ableben für Furore sondergleichen sorgten, schildern ein Schweden-Bild, das man in der Bullerbü-Idylle einer Inga Lindström vergeblich sucht. Da der Erhalt des Bildes von Schweden bestehend aus roten Holzhäusern mit Boot am See und Elch im tiefen Wald aus PR-Gründen lukrativ ist, wollte es das Schwedische Institut genauer wissen.

„Wir haben so viele Anfragen aus unterschiedlicher Richtung bekommen, ob und wie sich das dunkle Schweden-Bild der Millennium-Trilogie auf die Sicht des Auslands auf Schweden auswirkt", erzählt die Generaldirektorin des Instituts, Annika Rembe, Radio Schweden. „Und das hat uns natürlich neugierig gemacht."

Schadenfreude über zerstörtes schwedisches Modell

So hat das Institut eine Medienanalyse in Auftrag gegeben, die sich mehr als 100.000 Artikeln zu den Büchern annehmen sollte. Mehr als 60 Millionen verkaufte Exemplare in rund 50 Ländern sind eine große Reichweite. Die Erleichterung beim Schwedischen Institut entsprechend groß: „Das Schweden-Bild ist nicht negativ, nur facettenreicher", meint Generaldirektorin Rembe. „Wir sehen, ausgehend vom starken Interesse an den Büchern und Filmen, die Möglichkeit verschiedener Perspektiven auf Schweden."

Verantwortlich für die Analyse zeichnet Joakim Lind. Ganz generell kämen die Autoren schnell auf die schwedische Gesellschaft und stereotype Werte zu sprechen. Das Bild vom problemfreien sozialistischen Wohlfahrts-Volksheim, einem tadellosen und selbstgefälligen Schweden, das für alle Schwierigkeiten eine Lösung hat, hat einige Schrammen abbekommen, so Analyst Lind.

„In den französischen Medien beispielsweise lässt sich eine gewisse Schadenfreude herauslesen, dass man es endlich geschafft hat, die Fassade des schwedischen Modells anzukratzen. Neben der Schadenfreude wird aber auch ernsthaft darüber sinniert, mit welchen Problemen Schweden zu kämpfen hat. Und sicher steht Schweden vor einigen Herausforderungen - doch das betrifft alle modernen Gesellschaften."

Salander und Blomkvist vermitteln Arzt-Termine

Nicht nur sei das Schweden-Bild im Ausland nuancierter geworden, sondern die Millennium-Trilogie steigere insgesamt das Interesse an Schweden, vor allem an Stockholm, betont Lind. Insbesondere die Spaziergänge zu den Schauplätzen der Millennium-Bücher seien Touristenmagneten - eine Nachricht, die das Schwedische Institut freuen dürfte.

Die Pressechefin der schwedischen Botschaft in Washington, Gabriella Augustsson, erinnert sich noch gut daran, als 2010 das zweite Buch der Reihe erschien. In mindestens zwei, drei Artikeln pro Woche ging es um die Romane, Stieg Larsson war in aller Munde.

„Ich hatte auch persönliche Vorteile durch die Trilogie", erzählt Augustsson. „Als ich beim Kinderarzt anrief, hieß es erst, es gäbe keine Termine. Als ich erklärte, dass wir frisch aus Schweden umgezogen sind, sagte die Rezeptionistin, sie lese die Millennium-Bücher und wolle noch einmal gucken, ob es nicht doch eine Lücke gibt. Aber dann gab es auch erstaunte Kommentare, wie: Was habt ihr nur für Männer in Schweden? Traut man sich da noch hinzufahren? Auf so etwas antworte ich immer mit Verweis auf die eigene Filmindustrie: Sind denn hier alle Männer wie Hannibal Lecter im ‚Schweigen der Lämmer'?"

Hollywood öffnet Schweden seine Türen

Ganz konkret wirkt sich der Millenniums-Erfolg auf die hiesige Filmindustrie aus. Seit dem durchschlagenden Erfolg der Reihe geht es für Schweden und Stockholm als Drehorte bergauf, sagt Ingrid Rudefors, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Filmregion Stockholm-Mälardalen verantwortlich ist. Das Meeting mit hohen Chefs von Sony Columbia vor einem Monat hätte es ohne Millennium sicher nicht gegeben, betont Rudefors.

„Die Trilogie bedeutet viel. Wenn Filmemacher, Regisseure und Schauspieler in Hollywood sagen, dass sie aus Schweden kommen, öffnet ihnen das alle Türen. Sie bekommen Termine mit Produzenten und werden zu Castings eingeladen. Noch vor vier, fünf Jahren waren wir ein seltsames kleines Land in Nordeuropa, das einmal einen Regisseur namens Ingmar Bergman hatte. Heute ist das ganz anders."

Die Sorgen des Schwedischen Instituts, dass Schwedens guter Ruf durch die Millennium-Filme in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Generaldirektorin Rembe ist zufrieden: „Wir müssen die Chance nutzen, das Interesse von Touristen, Forschern, Studenten und anderen Talenten weiter zu steigern und dies an Handel und Investitionen zu knüpfen. Das starke Schwedenbild betrifft ja zunächst weiche Werte, die sich aber anschließend auf harte Werte wie die Wirtschaft auswirken."

Liv Heidbüchel/Maria Quistberg

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