Russlands Botschafter nennt Kritik an Gas-Pipeline idiotisch

Die geplante Gasleitung von Russland nach Deutschland ist vielen Schweden ein Dorn im Auge. Der Grund: Die auf dem Boden der Ostsee verlaufende Trasse führt dicht an der schwedischen Insel Gotland vorbei. Die Gegner, unter ihnen namhafte Politiker, wollen den Bau verhindern. Sie befürchten neue Umweltprobleme und argwöhnen sogar, Russland könne eine vor Gotland geplante Wartungsplattform zu Spionagezwecken missbrauchen. Jetzt ist dem russischen Botschafter in Stockholm der Kragen geplatzt. In einem Interview des Schwedischen Rundfunks ging er mit den Kritikern des Projekts ins Gericht:

Das Interview zum Thema der russisch-schwedischen Beziehungen begann in lockerer Atmosphäre. Von der wachsenden Verstimmung der Russen über die Art, wie in Schweden oft über Russland geurteilt wird, war zunächst nicht die Rede. Aber bei der Bewertung des Verhältnisses zwischen beiden Ländern machte Botschafter Alexander Kadakin bereits Einschränkungen:  

„Als Ganzes betrachtet haben wir gute Beziehungen, und die Perspektiven sind auf Freundschaft ausgerichtet.“

Aber, so Kadakin weiter, in einer ganzen Reihe von Fragen sei man sich nicht einig. Das gelte auch für die unsachliche schwedische Kritik an der geplanten Gasleitung:

„Alle diese Beschuldigungen und Äusserungen sind nur politisch motiviert, denn sie entbehren jeder sachlichen Grundlage. Was den Umweltstandpunkt angeht, so ist doch der gesamte Boden der Ostsee voll von Stromleitungen, Telefonleitungen und anderen Gasleitungen, aber nun ist plötzlich von Umweltproblemen die Rede.“

Umweltschutz ist nur  e i n  Argument der Gasleitungs-Gegner. Sie finden es gefährlich, dass vor der Küste der Insel Gotland eine Wartungsplattform gebaut werden soll. Diesen Turm, so meinen sie, könnten die Russen zu Ausspähungszwecken missbrauchen. Auf solche sicherheitspolitischen Bedenken antwortete Botschafter Kadakin in ungewöhnlich scharfer Form:   

„Es ist doch reine Idiotie, wenn manche behaupten, dass die in der schwedischen Wirtschaftszone geplante Wartungsplattform eine Art Spionagezentrale werden soll, die sich gegen Schweden richtet. Ich kann nicht begreifen, was für ein Idiot seinen Vorgesetzten so etwas berichten konnte.“

Diesen Gedanken, so Kadakin, müsse man einmal zu Ende denken. Er betonte, wenn Russland Schweden ausspionieren wollte, hätte es ganz andere Möglichkeiten:

„Wozu würden wir eine Spionagezentrale auf einer Plattform in der Ostsee brauchen, wenn es uns heute schon möglich ist, über Satelliten in Realzeit das Kennzeichen jedes Autos in Stockholm abzulesen?“

Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im schwedischen Parlament, Ulrica Messing, meinte auf Anfrage, die Äusserungen des russischen Botschafters zum Gasleitungs-Projekt seien einseitig, denn er sei auf das Problem nur teilweise eingegangen:

„Ich finde, er hat Unrecht, wenn er sagt, dass dies kein sicherheitspolitisches Risiko birgt. Es würde eine neue Lage entstehen, zumal Präsident Putin gesagt hat, er sei bereit, die Gasleitung auch militärisch bewachen zu lassen. Das würde bedeuten, dass vor Gotland russische Patrouillenboote in unseren Gewässern kreuzen. Und das erinnert natürlich an eine Zeit, die die meisten von uns vergessen haben und die wir auch vergessen wollen.“

Am Bau der Pipeline werden die schwedischen Bedenken kaum etwas ändern. Die Europäische Kommission sah keinen Grund, das Projekt zu stoppen. An der russischen Küste hat die Verlegung der Trasse schon begonnen. Bis sie die Gewässer vor Gotland erreicht, werden allerdings noch Jahre vergehen. Inzwischen können die Politiker in Stockholm überlegen, ob sie das russisch-deutsche Angebot annehmen wollen, über einen Abzweig auch Schweden mit Erdgas zu beliefern.

Klaus Heilbronner

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