Klassenopas - eine aussterbende Spezies

Während etliche Lehrer zum Ende ihrer Schullaufbahn von der vorzeitigen Pensionierung träumen, gibt es auch solche Arbeitnehmer, die es mit Ende 50 erst in die Schule zieht: Klassenopas heißen diese Männer im rüstigen Alter, die gern noch arbeiten wollen, auf dem normalen Arbeitsmarkt aber keine Chance mehr haben. Seit zehn Jahren werden in Schweden Klassenopas ausgebildet. Finanziert werden Ausbildung und spätere Anstellung hauptsächlich von den Arbeitsämtern. Erfolgreich konnten auf diesem Wege hunderte Langzeitarbeitslose zurück ins Arbeitsleben vermittelt werden. Doch die Ausbildung zum Klassenopa steht nun vor dem Aus.

Vormittags in der Närlunda-Schule in Ekerö, einem der besseren Vororte Stockholms. Nur fünf Jahrgänge hat die kleine Schule mit ihren 250 Schülern, gerade tummeln sich die Drittklässler im Schnee. Und auch zwei Männer werden förmlich belagert. Das sind die Klassenopas Bosse Eklund und Thomas Lindgren.

Für die neunjährige Kajsa Strömqvist sind die beiden fast wie richtige Opas. „Als Thomas hier angefangen hat, hat meine Freundin Agda gesagt, ich soll mal zu dem hingehen und hallo sagen. Das hab ich dann gemacht und dann sind die Klassenopas und ich sehr gute Freunde geworden. Ich bin oft mit Thomas zusammen und mit Bosse, den treffe ich immer im Bus. Es ist gut, dass es die gibt.”

Mehr als gewöhnliche Hausmeister

Die derzeit landesweit 560 aktiven Klassenopas kümmern sich durchaus auch um Gebäude und Schulhof, sind aber weit mehr als gewöhnliche Hausmeister: Auch wenn mal Konflikte zu lösen sind oder Problemkinder besondere Unterstützung brauchen, sind die Klassenopas allererste Ansprechpartner, erklärt Thomas Lindgren - nicht zuletzt in Mobbing-Situationen: „Wir haben besondere Kinder, die unsere Nähe suchen, aber wir haben auch den Auftrag der Rektorin, mehr für spezielle Kinder da zu sein. Wir sind ja bei den meisten Gesprächen dabei und am Geschehen in der Schule beteiligt, das ist schon sehr besonders hier. Aber ganz klar auch eine der Voraussetzungen dafür, dass man gute Arbeit leisten kann.”

Thomas Lindgren ist zwar erst 58. Doch das Leben des ehemaligen Chefs eines Busunternehmens und später selbständigen Unternehmers änderte sich vor einigen Jahren schlagartig grundlegend: Mit Knieprothese und Herzschrittmacher wäre er ohne die Arbeit als Klassenopa Langzeit krankgeschrieben und frühpensioniert.

Chance auf Wiedereinstieg

Der andere Vollzeit-Klassenopa Bosse Eklund fuhr den Großteil seines Berufslebens in Stockholm für ein IT-Unternehmen Transporter, vor drei Jahren schließlich wurde seine Stelle gestrichen. Bosse Eklund war plötzlich arbeitslos, mit damals 59 ohne Chance auf Wiedereinstieg. „Arbeitslos zu sein, ist ja kein Vergnügen. Arbeitslosigkeit ist keine Freizeit, sondern die Hölle. Ich weiß nicht, wie viele Zettel vom Arbeitsamt ich in der Zeit ausgefüllt habe. Eine Frage drehte sich um meine Zukunft als Arbeitnehmer. Da schrieb ich: Einen alten Opa wie mich will doch keiner.”

Einen Opa vielleicht nicht, aber einen Klassenopa. Finanziert vom Arbeitsamt machte Bosse Eklund eine halbjährige Ausbildung: Abwechselnd Theorie in der Volkshochschule und Praxis in der Schule, die später der neue Arbeitsplatz werden soll.

”Ihr seid doch meine Enkel!”

Inzwischen ist Bosse Eklund seit zwei Jahren an der Närlunda-Schule Klassenopa. „Ich habe ja keine eigenen Enkelkinder und da sage ich schon öfter mal zu den Kindern hier: Ihr seid doch meine Enkel. Und ich weiß noch genau, wie das am Anfang meines Praktikums in der Schule war: Eine halbe Stunde war man vielleicht auf dem Schulhof und dann plötzlich stehen sie alle vor einem. Das ist natürlich eine Auszeichnung! Mit Kindern zusammen zu sein, ist alle Mühe wert. Lieber die physische Müdigkeit als die psychische. Auch wenn man abends fertig ist, lohnt sich das allemal.”

Die Rektorin der Närlunda-Skolan, Ylva Granelli-Larsson, verfolgt in ihrer kleinen Schule seit Jahren ein besonderes Konzept: In dem so wohlhabenden wie wohlbehüteten Vorort Ekerö leben viele Kinder zu abgeschieden vom wirklichen Leben, ist Granelli-Larsson überzeugt. Einwanderer, soziale Probleme oder einfach Personal von außerhalb der Schulwelt sind den meisten Schülern weitgehend unbekannt. Umso wichtiger, diese „anderen” in den Betrieb zu holen, zum Beispiel die Klassenopas.

Beschäftigung, keine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

„Wir müssen auf verschiedenen Wegen versuchen, Männer in die Schule zu holen”, meint Granelli-Larsson. ”Das ist nicht nur wichtig für Jungen, die mit allein erziehenden Müttern aufwachsen, sondern auch für Mädchen. Für alle Kinder! Die Hälfte unsere Schüler sind Jungen und da wäre es doch schon sehr seltsam, wenn sie in einem rein weiblichen Umfeld aufwüchsen.”

Thomas Lindgrens Vertrag läuft nur noch bis zum Ende des Schuljahres, Bosse Eklund ist ein weiteres Jahr angestellt. Wie es dann weitergeht, weiß zurzeit niemand. Die neue bürgerliche Regierung löst nun auf dem Arbeitsmarkt Wahlversprechen ein: Menschen sollen in Beschäftigung und nicht in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen festsitzen. Die Folge: Streichungen im Budget der Arbeitsämter und das heißt: Zum Frühling wird es keine Klassenopa-Ausbildung geben. Und das gerade jetzt, da die Regierung fieberhaft nach Mitteln sucht, dem wachsenden Problem Mobbing an Schulen zu Leibe zu rücken.

Am Ende alles kaputt?

„Dieses ständige Gerede von Seiten der Politiker, dass soviel für die Schulen getan werden soll!”, ereifert sich Klassenopa Thomas Lindgren. „Wenn die wüssten, wie viel gute Klassenopas für die Schulen bedeuten, würden die in jeder Schule einen einstellen, da bin ich mir sicher.”

Dass die umschwärmten Klassenopas die Närlunda-Schule vielleicht verlassen müssen, bevor die Schüler auf eine weiterführende Schule wechseln, kann der neunjährige Theodor Lir nur schwer verstehen. „Das wäre komisch und ganz anders. Da würde hier ja fast alles kaputt sein, die haben ja gemacht, dass alle Türen gehen und der Zaun wieder heile ist.”

Liv Heidbüchel

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