Ministerin gegen "Gewalt im Namen der Ehre"

Nyamko Sabuni, Schwedens neue Ministerin für Integration und Gleichstellung, will gezielt und vorbeugend gegen Gewalt im Namen der Ehre vorgehen. Bereits in den Schulen plant die Ministerin in dieser Richtung Maβnahmen. Muslimische Organisationen werfen ihr vor, eine Hetzjagd auf Muslime zu betreiben. Doch Sabuni lässt sich von der harten Kritik nicht beeindrucken.

Für viele Muslime in Schweden ist Nyamko Sabuni ein rotes Tuch. Nur wenige Wochen nach ihrer Ernennung zur Ministerin im Oktober hatten schon mehr als 40 muslimische Verbände in einer Petition ihren Rücktritt gefordert. Kein Wunder: die selbst in Burundi geborene Frau geht offensiv Themen an, über die man in Schweden im Namen der Multikultur bislang meist vornehm geschwiegen hat - so die oftmals untergeordnete Rolle muslimischer Frauen. Für die Ministerin eine der brennendsten Gleichstellungsfragen überhaupt. 

”Wir diskutieren viel über gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder darüber, wie Frauen sich vom Joch der unbezahlten Arbeit im Haushalt befreien können”, so Sabuni. „Wie steht es aber um ein weiteres groβes Problem, nämlich das stark patriarchalische Moment in so genannten ehrenbezogenen Strukturen? Das spielt bei der Diskussion von Gleichstellungsfragen noch kaum eine Rolle.”

Dies will die Ministerin ändern. Den schlimmsten Perversionen der Ehrenkultur - also der Bedrohung, Misshandlung oder gar Tötung von missliebigen Mädchen und Frauen - hat man bereits in den letzten Jahren nach einigen Aufsehen erregenden Fällen in Schweden mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Für bedrohte Mädchen und Frauen sind seitens der Gesellschaft erste Hilfsmechanismen in Gang gekommen. Doch Nyamko Sabuni will nicht nur Symptome behandeln. Sie will Ursachen angreifen. Dazu müssen ihrer Ansicht nach auch Gesetzesänderungen in Schweden her. 

”Für mich ist es zum Beispiel völlig unakzeptabel, dass heute, im 21. Jahrhundert, mitten in Schweden Mädchen und auch Jungen leben, die nicht selbst entscheiden dürfen, wen sie heiraten. Und dass die schwedische Gesetzgebung das gar noch unterstützt! Unser so genanntes Ausländergesetz besagt ja beispielsweise ganz klar: Eltern, die aus einem Land kommen, wo arrangierte Ehen usus sind, können diese Möglichkeit für ihre Tochter oder ihren Sohn auch in Schweden wahrnehmen. Das halte ich für falsch, und ich werde stark daran arbeiten, das zu ändern.”

Die Unterdrückungsmechanismen in den so genannten Ehrenkulturen passten ganz einfach nicht in eine demokratische, freie Gesellschaft, stellt Sabuni klar. Die schwedische Gesellschaft dürfe die Frauen und Mädchen in den betroffenen Familien nicht im Stich lassen. Schon in der Schule muss man deshalb nach Ansicht der Ministerin Aufmerksamkeit walten lassen:

„Die Zentralamt für Sozialwesen soll da künftig direkt an mich rapportieren. Das Amt wird eine Untersuchung starten, die die erste ihrer Art ist, und zwar unter Schülern der neunten Klasse im Gymnasium. Wir wollen uns ein Bild machen, welche Kinder und vor allem welche Mädchen in Strukturen leben, die sie im Alltag unter Druck setzen, ihnen nicht gestatten, Dinge zu tun, die sie gern tun würden”, sagt Sabuni.

Als nächsten Schritt will die Ministerin auch die Lehrer bitten, mit Hinweisen und Tipps auf die Probleme aufmerksam zu machen. Dass solche Probleme zur Genüge bestehen, daran herrscht kein Zweifel: So häufen sich Berichte über Schulmädchen, die nicht am Sport- oder Schwimmunterricht teilnehmen dürfen. Und mit dem weiteren Zustrom von Einwanderern aus muslimisch geprägten Ländern dürften Fragen wie diese an Aktualität gewinnen. Im vergangenen Jahr wanderten 50.000 Menschen nach Schweden ein, der Groβteil von ihnen aus dem Irak. Und bislang steht Schweden für die Hälfte aller von der EU entgegengenommenen Irak-Flüchtlinge.

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