Jeder Vierte will neuen Kredit aufnehmen

Der schwedische Lebensstandard ist im europäischen Vergleich recht hoch. Gleichzeitig aber rangiert das hiesige Lohnniveau eher im Mittelfeld. Wie geht das zusammen? Ganz einfach, die Schweden leben in ausgeprägter Weise auf Pump. Einer aktuellen Untersuchung zufolge plant jeder vierte Schwede, in diesem Jahr einen neuen Kredit aufzunehmen. Möglich macht dies die Reichsbank mit ihren vergleichsweise niedrigen Leitzinsen.

Das Meinungsforschungsinstitut Sifo hat insgesamt 10.000 Schweden nach ihrer Finanzplanung für das laufende Jahr befragt. Immerhin jeder Vierte beabsichtigt demzufolge, einen neuen Kredit aufzunehmen. So auch  Ylva Jonsson: „Derzeit habe ich einen Kredit über 1,2 Millionen Kronen. Ich werde aber bald eine neue Wohnung kaufen und brauche dafür mindestens noch mal 1,5 Millionen. Außerdem muss mein Ferienhaus in Dalarna renoviert werden. Und ich will einen neuen Fernseher kaufen – am liebsten mit Flachbildschirm.“

Gefährlicher Trend, warnen Verbraucherschützer 
Während früher noch ein Großsteil des geliehenen Geldes in den Erwerb einer Wohnung floss, leihen sich heute immer Schweden Geld, um hochwertige Konsumgüter wie Autos, Computer oder Reisen zu bezahlen. Ein gefährlicher Trend, warnen Verbraucherschützer. Denn im Gegensatz zur Immobilie, die einen relativ festen Gegenwert darstellt, ist ein Auto schon in dem Moment nur noch die Hälfte wert, wenn man es vom Händler abgeholt hat. Doch was tun, wenn plötzlich unvorhergesehene Zahlungsschwierigkeiten auftreten – etwa durch den Verlust der Arbeit? Dann könnten auch die Kredite nicht mehr abgezahlt werden. Darauf sind jedoch immer weniger Kreditnehmer in Schweden vorbereitet.

Auch Ylva Jonsson genießt unbesorgt ihr schönes Leben auf Pump, zu dem heute in Schweden der Flachbildfernseher wie selbstverständlich dazugehört. Nicht umsonst wurde er im vergangenen Jahr zum beliebtesten Weihnachtsartikel gekürt. Dass Ylva Jonsson nur einen befristeten Arbeitsvertrag hat, wirkt sich auf ihre Kreditplanung nicht aus: „Jetzt, da die Reichsbank offenbar ihre Zinsen nicht viel weiter erhöht, kann man mehr Geld leihen. Heutzutage lebt man eben auf Kredit. Das ist doch keine Katastrophe.“

Wann wird die Immobilienblase platzen? 
Im europäischen Vergleich ist Schwedens Leitzins mit 3,25 Prozent sehr niedrig. Doch seit 2005 hat die Reichsbank den Zins konsequent nach oben geschraubt – aus sorge vor einer Inflation bzw. vor einem künstlich aufgeblähten Immobilienmarkt. Wirtschaftsexperten haben diese behutsame Zinspolitik stets begrüßt. Nun aber hat die Reichsbank angekündigt, es werde in diesem Jahr keine nennenswerten Erhöhungen mehr geben. Kritiker befürchten deshalb, dass die nahezu ungezügelte Spendierlaune der Banken demzufolge anhalten und die Immobilienpreise immer weiter steigen werden. Doch irgendwann könnte die Immobilienblase zerplatzen, wie Anfang der 1990er Jahre.

Alexander Schmidt-Hirschfelder

20.2.2007

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