Aufs Glatteis geführt: Eiswege in Nordschweden

Jetzt, wo der Winter am schönsten ist, weil die Sonne schon wärmt, kann man endlich den schönen Winterbeschäftigungen nachgehen. Schlittschuhlaufen, Skifahren, Slalom. In Nordschweden aber, wo fast ein halbes Jahr lang Winter ist, beschränken sich die Freizeitaktivitäten nicht nur darauf. Der Winter macht vieles einfacher, verkürzt die Fahrtwege. Im Winter nimmt man die Abkürzung über zugefrorene Flüsse, die im Sommer reibende Ströme sind, und fährt sogar auf der Ostsee - mal eben zum Kaffeetrinken.

Zwei Frauen, zwei Schlitten, zwei Hunde: Eli Ronnby hat mit ihrer Freundin und den Hunden einen kleinen Spaziergang auf der Ostsee gemacht. ”Ja, wir waren nicht so lange unterwegs, aber es war schön drauben”, erzählt sie. ”Etwas Gegenwind. Wir sind jeden Tag mit den Hunden drauben und jetzt, wo der Eisweg fertig ist, ist es noch schöner.”

Endlich sind die Eiswege fertig, einen Monat später als sonst. Der anfangs zu milde Winter hat die Saison verzögert. Da liegt er also, der Weg über die Ostsee, frisch angelegt auf der halben Meter dicken Eisdecke, über 40 Meter breit, zugelassen nicht nur für zwei Frauen mit ihren Schlitten und Hunden, sondern für Autos bis zu drei Tonnen. Und mit Warnschildern versehen: Feuermachen und Angeln auf dem Eisweg sind verboten. Wer käme schon auf die Idee, hier Feuer zu machen, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt? Ich bestimmt nicht. Locker unterschreite ich die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde. Eilig habe ich es nicht. Ich habe Angst.

Horizontlose Eisfläche

Seit die Inseln in den Schären vor Luleå bewohnt sind, fahren die Menschen winters übers Wasser. Früher mit dem Pferdegespann und auf eigene Gefahr. Heute ist die Kommune für das Anlegen der insgesamt etwa 30 Kilometer langen Eiswege zuständig. Ins Eis gestemmte Hinweisschilder zeigen, wo es langgeht. Einheimische haben sicher keine Probleme mit der Orientierung auf der horizontlosen geräumten Eisfläche. Ich bin dankbar für den Hinweis: links gehts nach Hindersön. Vier Kilometer schon, die Hälfte ist geschafft, ich habe gar nicht drüber nachgedacht - ob mein Auto schwerer als drei Tonnen ist? - da tauchen lange Risse im Weg auf. Eine Handbreit tief. Herrgott. Was tun? Umdrehen? Diese Zeilen einfach nicht schreiben? Ausgeschlossen. Dann lieber noch langsamer fahren. Sind ja nur noch vier Kilometer bis zum Inselfestland. Und die Sonne hat sich gerade durch die Wolken gezwängt. Doch ein bisschen wild-romantisch ist das schon.

Lotta Sundlin schlägt die Sahne für die jahreszeittypischen Semmeln. Es erscheint wie eine Belohnung. Lotta kennt das Phänomen der Festländer, die wie ich mit zitternden Knien in ihr Restaurant auf Hindersön kommen. Die kann sie dann beruhigen: ”Das ist doch ein öffentlicher Weg, der immer kontrolliert wird. Die Kommune und die Strabenverkehrsbehörde sind dafür verantwortlich. Die Dicke der Eisdecke wird ständig gemessen, bevor der Schnee geräumt wird.”

Kaffeepause auf der Insel

Vor neun Jahren hat sie das alte Anwesen Jopikgården gekauft, in dem das ganz Jahr über die Städter zum Kaffeetrinken kommen, Firmen ihre Konferenzen abhalten oder Touristen mit dem Scooter zu den Eisangelplätzen fahren, Jetzt mit den Eiswegen sind die mageren Monate vorbei, in denen weder Boote noch Autos die Insel erreichen.

Und schon wieder klingelt das Telefon, für März hat sich eine Gruppe schwedischer Politiker angesagt, die mit dem Taxi rauskommen. Wenn der Winter seinen Namen verdient, die Eiswege angelegt sind, dann wird es auch für die Bewohner auf der Insel das Leben einfacher. Selbst wenn die rauhen Winde stürmen, erzählt Lotta Sundlin: ”Im Winter ist viel einfacher hier zu wohnen. Dann setze ich mich nur ins Auto und bin in zwanzig Minuten in der Stadt. Im Sommer muss ich das Boot nehmen, das dauert auch zwanzig Minuten bis zum Festland, dann muss ich aber das Auto holen, das in einer Garage steht. Das heibt aber auch, dass man manchmal etwas derangiert aussieht, nach der Fahrt im offenen Boot bei Wind und Wetter.”

Zurück zum Festland. Die handbreiten Risse beunruhigen gar nicht mehr: Eis arbeitet, wenn die Temperaturen schwanken. Aber es ist doch einen halben Meter dick, hatte Lotta gesagt. Der Mond zeigt seine Sichel, die Sterne krönen den Himmel, das ist nicht nur wildromantisch, exotisch, sondern märchenhaft.

Katja Güth

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