Laster der Emanzipation: rauchende Frauen

Schweden gilt weltweit als die Nummer eins in Sachen Gleichberechtigung. Doch diese Entwicklung hat nicht nur positive Seiten. Einen hohen Preis bezahlen beispielsweise Frauen, die in den 60-er und 70-er Jahren im Namen der Emanzipation zur Zigarette griffen.

Das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, ist für schwedische Frauen vergleichsweise hoch. Höher jedenfalls als für ihre Geschlechtsgenossinnen aus Süd- und Osteuropa. Das belegt eine aktuelle Statistik des Schwedischen Fonds zur Krebsbekämpfung. Die Zahlen sind nicht schwer zu deuten: Etwa acht von zehn Lungenkrebsfällen werden vom Rauchen verursacht - und gerade eben schwedische Frauen haben in der Vergangenheit häufiger zur Zigarette gegriffen als Frauen aus den besagten übrigen Ländern.

Bis zu dreiβig Jahre kann die Entwicklung von Lungenkrebs dauern. Kein Wunder also, dass von Lungenkrebs heute vor allem jene Schwedinnen betroffen sind, die in den 60-er und 70er Jahren begannen zu rauchen. Zu jener Zeit also, als die Gleichstellung der Geschlechter in Schweden machtvoll Einzug hielt. Was ihm zusteht, das darf ich schon lange - so räsonierte manche Frau und griff resolut zum Glas und zur Zigarette.

Allgemeine Anbetung der Rauchschwaden

„Überall konnte man lesen und hören, wie selbstständig und wie gleichberechtigt man als Frau werden würde, wenn man nur anfinge zu rauchen”, erinnert sich Margareta Haglund vom Institut für Volksgesundheit. Dass gerade die Unterschiede zwischen den Geschlechtern das Rauchen für den Körper der Frau umso gefährlicher machen, diese Botschaft ging in der allgemeinen Anbetung der Rauchschwaden unter. Allerorten drängte sich Zigarettenwerbung in den Vordergrund. „Sie hat ihren Prinzen gefunden”, hieβ es zum Beispiel in Anspielung auf die Marke „Prinz” auf einem Plakat, das ein fröhliches Hochzeitspaar zeigt - beide mit dem unvermeidlichen Glimmstängel im Mund.

Ein Plakat, das heute in Schweden undenkbar wäre. Inzwischen hat sich das Land im Gegenteil hin zur absoluten Anti-Raucher-Hochburg entwickelt, Zigaretten sind von Arbeitsplätzen verbannt, in Kneipen und Restaurants herrscht totales Rauchverbot. Rauchen gilt als uncool und als Laster vor allem von sozial Schwachen; die Besser Gestellten schauen verächtlich auf die Nikotin-Süchtigen herab.

Neue Märkte in Osteuropa

Den Frauen, die jetzt als Spätfolge ihres Lasters die Diagnose Lungenkrebs erhalten, nützt das wenig. Und die schwedische Tabakindustrie hat nach anfänglichem Seufzen auch schon neue Objekte der Begierde gefunden: Nachdem auf dem einheimischen Markt nicht mehr viel läuft, wird man umso mehr in Osteuropa aktiv und richtet sich dabei insbesondere an Jugendliche und an Frauen. ”Ich habe die Entwicklung in den baltischen Ländern verfolgt, als diese Länder zu Beginn der 90-er Jahre frei wurden”, sagt Margareta Haglund vom Institut für Volksgesundheit. „Da gab es die gleiche Reklame, wie wir sie in Schweden in den 60-ern hatten.” Bleibt zu hoffen, dass die Trend-Wende dort ein wenig rascher kommt als hier zu Lande.

Ganz ohne Nikotin-Laster ist man freilich auch in Schweden nicht: gerade in den letzten Jahren wird ein Anstieg der Snus-Konsumtion verzeichnet - und zwar gerade bei Frauen.

Anne Rentzsch

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