Schweden: Land der Riesenbrummis

Werden in Zukunft Riesen-Lkws auf deutschen Straßen fahren oder nicht? Darüber gibt es in Deutschland derzeit geteilte Meinungen. Während die einen unken, die bis zu 25 m langen Lkw-Züge seien ein Sicherheitsrisiko, preisen die anderen ihre Umweltverträglichkeit. In Schweden rollen die EuroCombis jedoch schon seit Jahren.

Arbeitsbeginn bei der Spedition Hägerstens Åkeri in einem Vorort von Stockholm. Johan Philipsson ist ins Fahrerhäuschen seines Riesen-Lkw geklettert und rangiert den zweiteiligen Laster vorsichtig rückwärts an eine Laderampe. Der drahtige 35-Jährige mit dem Stoppelbärtchen und der grauen Wollmütze lässt die breiten Rückspiegel links und rechts des Fahrzeugs nicht auf den Augen, steuert mal auf die eine, dann auf die andere Seite bis sein Riesen-Lkw perfekt an der Rampe steht.

„Nimm’s mit Ruhe. Und wenn etwas nicht stimmt, steig aus und guck, wie die Lage ist, damit du nicht irgendwo drauffährst, “ meint Philipsson zum Umgang mit dem Lastwagenungeheuer.

Er ist einer von hundert Angestellten der Spedition, die von Stockholm aus vor allem die Strecke nach Göteborg fahren. Bis zu 60 Tonnen schwer dürfen ihre Laster mit Anhänger werden, die Maximallänge beträgt gut 25 m - das hatte Schweden Mitte der 90er Jahre zur Bedingung für den EU-Beitritt gemacht. Denn Lkw von 24 m Länge fahren schon seit 1972 über schwedische Autobahnen und sind vor allem für die Holzindustrie ein Wettbewerbsvorteil.

Vorteile in Schweden

Auch Spediteur Christer Peterson ist mit seinen Fahrzeugen sehr zufrieden: „Das hat bisher gut funktioniert. Für uns geht es vor allem darum, viel Ware auf einmal transportieren zu können. Unsere Lkw sind sechs Meter länger als vergleichbare Fahrzeuge in anderen Ländern Europas. Das erhöht die Effektivität und ist gut für die Umwelt.“

Johan Philipssons Riesen-Lkw ist inzwischen beladen. Langsam steuert er sein Fahrzeug aus dem Industriegebiet auf die Autobahn, regelmäßig und besonders vor Kurven guckt er dabei in den Rückspiegel. Wenn ihm ein Bus oder ein anderer Lkw entgegen kommen, kann es schon mal eng werden. In die Innenstädte darf er gar nicht fahren. Da sind die Straßen noch enger, meint Philipsson, der ansonsten nichts Besonderes daran finden kann, einen 25-m-Lkw zu fahren. Das Wenden ist eine Frage der Übung und die Sicherheit ist durch die Geschwindigkeitsbegrenzung gewährleistet, sagt der Schwede: „Wir dürfen nicht besonders schnell fahren, maximal 80 Stundenkilometer, wenn wir einen Anhänger haben. Wenn man ein Gewicht von bis zu 60 Tonnen hat, dauert es eine ganze Weile bis man zum Stehen kommt. Wir haben zwar gute Bremsen, aber man muss daran denken, dass es etwas länger dauert als mit einem Pkw.“

Dünnes Schienennetz

Schweden ist ein langes Land und nicht alle Regionen sind vollständig für den Zugverkehr ausgebaut. Besonders im dünn besiedelten Norden ist das Schienennetz ausgedünnt. Der größte Teil der Warentransporte wird daher per Lkw abgewickelt, im letzten Jahr wurden so 350 Millionen Tonnen Güter transportiert, sechs Mal so viel wie per Güterzug durchs Land rollten.

Durch seine Weite eignet sich Schweden eben für lange Fahrzeuge, meint auch Jeanette Jedbäck, die in Stockholm eine Fahrschule betreibt. Doch das ist nicht die einzige Voraussetzung, die stimmen muss, meint die Fahrlehrerin: „Dass wir so lange Fahrzeuge fahren, hängt damit zusammen, dass wir die Voraussetzungen dafür haben. In der EU sind Fahrzeug-Kombinationen bis zu einer Länge von 25,25 Metern zugelassen. Und das geht in Schweden, nicht aber in anderen Ländern, wo solche Fahrzeuge nicht um die Ecke kommen, weil Kurven, Kreuzungen oder der Kreisverkehr nicht dafür ausgelegt sind.“

Ein weiterer Punkt ist das Sicherheitsdenken, meint Jedbäck. Da sei Schweden zusammen mit Finnland und Kanada weltweit führend. Egal, ob es um die Vorschriften in der Schulküche geht oder das Verhalten im Straßenverkehr - der Schwede sichert sich gern ab. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden in der Regel eingehalten. Zudem ist die Fahrkultur in Schweden eine ganz andere, sagt Jeanette Jedbäck:

Wir fahren etwas ruhiger. Das merke ich selbst, wenn ich in Deutschland Auto fahre. Wir Schweden sind es nicht gewohnt, dass ein Fahrzeug mit 200 oder 250 Stundenkilometern angerast kommen kann. So etwas machen wir im Motorsport, auf speziellen abgesperrten Bahnen, wenn wir Wettbewerbe austragen.

Agnes Bührig

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