Streik im Bau: Gewerkschaften kämpfen auch für sich selbst

Seit Mittwoch früh streiken landesweit 800 Bauarbeiter, nachdem die Gewerkschaft das Angebot der Unternehmen ausgeschlagen hatte. Mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten und mehr Mitspracherecht an kleineren Arbeitsplätzen fordert Schwedens mächtige Baugewerkschaft. Unverhältnismäßig und stur, antwortet die Arbeitgeberseite. Was bedeutet das für die Glaubwürdigkeit der Baugewerkschaft und um was geht es ihr eigentlich?

Rund 3000 Euro brutto verdient Bauarbeiter Per Johansson im Monat, der schwedische Durchschnittslohn liegt 600 Euro darunter.

„Es geht nicht nur ums Geld“, sagt Per Johansson, der seit morgens um fünf seine Stockholmer Baustelle bestreikt. „Es geht auch um die Politik der Konservativen. Die wollen die Gewerkschaften zerschlagen und dass jeder für sich um seinen Lohn kämpft.“

Der Vorsitzende der Stockholmer Baugewerkschaft Johan Lindholm verdeutlicht:

„Es geht um Macht und Einfluss an den Arbeitsplätzen, um Demokratie nach dem Verständnis des schwedischen Modells. Das ist wichtig für uns und für die Arbeitnehmer.“

„Praktisch unmöglich”

Dass es den Gewerkschaften um ihr eigenes Überleben geht, ahnt auch Bo Antoni vom Arbeitgeberverband der Bauindustrie. Der Verband hatte dem Angebot der Schlichter Dienstagabend zugestimmt. Antoni kann sich die störrische Haltung von Seiten der Gewerkschaften trotz des Entgegenkommes der Arbeitgeber nicht anders erklären. Die Forderung nach mehr Macht und Einfluss an den Arbeitsplätzen hält er allerdings für utopisch.

„Die Baubranche tut ja geradezu so, als hinge sie bei den Verhandlungen hinterher. Da müsste es ja schon heute in allen anderen Branchen Gewerkschaftsvertreter geben, die zu sämtlichen Unternehmen und Verwaltungen fahren und jede einzelne Verhandlung in öffentlichem und privatem Sektor führen. 200 Gewerkschaftsvertreter sollen sich um die Löhne von Schwedens 100.000 Bauarbeitern kümmern? Das ist praktisch unmöglich.“

Kampf um Ansehen

Antoni vermutet, dass der jetzige Streik außerdem eine verbitterte Reaktion der Gewerkschaft auf den kürzlich verlorenen Zwist vor dem Europäischen Gerichtshof ist. Dieser verurteilte die Baugewerkschaft gemeinsam mit dem schwedischen Staat zu empfindlichen Bußgeldern, weil sie jahrzehntelang Gebühren erhoben hatte – auch von Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern. Durch das Urteil verliert die Baugewerkschaft nun jährlich vier Millionen Euro – und ein großes Maß an Glaubwürdigkeit.

Die traditionell starken Gewerkschaften müssen also vor allem um ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ringen. Soviel steht fest: Der jetzige Streik wird sich ausdehnen und vermutlich länger dauern. Ende offen.

Liv Heidbüchel

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