Trend zum Siezen

Schweden gilt als Land ohne Hierarchien - fast jedenfalls - und das drückt sich auch in der Sprache aus. Das förmliche „Sie” wurde Ende der 60er Jahre im Zuge der allgemeinen Liberalisierung abgeschafft, die Titel wurden abgelegt. Seitdem duzen sich die Schweden. Eigentlich. Denn es gibt eine Gegenbewegung seit den 80ern, die mal stärker und mal schwächer ist, und die findet, das höfliche „Sie” gehört zu den Umgangsformen dazu. Sind also die vermeintlich klassenlosen Schweden doch auf dem Weg zu mehr Distanz und auch Respekt?

„Du”, also „du”, so reden sich die allermeisten Schweden an. Einzige offizielle Ausnahme: Die Königsfamilie. Doch immer häufiger taucht auch ganz unvermittelt das förmliche „Sie” auf. Im Restaurant, beim Bäcker oder anderen Servicesparten gehört die höfliche Anrede mittlerweile sogar zur Ausbildung dazu. Ganz nach dem Motto: Der Kunde ist König.

In einem Café in der Stockholmer Innenstadt arbeitet David Sagesen hinterm Tresen: „Ich sage immer „Du”, niemals „Sie”, na ja, fast nie”, sagt der 26-Jährige und fängt an zu überlegen. „Wen würde ich denn hier mal siezen… Nein, ich bin einfach nicht zum Siezen erzogen worden, meine Mutter hat mir das nie beigebracht.”

Davids Kollege Sarmad Said kam mit acht Jahren aus dem Irak nach Schweden. Für ihn ist das höfliche Siezen ganz normal: „Zu älteren Herrschaften sage ich natürlich „Sie”. Über 70-Jährige kann man nicht duzen, das klingt doch unmöglich. Ich bin so erzogen worden. Bei uns im Irak sagt man zu den Älteren „Onkel” und „Sie”.”

Alles Erziehung?

Also doch mal wieder alles eine Sache des Elternhauses und der Erziehung. Dabei geht eine Kluft durch die schwedische Gesellschaft. Die vor 1945 geborenen Schweden wissen, dass man früher nur „Sie” sagte, wenn man den Titel des Gegenübers nicht kannte. Das „Sie” markierte also Distanz, allerdings aus Unwissen, und konnte damit leicht etwas Beleidigendes haben.

Die 65jährige Birgit Skoglund erinnert sich noch gut daran, als die ersten zarten Duz-Versuche Ende der 50er für einigen Aufstand in der Familie sorgten: „Meinem Vater kam kein ’Du’ über die Lippen. Meine norwegische Mutter sagte sowieso nur „di” zu allen, so wie das Englische „you”. Dann kam mein erster Schwager in die Familie, ein Mann vom Land in Dalarna, der alle duzt, sogar den König, und der sagte ’Du’ zu meinem Vater. Besonders beliebt hat er sich damit nicht gemacht. Zehn Jahre hat mein Vater sicher gebraucht. Auch ich habe nie ’Du’ zu meinem Vater gesagt.”

Für die Redaktionsassistentin ist das kein Grund, das „Sie” im 21. Jahrhundert abzulehnen. Im Gegenteil: „Ich finde das ’Sie’ vornehm. Es drückt Distanz aus. Man sollte es respektieren, wenn manche es aus dem Grund benutzen. Ich habe das Gefühl, dass das Siezen doch wieder im Kommen ist.”

Comeback des ’Sie’

Dem stimmt Olle Josephson nicht zu, und als Chef des Rates für Schwedische Sprache muss er es ja wissen. Sicher spielen auch Bücher über Etikette und das richtige Verhalten in allen Lebenslagen eine gewisse Rolle und natürlich gibt es Situationen, in denen Menschen besonders höflich sein wollen.: „Seit 1980 gibt es das so genannte ’Neue Siezen’. Auch wenn das ’Sie’ in den 70er Jahren abgeschafft wurde, so ist es doch nie ganz verschwunden. Jugendliche haben das ’Sie’ seitdem immer benutzt, wenn sie Älteren gegenüber besonders höflich sein wollten. Aber das ’Sie’ breitet sich nicht nennenswert aus. Keine Untersuchung stützt, dass man heute mehr siezt als vor 25 Jahren.”

Und auch die 65jährige Birgit Skoglund selbst, die viel vom Siezen hält, wird selbst kaum mit „Sie” angesprochen: ”Das letzte Mal war wohl bei der Arbeit. Ich habe jemanden angerufen, wir waren beide unsicher und haben dann letztlich beide ’Sie’ gesagt. Kleine Kinder aber sagen einfach ’Du’, Tante, kannst du mir sagen, wie spät es ist.”

Liv Heidbüchel

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".