Mücken statt Bomben: Irakische Flüchtlinge in Nordschweden

Schweden nimmt einen grossen Teil der Flüchtlinge aus dem Irak auf. Fast zwanzig Prozent aller Iraker, die sich auf den gefährlichen Weg nach Europa machen, steuern gezielt Schweden an. Denn Schweden ist grosszügig - fast 91 Prozent aller Asylanträge werden genehmigt. Der Ansturm von Ayslsuchenden aus dem Irak beginnt, die Migrationsbehörde zu überfordern. Die Flüchtlinge müssen sich auf lange Wartezeiten einstellen. Wir haben erkundet, wie der Alltag irakischer Flüchtlinge in einem kleinen nordschwedischen Dorf aussieht.

”Wir werden uns heute noch mal die kurzen und langen Vokale im Schwedischen vornehmen.” Lehrer Nils Eriksson erklärt seinen Schülern den Unterschied zwischen ”ful” und ”full”, das eine bedeutet hässlich, das andere betrunken. Den Unterschied zwischen hässlich und betrunken lernen auch Zoher und Haidar aus Bagdad. Die beiden Männer haben gezwungenermassen viel Geld ausgegeben, um am Kurs ”Schwedisch für Einwanderer” in dem nordschwedischen Dorf Råneå teilzunehmen.

Das Geld ging für Flugtickets und die Schmuggler drauf, die sie aus dem Krieg im Irak ins sichere Schweden brachten: ”Ich habe über zwei Jahre für die amerikanischen Truppen als Übersetzer gearbeitet”, erklärt Haidar.

”Die Terroristen haben mir Drohbriefe geschickt und mir gesagt, ich sollte mein Haus verlassen, weil ich den Amerikanern helfe. Dabei habe ich doch meinem Volk geholfen und nicht den Amerikanern. Nach diesen Drohungen konnte ich nicht länger in Bagdad leben.”

20.000 Dollar für die Flucht

20.000 Dollar hat Haidar für die Flucht bezahlt, sein Freund Zoher die Hälfte, um von Bagdad nach Stockholm zu kommen: ”Überall Explosionen, überall Bomben”, erklärt Zoher seine Fluchtgründe. ”Die Amerikaner haben den Irak besetzt und zerstören alles, die Regierung tut nichts für die Bevölkerung. Ich bin um mein Leben gerannt, um den Strassenbomben zu entkommen und nach Schweden zu kommen.” Die Migrationsbehörde hat Zoher und Haidar von der zentralen Aufnahmestelle nahe Stockholm nach Nordschweden geschickt.

Råneå ist ein aufgeräumtes Dorf mit 2.000 Einwohnern. Die gelb gestrichene Dorfkirche bestimmt das Ortsbild. Genau gegenüber der Dorfkirche liegt das ”Mitbürgerkontor”, wo die Migrationsbehörde einmal in der Woche Sprechstunde hat und mit praktischen Dingen hilft.

Sprechstunde einmal die Woche

Ragd und Mohamed und deren zweijähriger Sohn Husam haben Probleme mit der von der Behörde ausgestellten Geldkarte. Sie können damit nicht bezahlen. ”Der PIN-Code ist dreimal falsch eingegeben worden”, erklärt Sachbeabeiterin Erika Hermansson. ”Sie bekommen eine neue.”

Die Familie ist erst seit einer Woche in Råneå. Die Ruhe des Dorfes ist bei Ragd noch nicht ganz angekommen, sie erzählt stockend über die Flucht aus Bagdad: ”Wir waren gezwungen, unser Haus billig zu verkaufen, um die Schmuggler zu bezahlen. Wir wurden bedroht. Wir hatten Angst: vor den Bomben, vor Kidnappern. Wir hatten Angst um unser Leben.”

Schicksal des Wartens

Mit Zoher und Haidar teilt die Familie in Råneå nun das Schicksal des Wartens. Warten darauf, dass sie einen Rechtsbeistand bekommen, der im Asylprozess hilft. Mit 40.000 Anträgen wird in Schweden in diesem Jahr gerechnet, die Kapazitäten der Migrationsbehörde reichen nicht aus. Und dann steht der Sommer vor der Tür. Das bedeutet in Schweden, dass der öffentliche Betrieb fast lahmt liegt. Haidar zeigt eine ausgedruckte Email von der Behörde: Frühestens im August kann er mit einem Rechtsbeistand rechnen.

Haidar versucht es positiv zu sehen: ”Sie haben ja ein Recht auf ihren Urlaub. Und für mich ist es auch der erste Sommerurlaub meines Lebens. Ich habe bisher immer gearbeitet, sommers wie winters. Hier habe ich jetzt Urlaub. Das ist super.”

Nicht so super ist die Bleibe, die der Schiit Haidar mit seinem Freund Zoher, einem Sunniten und vier weiteren Männern teilt. Eine Junggesellenbude, sparsam möbliert mit Betten, einem Sofa und einem Tisch.

Störfaktor Mücken

”Natürlich ist das nicht okay, aber es muss sein. Es ist besser als im Irak”, erklärt Haidar. Die Kumpels Haidar und Zoher pauken angestrengt Schwedisch: die handgeschriebenen Vokabellisten auf dem Tisch künden davon. Daneben die Wörterbücher Arabisch-Schwedisch. Zum Schwedisch lernen haben sie auch viel Zeit: Es ist nicht viel los in Råneå, man kann am Fluss spazieren gehen, im ”Mitbürgerkontor” im Internet surfen. Das einzig Störende sind die Mücken - und es soll ein guter Sommer für Mücken werden. Die Bomben von Bagdad bleiben ihnen hingegen erspart.

Katja Güth

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