Den Parteitag der Schwedendemokraten 2007 wollte das Grandhotel in Saltsjöbaden nicht arrangieren

Luxusherberge mit Sozialgeschichte

Luxusherbergen wie das Taj Mahal in Bombay, das Ritz in Paris oder das Adlon in Berlin haben eines gemeinsam: Für die Reichen, Schönen und Berühmten machen sie den Luxus sinnlich erfahrbar. Vielleicht nicht ganz so teuer und exzentrisch, aber kaum minder geschichtsträchtig und sagenumwoben ist das Grandhotel im idyllisch gelegenen Saltsjöbaden südöstlich von Stockholm. Im Französischen Speisesaal wurde 1938 der berühmte Pakt geschlossen, der bis heute für friedliche Eintracht zwischen den Tarifparteien sorgt, auch wenn das Zeitalter der großen Gesellschaftsutopien lange vorbei ist. Spuren vergangener Zeiten gibt es dort aber noch viele.

An diesem Morgen steht Bengt Miön ganz oben auf einem Hügel über Saltsjöbaden und lässt den Blick schweifen über die Fichten am Hang, die dunklen Wasser der Ostsee und das schneeweiß und majestätisch an der Bucht gelegene Grand Hotel. „Knut Agaton Wallenberg, der Patriarch, stand hier oben auf diesem Hügel“, erzählt er.

„Und er sprach: Lasst uns eine Eisenbahn bauen, von Stockholm bis hierher an die See. Dort unten in der Bucht, mit den Fenstern nach Süden raus, bauen wir ein kleines aber feines Hotel. Da dürfen sich die fleißigen Stockholmer ein wenig ausruhen. Auf den windgeschützten Holmen gegenüber kommt das Kaltbadehaus - eine Abteilung für die Damen und eine für die Herren der Schöpfung.

Herberge für Bessergestellte
Bei der feierlichen Grundsteinlegung 1892, gab es nur die Dampf fauchende Eisenbahn und die Anfahrt übers Wasser. Die betuchten Hauptstädter und später auch ihre weit gereisten Gäste pilgerten dennoch in Scharen zu der edlen Herberge, mit ihren romantischen Türmen, Erkern und Zinnen.

Bengt, 73 Jahre alt, groß und schlank, mit einem runden Gesicht und markanten Zügen, hat die besseren Jahre mitgekriegt. Sein Leben ist immer um das Hotel

gekreist. Er hat Konferenzen und Feste inszeniert und in all den Jahren auch viele der  liebevoll renovierten Zimmer bewohnt.

Die Treppe herauf und in den Festsaal: Ein gewaltiges rundes Panoramafenster gibt den Blick frei über den Sund. Ein paar Segelboote dümpeln an der Pier. So behaglich mag es auch in den frühen 30er Jahren hier zugegangen sein. Die Hotelgäste wiegten sich im Tanz. Aber drüben in den Werkshallen und auf den Straßen der Stadt braute sich Revolutionäres zusammen. 

Wendepunkt
1931 hatten schwedische Soldaten auf streikende Arbeiter geschossen.

Die mächtigen Gewerkschaften stürzten das Land in wilde Arbeitskämpfe. Per Halbin Hansson aber, der sozialdemokratische Premier, träumte im Stockholmer Reichstag von friedlicher Eintracht. Der fürsorgliche Staat würde sich um alles kümmern: Um Arbeit, Krankheit, Kinderbetreuung, den ersten Volvo und das Sommerhäuschen. Es war der große Traum vom Volksheim. Und die Schweden sollten ihn lange träumen.

„Dies hier ist der berühmte Französische Speisesaal”, sagt Bengt und zeigt auf die goldenen Stuckaturen an den Wänden. An einem düsteren Dezembertag im Jahre 1938 stürmte die geballte Arbeitermacht das kleine Hotel in Saltsjöbaden. Doch die Herren Gewerkschafter trugen edlen Zwirn und benahmen sich wie Gentlemen. „Hier im Speisesaal wurde der Pakt geschlossen, der unser Land von Grund auf verändern sollte”, sagt Bengt. „Die saßen hier im Hotel. Die Stimmung draußen war ja recht hitzig.

Die Sozialdemokraten hatten damals noch nicht die unumstößliche Stellung, die sie heute haben.“

Alle mächtigen Gewerkschaftsbosse waren vollständig versammelt. Und auch das Arbeitgeberlager. Und dazwischen die Sozialdemokraten, die Schweden von Stund an - und nur mit kurzen Unterbrechungen -  regierten.

Reform statt Revolution
Für die schwedische Arbeiterbewegung war der Pakt ein Meilenstein: Die Industriellen sorgten gemeinsam mit dem Staat dafür, dass alle beschäftigt und gut versorgt waren. Im Gegenzug verzichtete das Proletariat auf die Revolution.

Ein halbes Jahrhundert währte der Traum vom schwedischen Modell. Doch am Ende ließ sich die teure Wohlfahrt nicht länger finanzieren - und nicht alle trauern der Bevormundung im Volksheim nach.

Und das Hotel? „Ach, wissen Sie: Peter, der Junior, war der letzte Wallenberg, der hier das Sagen hatte. Aber es gab schon damals Probleme, man musste viel Geld in den Unterhalt stecken. Und da wurde das Grandhotel verkauft und heute gibt es neue Eigentümer. Ich komm noch manchmal her. Aber nicht sehr oft. Hier Kaffee zu trinken oder das Tanzbein zu schwingen, kann ich mir schlicht nicht leisten.“ 

Alexander Budde

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