Pipeline-Bauer Nord Stream umwirbt Gotländer

Die geplante Ostseepipeline vom russischen Wyborg nach Greifswald ist auch Thema der Politikerwoche auf Gotland. Umfragen zufolge sind die Schweden insgesamt überwiegend skeptisch gegenüber der 1200 km langen Pipeline quer durch die Ostsee. Die Gotländer sind besonders kritisch, soll die Gasleitung doch mehr oder weniger vor ihrer Haustür verlaufen. Das Betreiberkonsortium Nord Stream hat nun auf Gotland fleißig Werbung für die Pipeline gemacht - und das erfolgreich.

Rund eine Million Euro will Nord Stream in ein Projekt über die Bewegungen der Seevögel im Binnenmeer stecken. Mit mehreren hunderttausend Euro kann sich das Unternehmen vorstellen, in ein Projekt des Landesmuseums Gotlands einzusteigen: Es geht um die Untersuchung und teilweise Bergung eines Lübecker Schiffswracks, das 1566 vor der gotländischen Küste gesunken ist.

Für die Gotländer am interessantesten dürfte jedoch die Ankündigung sein, den Verschiffungshafen in Slite, im Norden der Insel, auszubauen. Kostenpunkt: Etwa acht Millionen Euro. Teilweise will sich die Kommune an den Ausgaben beteiligen, wittert sie doch schon den wirtschaftlichen Aufschwung. Die konservative Lokalpolitikerin Inger Harlevi erinnert vor allem an ihren politischen Auftrag.

„Als Lokalpolitikerin ist es meine Pflicht zuzusehen, dass wir Dinge bezahlt bekommen, für die wir sonst kein Geld haben. Und da finde ich, wir sollten das Nord Stream machen lassen.“

Angeblich soll der Ausbau des Hafens ohne jegliche Auflagen vonstatten gehen. Laut Inger Harlevi bedeutet das: Geld für die Kommune, ohne dass im Gegenzug die Kommunalpolitiker ihr „Ja“ zur Pipeline geben müssten.

„Es dreht sich einzig darum, ob wir wollen, dass der Hafen von Slite ein gut funktionierender Reservehafen ist und dort tiefer gehende Schiffe einlaufen können. Erst wenn im Herbst die Umweltgutachten fertig sind, geht es um die Pipeline. Jetzt aber geht es um den Hafen von Slite und Slite.“

Köder Arbeitsplätze

Laut Nord Stream würde der Ausbau des Hafens rund 80 neue Arbeitsplätze bedeuten. Mehr als die Hälfte der Arbeitskräfte soll von der Insel rekrutiert werden. Doch schwarz auf weiss steht das nirgends. Die Arbeiter können genauso gut von Russland auf Montage kommen. Das meint Rolf K. Nilsson, er sitzt für die Konservativen im Reichstag. Er hält die Haltung seiner Parteikollegin für naiv und das Angebot Nord Streams nicht für allzu seriös.

„Man kann es als Akt der Verzweiflung interpretieren, dass Nord Stream mehr und mehr Angebote macht, weil sie aus verschiedenen Gründen die Pipeline wollen und dafür soviel Unterstützung im Westen brauchen wie nur irgend möglich. Ich finde, auf das Unternehmen Nord Stream selbst sollte kein schlechtes Licht fallen. Seine Aufgabe ist es, die Gasleitung zu bauen, die Leute arbeiten so gut sie können. Aber Haupteigner ist Gazprom, und dort hat man möglicherweise nicht exakt dieselben Ziele wie Nord Stream.“

Verlängerter Arm des Staates

Nilsson beruft sich bei seiner Kritik auf die Aussagen von Präsident Putin, wonach sämtlicher Energieexport dazu dienen solle, die politische wie wirtschaftliche Einflussnahme Russlands auf den Westen zu verstärken. Der staatseigene Energiekonzern Gazprom hält 51 Prozent der Anteile, ohne Putins Zustimmung läuft nichts.

Für Nilsson bedeutet das konkret: Was auch immer Nord Stream heute verspricht, kann sich mit einem Anruf aus Moskau morgen ändern. Und sicher wäre der Ausbau des gotländischen Hafens in Slite wünschenswert, meint Reichstagsabgeordneter Nilsson, „aber eben nicht zu dem Preis, dass wir Russlands außenpolitische Angelegenheiten erledigen.“

Billiger Kuhhandel?

Die Stimmung bei den Lokalpolitikern ist jedoch offensichtlich gekippt – zugunsten Nord Streams und damit auch für den Bau der Gasleitung. Auf drei Gebieten will das Betreiberkonsortium der Kommune helfen: Jobs, Umwelt und Meeresarchäologie. Für viele klingt das nach einem unwiderstehlichen Angebot. Ob es nur ein vergleichsweise billiger Kuhhandel war, zeigt sich im Herbst, wenn die Entscheidung über den Bau der Pipeline fällt.

Liv Heidbüchel

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