Ärzte verordnen wieder mehr Antibiotika

Winterzeit ist Erkältungszeit, und wem die Nase läuft, der geht auch hierzulande gerne zum Arzt, um sich ein Mittelchen gegen seine Beschwerden zu holen. Das führt in Schweden dazu, dass seit mehreren Jahren auch wieder verstärkt Antibiotika verschrieben werden. Ein Trend, der Fachleute so gar nicht glücklich macht.

Christer Norman sieht mit Unbehagen auf die neueste Statistik der Apotheken. Der Arzt ist Mitglied der schwedischen Vereinigung gegen Antibiotikaresistenz und hatte bis zum Jahr 2004 feststellen können, dass seine Kollegen ihren Patienten im Krankheitsfall stetig weniger Antibiotika verschrieben. Dann aber änderte sich der Trend wieder. Im vergangenen Jahr wurden pro tausend Einwohner 466 Rezepte für ein Antibiotikum ausgestellt. Im Schnitt hat damit fast jeder zweite Einwohner mindestens einmal im Jahr 2007 ein solches Medikament eingenommen. Damit lag Schweden wieder auf dem Niveau von 2002. Besonders stark war der Anstieg unter Kindern und Jugendlichen. Die Ursache für diesen Trend glaubt Christer Norman auch bereits ausgemacht zu haben:

„Ich glaube, dass sowohl manchem Allgemeinmediziner als auch der Bevölkerung nicht klar ist, welch geringen Effekt Antibiotika bei gewöhnlichen Infektionen haben. Bei schwer kranken Patienten können Antibiotika lebensrettend sein, aber bei Nebenhöhlenentzündungen, Ohrenentzündungen oder Katarrhen helfen die wenig. Da ist man höchstens mal einen Tag eher gesund, als wenn die Krankheit von selbst wieder weggeht.“

Doch warum bekommen immer mehr Menschen ein Rezept für Antibiotika? Für Christer Norman hat diese Tendenz auch damit zu tun, dass die Gesundheitszentren jetzt länger geöffnet haben

„Natürlich ist es im Grunde hilfreich, wenn der Zugang zu ärztlicher Behandlung gut ist. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass viele auch bei nur leichten Beschwerden zum Arzt gehen. Und je mehr mit kleineren Infektionen zum Arzt gehen, desto mehr Rezepte für Antibiotika gehen raus.“

Eine ungesunde Entwicklung, dass erkennt auch Eva Bågenhielm, Vorsitzende des schwedischen Ärztebundes. Dass Ärzte keine Ahnung von der Wirkungsweise von Antibiotika haben könnten, glaubt sie zwar nicht. Doch sie sieht auch, dass die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss darauf hat, wie oft diese Medikamente verordnet werden:

„Der Druck im Gesundheitswesen ist ziemlich groß. Für viele Eltern geht es darum, dass ihre Kinder schneller wieder in die Kindertagesstätte gehen können, so dass sie selbst arbeiten können. Der Druck in der Gesellschaft ist groß, es muss schnell gehen. Und da werden Antibiotika-Rezepte dann fast reflexartig ausgestellt.“

Zwang zur schnellen Genesung, gemischt mit der Unkenntnis über die Wirkungsweise von Antibiotika: Ein Cocktail, der schwer wiegende Konsequenzen haben könnte. Otto Cars, Vorsitzender der Vereinigung gegen Antibiotikaresistenzen, warnt vor Bakterien, denen die derzeitige Medizin nichts mehr anhaben kann:

„Auf längere Sicht ist das eine ernsthafte Sache, denn das Einzige, was wir gegen die Entstehung resistenter Bakterien tun können, ist, so wenig Antibiotika wie möglich anzuwenden – und natürlich, die Ausbreitung solcher Bakterien zu bremsen. Deshalb ist die Entwicklung auf längere Sicht unglücklich.“

Vor allem Eltern junger Kinder, findet Cars, müssten darüber aufgeklärt werden, dass die heilende Wirkung von Antibiotika in vielen Fällen geringer sein, als sie vielleicht glauben. Dass die Ärzte dabei mithelfen könnten, glaubt auch Eva Bågenhielm. Sie wünscht sich, dass ihre Kollegen den Eltern junger Kinder eher eine Folgeuntersuchung des Kindes innerhalb einer kurzen Frist vorschlagen. Das sei besser, als einfach ein Rezept für ein Antibiotikum mitzugeben. Es bleibt also genug zu tun, um die Einnahme von Antibiotika wieder auf ein sinnvolleres Maß zurückzuschrauben.

Thomas Fenske

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