Karolinska Institutet

Mörder will Arzt werden: Zu lasche Aufnahmeprüfungen?

Wer sein Leben oder das seiner Kinder in die Hände anderer legt, der will seinem Gegenüber vertrauen können. Das gilt zum Beispiel für Ärzte, Lehrer oder auch bei der Kinderbetreuung. Doch ob die immer vertrauenswürdig sind, das steht auf einem anderen Blatt. Denn Beweise für ihre Vertrauenswürdigkeit mussten sie nicht immer beibringen. Dieser Missstand hat nun ganz aktuell ethisch-moralische Fragen aufgeworfen.

Der Fall hatte im vergangenen Herbst für Aufsehen in Schweden gesorgt. Ein etwa 30 Jahre alter Mann hatte sich um einen Studienplatz am renommierten Karolinska Institut beworben, um Arzt zu werden. Und er hatte den Studienplatz auch erhalten. Die Zeugnisse, die der Mann vorlegte waren gut genug. Und auch die Aufnahmeprüfung hatte er gemeistert. Was keiner wusste: Der Mann war ein verurteilter Mörder, der auf Bewährung freigekommen war. Er selbst hatte dies bei seiner Aufnahmeprüfung verschwiegen.

Erst mit Beginn des Semesters kam die wahre Lebensgeschichte des neuen Medizinstudenten ans Licht - durch anonyme Hinweise an das Rektorat der Hochschule. Die Entrüstung war groß: Ein Mörder als Arzt, das ging vielen Menschen in Schweden zu weit. Doch die unvollständigen Angaben des Mannes bei der Aufnahmeprüfung reichten zunächst nicht aus, um ihm den Studienplatz wieder zu entziehen.

”Ein ethisches Dilemma”

Eine schwierige Situation für Harriet Wallberg-Henriksson, Rektorin des Karolinska Institut: „Das ist ein echtes ethisches Dilemma, über das wir natürlich sehr viel diskutiert haben, seit klar war, dass die betreffende Person bei uns einen Studienplatz in Medizin erhalten hatte. Da entsteht das Problem, dass man die Rechte des Einzelnen gegen die Pflicht abwägen muss, den Patienten im Gesundheitssektor ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.”

In diesem Fall löste sich das Problem noch auf relativ leichte Weise. Das Karolinska Institut schickte eine Anfrage an die Behörde für Hochschulservice, eine Einrichtung ähnlich der deutschen ZVS. Die prüfte das Gymnasialzeugnis des Mannes und stellte Ungereimtheiten fest. Anita Johansson, Chefin der Behörde:

„Wir haben das Gymnasium kontaktiert, das das Zeugnis ausgestellt haben soll, und haben herausgefunden, dass das Abschlusszeugnis nicht dort ausgestellt worden ist. Was genau bedeutet, wissen wir nicht, aber ein Zeugnis lässt sich nicht finden. Daraufhin haben wir den Vorfall der Polizei gemeldet.”

Regierung in der Pflicht

Mit dem Rausschmiss von der Uni und der Anzeige bei der Polizei ist dieser Fall also gelöst. Doch auch für Harriet Wallberg-Henriksson sind die aktuellen Ereignisse Anlass für eine grundsätzliche Frage:

„Soll ein Medizinstudent einen solchen Lebenslauf haben dürfen, soll man Medizin studieren können, wenn man wegen Mordes verurteilt worden ist? Ich habe darauf keine Antwort, aber ich bin der Meinung, dass unsere Regierung diese Frage nun klären sollte.”

Offenbar ist die Regierung auch bereits ins Grübeln gekommen. Heutzutage kann eine Hochschule Studenten nur dann die Zulassung zum Studium entziehen, wenn sie psychisch krank sind, Abhängigkeitsprobleme haben oder schwere Verbrechen begehen. Zudem muss von ihnen eine Gefahr für andere Menschen ausgehen. Ethisch-moralische Fragen tauchen da bisher nicht auf, wie auch Peter Honeth, Staatssekretär im Bildungsministerium weiß:

„Die schwierige Situation, über die wir nun zu diskutieren haben, ist, ob es aus moralischen Gründen inakzeptabel sein kann, jemanden Medizin oder Lehramt oder was auch immer studieren zu lassen, der wegen eines Verbrechens verurteilt worden ist. Dafür gibt es eben keine eindeutigen Regeln.”

Kontrollen sind möglich

Dass es Möglichkeiten für solche Regelungen gibt, zeigt das Beispiel Kinderbetreuung. Straftäter, die wegen Kindesmissbrauchs oder Misshandlung verurteilt wurden, können sich in diesem Bereich bereits seit mehreren Jahren nicht mehr um einen Arbeitsplatz bewerben. Ähnliches fordert die Vorsitzende des schwedischen Ärztebundes, Eva Nilsson Bågenholm, nun auch für alle, die im Gesundheitswesen arbeiten wollen. Sie sollten ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen. Das Vertrauen der Patienten in die Ärzteschaft sei wichtiger als die Persönlichkeitsrechte der Mediziner.

Das Bildungsministerium denkt in die gleiche Richtung. Wie die neuen Zulassungsregeln für Studenten genau aussehen sollen, weiß auch Peter Honeth noch nicht. Die Regierung werde aber bis Ende des Jahres einen Entwurf vorlegen.

„Von solchen Fällen gibt es nicht viele, aber die Frage ist wichtig, denn es geht ums Prinzip.”

Thomas Fenske

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