Manifestation in Stockholm gegen "Ehren"gewalt

"Ehrenkultur": Zweifelhafte Rücksichtnahme

Man will Gewalt im Namen der Ehre bekämpfen – spielt ihr aus falscher Rücksichtnahme aber letztlich gar in die Hände. Dieser schwere Vorwurf richtet sich jetzt gegen „Rädda Barnen“, die schwedische Abteilung der Kinderschutzorganisation „Rettet die Kinder“. In einem Forschungsbericht über Ehrenkulturen in Ländern in Nahost strich „Rädda Barnen“ einige wie man meinte anstöβige Teile, um Partner vor Ort nicht zu verärgern.

Fast scheint es, als sei man sich bei „Rädda Barnen“ von Anfang an nicht ganz im Klaren gewesen, worauf man sich mit dem Forschungsprojekt letztlich einlieβ. Denn dessen Auftrag lautete schlieβlich, im Jemen, in Libanon und in Palästina ehrenbezogene Gewalt zu erforschen, insbesondere die Auswirkungen auf frühe Ehen und sexuellen Missbrauch. An die vierhundert Kinder in den drei Ländern wurden zu diesem Thema eingehend befragt. Und was sich herauskristallisierte, waren übergreifende, gemeinsame Muster einer Kultur, die die so genannte Ehre der Sippe über alles stellt. Wenig überraschend eigentlich. Dennoch bekam man bei „Rädda Barnen“ kalte Füsse – und setzte den Rotstift an. Pernilla Ouis, Forscherin an der Hochschule Malmö und eine der Autorinnen der Berichts, ist empört:

„Man hat die Stellen gestrichen, die den Hintergrund der Ehrengewalt erklären, also genau das, was man wissen muss, um verstehen zu können, warum die Ehre in diesen Kulturen so wichtig ist und warum sie eine so bedeutsame Funktion hat
dass Menschen sie sogar über das Leben ihrer Kinder stellen.“

Unterdrückung mit System

Zu den Schlussfolgerungen, die dem Rotstift zum Opfer fielen, gehörte zum Beispiel diese:

„Die Ehre ist ein enorm wichtiges Kapital in Ländern, in denen der Sozialstaat schwach ausgebaut ist“, erläutert Pernilla Ouis. „Dort nimmt die Ehre dann die Position eines groβen sozialen Guts, einer groβen Errungenschaft ein; wenn man weder über nennenswerte Ausbildung noch über materiellen Besitz verfügt, kann man sich stattdessen auf die Ehre berufen. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich enorm wichtig, wie sich die jungen Mädchen führen, wen sie heiraten.“

Befragt, warum man einige dieser übergreifenden Begründungen aus dem Bericht gestrichen habe, antwortet die Regionchefin von „Rädda Barnen“ im Libanon, Sanna Jonsson:
„Ausgangspunkt all unserer Tätigkeit ist das Wohl der Kinder, unabhängig von Religionen und anderem in der entsprechenden Region Vorherrschendem, und auf das Wohl der Kinder arbeiten wir gemeinsam mit unseren jeweiligen Partnern vor Ort hin. Als unsere Partner in Nahost nun einige Stellen in dem Bericht lasen, waren sie von den Schlussfolgerungen, die Pernilla gezogen hatte, nicht ganz überzeugt.“

Vorauseilender Gehorsam

„Rädda Barnen“ also entfernte daraufhin das Unliebsame. Pernilla Ouis betont ihrerseits, dass es sich bei den sensiblen Stellen eben nicht um irgendwelche Interpretationen gehandelt habe, sondern um die objektive Aufdeckung von Zusammenhängen. Durch die Manipulationen, sprich das Weglassen, sei der Bericht nun als Grundlage für Diskussionen und Beurteilungen nichts mehr wert. Sanna Jonsson verteidigt unterdessen das Vorgehen ihrer Organisation:

„Wir können nicht einfach ganze Kulturen, ganze Religionen oder Regionen verurteilen. Wir müssen uns den einzelnen Fall ansehen. Wenn wir unsere Arbeit gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort machen, müssen wir Rücksicht auf die Bedingungen nehmen, unter denen sie wirken.“

Schon wieder ein ”Balkonmädchen”

Eine Rücksichtnahme, die stark in Zweifel zu ziehen ist, meinen die Kritiker. Vor allem, weil „Rädda Barnen“ damit jene Mädchen im Stich lässt, die in der Ehrenkultur gefangen sind – ob nun in Ländern im Nahen Osten oder hier in Schweden. Just dieser Tage schreiben Schwedens Zeitungen wieder einmal über ein so genanntes „Balkonmädchen“: eine 16-Jährige aus Malmö, die kürzlich offenbar von männlichen Verwandten zum Sprung vom Balkon genötigt oder vom Balkon gestoβen wurde – wie schon mehrere Leidensgefährtinnen vor ihr, die sich den Zwängen der Familie nicht beugen wollten und diese Weigerung mit dem Tod bezahlen mussten. Für die jeweilige Sippe eine bequeme Art, die Aufmüpfige zu vernichten, ohne sich selbst die Finger zu beschmutzen. Für Organisationen wie „Rädda Barnen“ sollte es ein Fingerzeig sein, die eigene ängstliche Haltung erneut zu überdenken.

Anne Rentzsch

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