Vielen Jugendlichen geht es schlecht und sie haben niemanden, an den sie sich wenden können
Studie

Einsam und mit Selbstmordgedanken: Immer mehr Kinder am Sorgentelefon

Auch in schwedischen Familien kommt es zu Konflikten, das dürfte inzwischen kein Geheimnis mehr sein. Doch diese Konflikte führen in jüngster Zeit offenbar immer häufiger dazu, dass Kinder schwerem psychischen Stress ausgesetzt sind. In Gesprächen mit der Kinderhilfsorganisation BRIS haben im vergangenen Jahr 2.000 Kinder zugegeben, dass sie sogar mit dem Gedanken gespielt haben, sich das Leben zu nehmen.

Nicht nur am Sorgentelefon nehmen sich die Mitarbeiter viel Zeit, sondern auch beim Chatten. Seit Dezember können Kinder die Organisation per Internet erreichen und chatten – diese schriftlichen Beratungen, die auch ein stückweit anonymer sind, dauern fast eine Stunde. Rund 21.000 Kontakte mit Kindern und Jugendlichen hatte die Kinderhilfsorganisation im vergangenen Jahr, etwas mehr als im Jahr davor.

Von den 2000 Jugendlichen mit Selbstmordgedanken sind die meisten 14-jährige Mädchen. Diese Zahl ist in den vergangenen Jahren ums vierfache gestiegen und erschüttert auch den langjährigen Generalsekretär von BRIS, Göran Harnesk.

„Das sind erschreckende Zahlen, auch wenn der Weg vom Gedanken bis zur Umsetzung in die Tat weit ist. Aber wenn man sich vorstellt, dass diese Menschen doch ihre ganze Zukunft noch vor sich haben und schon jetzt denken, dass es keinen Sinn macht, weiterzuleben – das ist doch furchtbar. Dahinter stecken oft Eltern, die mit ihren Kindern nicht klarkommen und sie psychisch misshandeln. Die Kinder bekommen Sachen zu hören wie „Du bist nichts wert“ oder „Ich wünschte, Du wärst nie geboren worden.“

Gute Leistungen, gutes Aussehen

Doch auch abgesehen von den Extremfällen der psychischen Misshandlung hat der Druck auf Jugendliche in den vergangenen Jahren stark zugenommen, so der Bericht von BRIS. Eltern erwarten Bestleistungen, im Freundeskreis zählt hauptsächlich blendendes Aussehen. Die meisten Kinder und Jugendlichen, die sich bei BRIS melden, haben das Gefühl, diesen Ansprüchen nicht gewachsen zu sein. Göran Harnesk kritisiert vor allem die ständigen Einsparungen im sozialen Sektor. Oftmals ist das Personal nicht ausreichend ausgebildet, um rechtzeitig einzuschreiten.

„Alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen wissen, wie man bestimmte Probleme mit ihnen anspricht. Und dann muss das Personal auch erkennen können, wann es einem Kind schlecht ergeht. Nur weil ein Kind still ist, bedeutet das ja nicht, dass es ihm gut geht. Im Gegenteil.“

„Zeichen für Scheitern”

Dass sich so viele Kinder und Jugendliche an BRIS wenden, erfüllt die Organisation zum einen mit Stolz. Schließlich setzt sie sich seit 1971 für die Rechte von Kindern ein. Viel stärker aber wiegt die Sorge darüber, dass so viele Kinder offenkundig keinen Erwachsenen in ihrer Nähe haben, an den sie sich vertrauensvoll wenden können oder wollen.

„Viele Kinder und Jugendliche sagen, dass sie sonst niemanden haben und das ist natürlich ein gesellschaftliches Problem. In einer idealen Gesellschaft wären wir ja überflüssig. Dass es uns gibt, ist, wenn man es mal krass ausdrücken möchte, Zeichen eines Scheiterns.“

Liv Heidbüchel

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".