Längste Kunstausstellung der Welt

„Längste Kunstausstellung der Welt” - so nennen die Stockholmer ihre U-Bahn gerne. Keiner der einhundert Stockholmer U-Bahnhöfe gleicht dem anderen - Kunst- und Baustile der fünfziger, sechziger, siebziger Jahre wechseln sich ab. Tiiu Valmet kennt sie alle. Mit ihren Führungen in der U-Bahn bringt sie die Kunstwerke in den Höhlen und Grotten den Stockholmern näher.

Tiiu Valmet hat ihr Megaphon in der Hand. Sie steht in der Eingangshalle der U-Bahn-Station Axelsberg - mit viereinhalbtausend Reisenden am Tag eine der kleineren in Stockholm. Um sie herum geschart sind sechzig interessierte Zuhörer. Hinter ihr drei, vier Meter hohe Buchstaben-Skulpturen aus unterschiedlichem Material. Sie ergeben den Namen des U-Bahnhofs. Doch darauf muss Valmet die Gruppe erst einmal aufmerksam machen. Sie sagt:  „Sie schauen sich die Kunst nicht an, ehe sie nicht so eine Führung mitgemacht haben. Denn beim U-Bahn-Fahren hat man andere Dinge im Kopf: was muss ich auf der Arbeit erledigen? Was soll ich zu essen einkaufen? Man kümmert sich einfach nicht darum. Aber es ist eine sehr dankbare Aufgabe, den Leuten Dinge zu zeigen und ihnen die Augen für die Kunst zu öffnen.”

Führungen durch die U-Bahn-Gallerien
Viermal im Monat bietet die Stockholmer Nahverkehrs-Gesellschaft SL inzwischen solche Führungen an. Und meistens sind es Einheimische, die das Angebot annehmen.  „Weil man es ansonsten immer eilig hat und es nicht schafft, sich umzusehen, da ist es schön, etwas mehr zu erfahren”, sagt eine der Teilnehmerinnen. Außerdem, so ergänzt sie, war sie dabei, als die U-Bahn gebaut wurde. Sie wohnte in einem der Häuser am Fridhemsplan, genau dort, wo der Eingang zur U-Bahnstation ist.

Eine andere meint: „Ich wohne ja in dieser Stadt und will sie eben richtig kennen lernen. Es gibt hier alle Arten von Verkehrsmitteln und so viel Schönes anzusehen. Das interessiert mich.”

Als vor über fünfzig Jahren die ersten U-Bahn-Schächte in der schwedischen Hauptstadt gegraben wurden, wollten auch Künstler dabei sein. Sie wollten Kunst nicht hinter Museumstüren, sondern mitten im Alltag. Harte Überzeugungsarbeit war gefordert, um die Stadträte für die Idee einzunehmen. Und sich gegen Wirtschaftsinteressen durchzusetzen. „Von Anfang wurde festgelegt, wo in den U-Bahnstationen Reklame und wo Kunst sein sollte”, erzählt U-Bahnführerin Tiiu Valmet. „Auf diese Weise wirkte man dem Konflikt entgegen. In den Innenstadtstationen gab es natürlich Unternehmen und Geschäfte, die Reklame anbringen wollten.”

Beim Bau der einhundert Stockholmer U-Bahnhöfe gab es oft genug auch Konflikte mit den Technikern und Ingenieuren. Denn die fanden es mühselig, auf die Belange der Künstler Rücksicht zu nehmen. Bei den Stationen Stadion und Technische Hochschule eskalierte der Streit, erinnert sich Kunstexpertin Valmet: „Die Techniker hatten Eisenrahmen, oder besser gesagt, Zäune aus Metall geordert, die unter der Decke und entlang der Wände angebracht werden sollten -  so dass man von der Kunst, die dahinter lag, nichts mehr sehen konnte. Da kämpften die Künstler darum, diese seltsamen Verkleidungen wegzubekommen und es gelang ihnen.”

Mal ist es ein riesiges Mosaik, das die Station schmückt, mal ein Mobile an der Decke, mal sind es runenartige Inschriften oder, wie in der Station Rissne, Ereignisse aus fünftausend Jahren Weltgeschichte - am Bahnsteig. Die Stockholmer Nahverkehrs-Gesellschaft SL kauft den Künstlern ihre Werke ab. Wenn eine Station umgebaut wird, entsteht etwas Neues. Alles ist im Fluss.

Kungsträdgården die Lieblingsstation der Schweden
„Hötorget in der Innenstadt war zum Beispiel eine gekachelte Station”, erklärt Führerin Valmet. „Sie wurde Badezimmerstation genannt, weil dort die gleichen Kacheln angebracht waren, wie bei den Leuten zu Hause im Badezimmer. Es war eine soweit einfache, hübsche Station von 1952. Dann sollte sie umgebaut und heller werden. Gun Gordillo, eine junge Künstlerin entwarf die eine neue Decken-Beleuchtung. So hat man etwas Fantastisches Neues hinzugefügt und das Alte, Klassische trotzdem bewahrt. Dort sieht man also eine interessante Kombination aus Elementen der 50er und der 90er Jahre.”

Tiiu Valmet kommt ins Schwärmen. Es hört sich fast so an, als sei Hötorget ihre Lieblingsstation. „Ach, das ändert sich. Eine zeitlang fand ich mal den Karlaplan sehr schön, eine alte, einfache, hübsche 60er-Jahre-Station - meine momentane Lieblingsstation ist Mörby Centrum. Die klassische Vorzeigestation ist Kungsträdsgǻrden. Sie ist die Lieblingsstation der Schweden, aber das können Ausländer nicht verstehen, denn dort wird schwedische Geschichte gezeigt.”

Markus Wetterauer

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