Situation rumänischer Klaukinder

Deutscher Film beim Jugendfilmfestival in Stockholm

Zum neunten Mal findet vom 6. bis 13. April in Stockholm das Filmfestival Junior statt. Eine Woche lang haben Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis sechzehn Jahren Gelegenheit, sich Jugendfilme aus verschiedenen Ländern anzusehen, sich in einer Filmewerkstadt selbst im Filmemachen zu üben oder am Kurzfilmwettbewerb teilzunehmen. In diesem Jahr steht das Filmfestival unter dem Motto „Stopp der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“. Gezeigt und mit dabei beim Wettbewerb um den besten Film ist auch ein deutscher Beitrag, der Streifen „Beautiful Bitch“.

Die fünfzehnjährige Bice lebt in den Straßen Bukarests. Das, was sie für sich und ihren kleinen Bruder zum Leben braucht, klaut sie sich zusammen. Ab und zu atmet sie die Dämpfe eines Klebstoffs ein, um ihr Elend für eine Zeit lang zu verdrängen. Als ihr der kleine Bruder entrissen und in ein Kinderheim gebracht wird, hat sie nichts mehr zu verlieren. Einem Fremden, der ihr eine warme Mahlzeit und ein Getränk ausgibt und ihr ein besseres Leben verspricht, vertraut sie sich an. Der ehemalige Polizist Cristus schmuggelt sie in einem LKW nach Düsseldorf und macht sie zum Klaukind. Bice muss am Tag 500 Euro zusammenklauen, dafür bekommt sie einen Schlafplatz auf einer Matratze,  Essen und Trinken und eine Art Familienersatz in der Gemeinschaft mit ihrem Patron und drei anderen rumänischen Kindern.

„Beautiful Bitch” will auf Situation rumänischer Klaukinder aufmerksam machen

Martin Theo Krieger ist der Drehbuchschreiber und Regisseur von „Beautiful Bitch“. Der Filmemacher hat fast zwei Jahre lang über die so genannten rumänischen Klaukinder auf Deutschlands Straßen recherchiert. Es geht Krieger darum, die Machtstrukturen zwischen dem Menschenhändler und den von ihm abhängigen Kindern zu zeigen. Ein paradoxes Abhängigkeitsverhältnis, das für die Kinder aber sogar positive Seiten hat:

„Für die Kinder das Gefühl, ich habe etwas, ich verdiene Geld, ich habe jeden Tag etwas zu essen, ich habe Klamotten zum anziehen, ich habe ein Dach über dem Kopf und tatsächlich sogar, ich habe jemanden, der sich um mich kümmert.“

Gegensätzliche Welten

Krieger will aber auch die Gegensätze schildern, zwischen dem versteckten Leben der rumänischen Kinder und der „normalen“ deutschen Welt, die sie umgibt. So erzählt der Film auch von der heimlichen Freundschaft zwischen Bice und einem deutschen Teenager aus wohlhabendem Elternhaus. Eine Freundschaft, die Bices Leben bedroht, und am Ende doch rettet: „Wie ist das für die Kinder? Was heißt das für ein Kind, hierher verschleppt zu werden, mit so einem Mann in so einer Gruppe zu leben, und dann diese völlig andere, ungewohnte Welt ständig vor Augen zu haben, da aber keinen Kontakt herstellen zu dürfen? Wie ist der Blick dieser Kinder auf dieses völlig andere Leben, und was passiert, wenn dann wirklich ein Kontakt stattfindet.“

Ein Film über Jugendliche - aber auch wirklich für Jugendliche?

„Beautiful Bitch“ ist ein ungeheuer beeindruckender, aufrüttelnder Film. Starker Tobak, schon für Erwachsene, noch mehr sicher für Jugendliche, die mit der furchtbaren Lebenssituation Gleichaltriger konfrontiert werden. Der Film spart nicht an schlimmen Szenen: Drogen, Gewalt – Bices kleinem Freund wird die Zunge angeschnitten –  Vergewaltigung, sogar Selbstmord – die Opfer sind immer die Kinder. Eignet sich der Film überhaupt für Kinder und Jugendliche? Der Produzent des Stockholmer Jugendfilmfestivals Anders Wilhelmsson meint, ja:

„So lange man den Film in einen Zusammenhang stellt und über das spricht, was man gesehen hat in der Klasse oder zu Hause, eignet sich der Film für Kinder und Jugendliche. Deswegen stellen wir Material für Lehrer zur Verfügung mit Diskussionsfragen, die die Lehrer als Grundlage benutzen können. Der Film kann Engagement und Gefühle hervorrufen bei Kindern. Es ist ein guter Film.“

Bei aller Gewalt hat „Beautiful Bitch“ aber auch viele sanfte Szenen, die von Freundschaft und Zärtlichkeit unter Kindern erzählen. Und der Film macht Hoffnung, dass der Ausweg aus der Abhängigkeit möglich ist. Am Ende des Filmes kehrt Bice nach Rumänien zurück und beginnt dort ein neues Leben. Immer noch in Armut. Aber sie stiehlt nicht mehr, sondern verdient sich ihren Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit.

Diskussionsgrundlage für den Unterricht

Den Organisatoren des Stockholmer Jugendfilmfestivals geht es darum, Qualitätsfilme aus aller Welt vorzuführen. Angesprochen sind vor allem die Schulen, die sich mit Filmen als Grundlage Themen wie Gewalt an Kindern und Jugendlichen nähern können. Anders Wilhelmsson meint:

„Film als Medium kann ein gutes Werkzeug sein, um mit Kindern schwierige Themen zu erarbeiten. Sowohl das Ansehen von Filmen, weil der Film ein ganz direktes Medium ist, das Gefühle erregt und engagiert. Aber auch das Selbstproduzieren von Filmen, weil der Schaffensprozess hohe Anforderungen stellt an die Gruppendynamik in der Klasse.“

Dass sein Film in Stockholm als Jugendfilm klassifiziert worden ist, hat den Filmemacher Martin Theo Krieger selbst ein wenig überrascht. Im Zentrum des Filmes stehen zwar Kinder und Jugendliche, als Jugendfilm war er aber eigentlich trotzdem nicht konzipiert: „Gedacht war er einfach schon ganz normal als Film für Erwachsene, den sich aber auch junge Erwachsene oder Jugendliche ansehen könnten, aber nicht speziell Zielgruppe Kinder oder Jugendliche.“

Jugendliche Jury kürt den besten Film

Martin Theo Krieger ist gespannt darauf, wie das jugendliche schwedische Publikum auf seine Geschichte reagiert. Bei einem erwachsenen Publikum verspricht das aufrüttelnde Sozialdrama bereits ein Erfolg zu werden. Beim Santa Barbara Film Festival hat „Beautiful Bitch“ den Preis für den besten ausländischen Film erhalten, auch in Deutschland ist der Film schon mehrfach ausgezeichnet worden. Im August kommt der Streifen in die deutschen Kinos. Doch zunächst wird sich beim Festival in Stockholm am Sonntag zeigen, wie der Film bei Kindern und Jugendlichen ankommt. Dann kürt die Jury aus 9 Kindern unter 21 Filmen ihren Favoriten.

Clarissa Blomqvist

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