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Live-Reportage von Mordopfer-Begräbnis umstritten

Der Mord an der zehnjährigen Engla Höglund in der beschaulichen Ortschaft Stjärnsund in Dalarna hat wohl kaum einen Schweden unberührt gelassen. Eine Woche nach dem Verschwinden des Mädchens wurde der Täter gefasst - ein Mann, der bereits mehrere Gewaltverbrechen auf dem Gewissen hatte. Weil das Schicksal Englas so viele Menschen bewegt, hat das schwedische Öffentlich-Rechtliche Fernsehen nun einen umstrittenen Beschluss gefasst: Das Begräbnis des Mädchens am Pfingstsamstag soll live ausgestrahlt werden - auf Wunsch der Familie.

Auch bei der ARD reagiert man mit Erstaunen. Chefredakteur Thomas Baumann erklärt, warum für die ARD die Live-Übertragung eines Begräbnisses nicht in Frage käme.

Es ist ihre Art, Danke zu sagen. Englas Mutter Carina Höglund habe in den schweren Wochen nach dem Mord an ihrer Tochter soviel Zuspruch von allen Seiten bekommen, auch von ganz fremden Menschen. Dafür wolle sich die Familie nun bedanken - in Form eines öffentlich ausgestrahlten Begräbnisses. Für Anders Ekström, Journalist bei der Tageszeitung „Sydsvenska Dagbladet” ein deutliches Zeichen für den Schockzustand der Hinterbliebenen. Vermutlich kann Englas Familie gar nicht absehen, auf was sie sich da eingelassen hat.

„Allein der Gedanke daran, dass eine Familie in dieser Situation um eine Direktübertragung im Fernsehen bittet, bereitet mir Unbehagen. Ich möchte wirklich niemanden für unmündig erklären, aber man kann nun einmal feststellen, dass Menschen in Krisensituationen manchmal Beschlüsse fassen, die sie im Nachhinein bereuen. Allein das sollte dem Fernsehen Grund genug sein, von einer Live-Übertragung Abstand zu nehmen.”

”Verstoß gegen ethische Regeln der Presse”

Ekström sieht einen deutlichen Bruch mit den ethischen Regeln der Presse, die wohl für Mitarbeiter öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten noch mehr gelten sollten als für andere Journalisten. „Auch wenn eine Grenze überschritten wurde, so bedeutet dies nicht, dass dies wieder geschehen muss und sogar hemmungsloser als jetzt”, meint Anders Ekström. „Gleichzeitig kann man dies aber als deutliches Beispiel dafür sehen, dass das Private in der Gesellschaft immer öffentlicher wird. Dieser Trend lässt sich ja schon lange beobachten. Als Journalist geht es mir aber vor allem um unser ethisches Verhalten im Beruf.”

Beim Schwedischen Fernsehen ist man sich der Kritik durchaus bewusst. Die Entscheidung für die Live-Übertragung sei auch keinesfalls über Nacht gefallen, betont Per Yng, Chef für Nachrichten und Gesellschaft, gegenüber Radio Schweden. „Unsere Diskussionen liefen darauf hinaus, dass der Fall über mehrere Wochen eine extrem wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben gespielt hat - auf vielen Ebenen. Allein diese unglaubliche Wendung in der Ermittlungsarbeit, als die Schnappschüsse aus dem Fotohandy auftauchten - erst das Mädchen auf dem Fahrrad, dann das Auto des Täters. Wir kamen schließlich zu dem Schluss, dass wir dem Ganzen wieder einen journalistisch anständigen Rahmen geben sollten - und zwar durch die Übertragung.”

Ein Großteil der Berichterstattung kreiste vor allem um die gravierenden Fehler der Polizei. So lagen der Kripo in Dalarna längst Hinweise gegen den Täter in einem anderen Mordfall vor. Diese blieben jedoch unbearbeitet liegen, so dass immer wieder die grauenvolle Frage auftauchte, ob der Mord an Engla nicht hätte verhindert werden können.

Mehr als ”Kino-Trauer”?

Das Schwedische Fernsehen nun will offenbar weg von den reißerischen Geschichten um den Mord herum. Fragen, ob der Mörder ein Monster war oder nicht, sollen der Boulevardpresse überlassen bleiben. Eine Kolumnistin der Zeitung „Dagens Nyheter” klagte, das Schwedische Fernsehen liefere eine Stunde „Kino-Trauer”: Man weint, so lange der Film läuft, danach ist das Thema vergessen - und wozu das alles, so die rhetorische Frage.

Die Direktübertragung von Englas Begräbnis erfülle eine Symbolfunktion, hält der Verantwortliche beim Fernsehen, Per Yng, dagegen: „Wir geben auf diesem Wege vielen Menschen die Gelegenheit, an der Beerdigung eines jungen Mädchens teilzunehmen, das Symbol geworden ist für das Ausgesetztsein von Kindern auch hierzulande.”

Das in diesem Zusammenhang unangebrachte Wort Zuschauerzahlen führt Yng taktvollerweise nicht im Munde. Vielmehr sehe es so aus, dass 11 Uhr samstagfrüh sicher nicht die attraktivste Fernsehzeit sei, sagt Yng nahezu entschuldigend.

Sollte Englas Familie zu einem späteren Zeitpunkt ihren Entschluss bereuen, so habe sich das Fernsehen abgesichert. Wie, darüber herrscht Schweigen.

Liv Heidbüchel 

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