Flora

Attraktion in Dalarna: Prähistorische Tanne

Der älteste bekannte Baum der Welt wächst in Schweden. Seit nahezu zehntausend Jahren steht er im Gebirge der heutigen Provinz Dalarna und trotzt der kargen Natur und den Schwankungen des Klimas. Einzelheiten von Sybille Neveling:

Oben an der Baumgrenze des Fulufjäll in Dalarna wächst eine Gruppe uralter Nadelbäume. Laien würden diese windzerzausten Büsche nicht für die botanischen Kostbarkeiten halten, die sie sind, gibt Lars Hedlund vom Umweltamt der Provinzialregierung in Dalarna zu.

„Zunächst sieht man am Boden ein weit verzweigtes Geäst, ungefähr so hoch, wie im Winter die Schneedecke ist. Einer dieser Äste hat sich zu einem recht kräftigen Stamm entwickelt und ragt zirka fünf Meter in die Höhe.”

Diese Fichte hat die klimatischen Veränderungen von 9550 Jahren überlebt. Dabei hat die Forschung die Picea abies, also Fichten oder Rottannen, lange als eine Baumart betrachtet, die erst relativ spät in die schwedischen Gebirgslandschaften einwandert ist. Aber diese Annahme ist nun also widerlegt. Leif Kullman, Professor für Naturgeographie an der Universität Umeå:

„Wie alt aber nun gerade dieses Exemplar noch werden wird, ist schwer zu prognostizieren, mindestens noch mal 10 000 Jahre, denke ich. Wenn wir nicht schon lange vorher eine neue Eiszeit bekommen”, freut sich der Wissenschaftler am Telefon.

Die Universität Umeå hat in Zusammenarbeit mit den Provinzialregierungen von Jämtland und Dalarna ein umfassendes Forschungsprojekt durchgeführt. Dabei entdeckte man unter der Krone eines Baums im Fulufjäll vier Generationen von Fichtenresten in Form von Zapfen und Holz des untersten Wurzelwerks. Ein Laboratorium in Miami stellte nach einer K14-Untersuchung das sensationelle Alter der Bäume fest:

375, 5660, 9000 und 9550 Jahre! Bei diesen Fichten handelt es sich offenbar genetisch um das gleiche Exemplar, wie der Baum über ihnen. Fichten können sich vermehren, indem sie Äste im Boden zu Wurzeln verwandeln. Damit schaffen diese Bäume exakte Kopien von sich selbst. Sie klonen sich also. Der Stamm des Baums, der jetzt auf der Fundstelle im Fulufjäll wächst, ist zwar nur 600 Jahre alt, aber er ist genetisch dasselbe Exemplar wie das Holzstück im Alter von 9550 Jahren unter seinen Wurzeln.

Bisher hatten nordamerikanische Kiefern mit 4 000 bis 5 000 Jahren als die ältesten Bäume der Welt gegolten. Die schwedischen Funde sind also rund 5 000 Jahre älter!

„Natürlich waren wir überrascht”, gesteht Lars Hedlund. „Bei dem Baum handelt es sich um Reste der allerersten Bäume, die gleich nach der Eiszeit hier bei uns in Skandivanien gewachsen sind.”

Das Forschungsprojekt hat übrigens von Lappland im Norden bis nach Dalarna im Süden rund 20 Fichten entdeckt, die älter sind als 8 000 Jahre. Dadurch, dass die Pflanze mal als niederes Gebüsch und mal als Baum wuchs, konnte sie sich den jeweiligen klimatischen Gegebenheiten der verschiedenen Epochen anpassen.

Die Sommer im schwedischen Gebirge sind in den vergangenen hundert Jahren durchschnittlich um ein Grad wärmer geworden. Daher richten diese Kriechfichten sich jetzt allmählich auf. Es spricht viel dafür, dass gerade diese Baumart uns die deutlichsten Hinweise auf klimatische Veränderungen gibt. Das lange Überleben der Bäume führt Leif Kullman auf die speziellen Verhältnisse im schwedischen Gebirge zurück:

„Hier an der Baumgrenze konnte der einzelne Baum sich ja ohne Konkurrenz durch andere ungestört ausbreiten. Waldbrände kommen in dieser Umgebung auch äußerst selten vor. Hier hat es vermutlich niemals gebrannt.”

Die Klimaveränderungen, die wir jetzt auf der Welt erwarten, werden diesen Bäumen also vermutlich nichts anhaben, glauben die Experten. Ob sich die uralten Fichten ebenso gut an die Anwesenheit von Menschen anpassen, ist allerdings zweifelhaft. Die Methusalem-Bäume brauchen Ruhe, sagt Leif Kullman.

„Diese Fichten sind sehr empfindlich. Sie haben weit verzweigte, flache Wurzelsysteme gleich unter der Erdoberfläche. Es bekommt den Bäumen nicht gut, wenn Menschen den Boden über den Wurzeln betreten. Abgesehen davon muss man ja befürchten, dass manche Besucher auch ein Stück Fichte als Souvenir mit nach Hause nehmen wollen.”

Die Ur-Fichten sind zwar eine Fremdenverkehrsattraktion, aber die zuständigen Behörden zögern, den genauen Standort der Ur-Fichten publik zu machen. Lars Hedlund vom Umweltamt Dalarna:

„Das große Problem ist ja, inwieweit wir über die Bäume informieren können. Das ist ein Balanceakt , damit sie dann nicht durch Menschen zerstört werden. In anderen Teilen der Welt ist das ja vorgekommen.”

Sybille Neveling

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