Gleichberechtigung

Der Weg ganz nach oben ist auch in Schweden für Frauen schwer

Schweden ist die Nummer Eins in Sachen Gleichstellung. So ist es jedenfalls in internationalen Vergleichen zu lesen, und viele Fakten sprechen für sich: Parlament und Regierung bestehen inzwischen fast zur Hälfte aus Frauen, die Erwerbsquote ist bei beiden Geschlechtern ebenfalls nahezu gleich und erst vor wenigen Tagen belegte eine Studie, dass es Müttern nirgendwo so gut geht wie in Schweden. Doch das lichte Bild hat seine Schattenseiten. Denn wehe, wenn eine Frau mit Kompetenz, Energie und Ehrgeiz dort mitmischen will, wo es um viel Macht und Geld geht: In den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen sind die Herren weiterhin zu groβen Teil unter sich. Nur ein knappes Fünftel der Mitglieder sind Frauen, zum Vorsitz haben gar es gerade mal zwei Prozent gebracht. Doch was kann man tun, damit mehr Frauen in den Aufsichtsräten Platz finden? Ist die Quote ein passendes Rezept? Darüber gehen die Meinungen in den politischen Parteien auseinander.

Wer den Begriff Quote ins Feld führt, der kann auch in Schweden sicher sein, rasch eine heftige Diskussion in Gang zu bringen. Dass der Streit um das Q-Wort nach Jahren vergleichsweiser Ruhe jetzt erneut aufgeflammt ist, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen gilt im benachbarten Norwegen seit Jahresbeginn ein Gesetz, wonach mindestens 40 Prozent der Mitglieder eines Aufsichtsrates Frauen sein müssen; andernfalls droht dem Unternehmen die Schlieβung. Und zum anderen zeigen aktuelle Ziffern, dass die Entwicklung in Schweden in jüngster Zeit wieder rückwärts gegangen ist. Mit 17 Prozent Frauenanteil in Aufsichtsräten gehört das Land zwar weiterhin zum europäischen Spitzenfeld, andererseits war man vor zwei Jahren mit 24 Prozent schon einmal weiter. Claes Borgström, Gleichstellungsbeaftragter der oppositionellen Sozialdemokraten, sieht Quotierung durchaus als probates Mittel:

„Absolut. Wenn wir bei den nächsten Wahlen 2010 die Regierungsmacht zurückerobern, dann kommt diese Frage selbstverständlich wieder auf die Tagesordnung. Denn von sich aus bewegt sich die Wirtschaft ja offenbar in dieser Frage nicht - leider.”

Sanfte Drohung also von Claes Borgström, dem möglichen sozialdemokratischen Gleichstellungsminister in spe. Dass bereits das Androhen von Gesetzen zur Quotierung den Unternehmen Beine machen kann, zeigte sich während der Amtszeit von Quotenfreundin Margareta Winberg, der vorigen sozialdemokratischen Gleichstellungsministerin: Zwischen 2002 und 2006 stieg der Frauenanteil in Aufsichtsräten immerhin von 6 auf 18 Prozent. Und nun ist also wieder ein leichter Rückgang zu verzeichnen: Als die bürgerliche Regierung im Herbst 2006 antrat, war gerade eine von den Vorgängern bestellte Studie in Sachen Quotierung fertig geworden. Die Regierung überantwortete die Studie dem Papierkorb. Gleichstellungsministerin Nyamko Sabuni:

”Wir verschwenden eine Menge Kompetenz, wenn Frauen nicht ihrer Qualifikation gemäβ in der Wirtschaft mitreden können. Deshalb befürworte ich unbedingt, dass ihr Anteil in den Aufsichtsräten und auch in der Konzernleitung steigt. Andererseits vertraue ich auch auf die Kraft der Wirtschaft, selbst die passenden Leute zu rekrutieren. Deshalb bin ich auch nicht für Quotierung.”

Aber warum überhaupt das Mantra von Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen in Wirtschaftsorganen. Wenn ein Unternehmen gut läuft, wozu sich dann mit Frauenquoten herumärgern? Birgitta Landin sitzt selbst in mehreren Aufsichtsräten:

„Ich bin überzeugt, dass gemischte Gruppen ganz einfach besser funktionieren. Verschiedene Perspektiven bringen mehr Aufgeschlossenheit, mehr Bewegung. Das heiβt, dass Frauen hineinkommen ist kein Selbstzweck, sondern bringt der Firma Nutzen in Kronen und Öre. Dass die Eigner das noch nicht richtig verstanden haben, ist meiner Meinung nach der wichtigste Grund dafür, dass sie sich so oft gegen Frauen sträuben. Natürlich spielt möglicherweise bei vielen Männern auch der Kampf um Macht eine Rolle. Sie sind es einfach nicht gewohnt, mit Frauen an einem Tisch im Aufsichtsrat zusammen zu sitzen.”

Um sich der unerwünschten weiblichen Konkurrenz zu entledigen, wird dann gern von der „Kompetenz” gesprochen, die Frauen eben nicht hätten. Dabei sind Schwedens Frauen, sieht man sich die Statistik zur Hochschulbildung an, besser ausgebildet als Männer. Doch dies sei eben nicht das Entscheidende, betont Monika Renstig vom Women’s Businesss Research Institute, das über Frauen und Wirtschaft forscht. Sie warnt stattdessen vor dem „Bienchen-Syndrom”, das viele Frauen durch ihr gesamtes Erwerbsleben verfolgt.

”Die Frauen sitzen irgendwo in der zweiten Reihe und pusseln hingebungsvoll, sind ordentlich und fleiβig. Die Männer hingegen bekommen oft von Anfang an riskantere und spannendere Aufträge, Aufträge, in deren Verlauf sie wiederum andere aktive Leute treffen, Netzwerke gründen und sich für den nächsten Karriereschritt qualifizieren. DAS ist Kompetenz. Kompetenz ist NICHT Ausbildung.” Wer das nicht begreife, stehe schlecht da bei der Jagd nach höheren Posten im Wirtschaftsleben, lautet also der Rat von Monika Renstig. Ebenso wie Aufsichtsrats-Profi Birgitta Landin ist sie gegen das Mittel Quote. Sie selbst wolle nicht wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihres Könnens um Aufträge gebeten werden, sagt Landin, und Renstig spricht von „totalitären Methoden” wie in der Planwirtschaft:

„Das Unternehmen muss schon selber entscheiden, wem es welche Funktionen übertragen will. Da kann man nicht einfach hineinregieren. .Meinungsbildend wirken, ja, aber nicht sich als Staatsmacht einmischen und sagen: stellt Ihr mal diesen oder jene ein. Das widerspricht dem Recht auf die freie Entscheidung.”

Dieses Argument beeindruckt den sozialdemokratischen Gleichstellungsbeauftragten Claes Borgström nicht sonderlich. „Es gibt nicht viele Bereiche im Leben, wo man einfach ohne jegliche Rücksicht machen kann, was man will. Man muss einen Sicherheitsgurt anlegen, auch wenn man es nicht für nötig hält, muss in seiner eigenen Wohnung Rücksicht auf die Nachbarn nehmen, und wenn man seine Kinder schlecht behandelt, können sie einem weggenommen werden. Es gibt nun mal gesellschaftliche Verantwortung, das gilt auch für die Frauenquote in Aufsichtsräten. Wenn die Unternehmen damit nicht klarkommen, muss die Gesellschaft handeln.”

Dass zum Beispiel in Parlament und Regierung inzwischen der Anteil der Geschlechter nahezu bei 50:50 liege, finde heute jeder selbstverständlich, so Borgström. Doch dieser Gleichstand komme schliesslich nicht von ungefähr, sondern sei Folge ganz bewusster Politik. Falls die Quote für die Wirtschaft kommt, plädiert er aber zunächst für Milde: Statt mit 50 Prozent Frauenanteil könne man zunächst mal wie in Norwegen auch mit 40 Prozent zufrieden sein.

Anne Rentzsch

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