Volvo-Krise

Absatzverluste durch Technikrückstand und Dollarschwäche

Viele hatten es befürchtet, und trotzdem war die Nachricht vom Mittwoch ein Schock: Schwedens renommierter Automobilhersteller Volvo muss 2.000 Mitarbeiter entlassen. Grund: Die amerikanischen Ford-Werke, die die Personenwagen-Abteilung von Volvo vor neun Jahren gekauft hatten, müssen sparen.

Wer den Stockholmer Autoverkehr aufmerksam beobachtet, findet schnell heraus, warum Volvo in der Krise steckt: Ein beträchtlicher Teil der Hauptstadt-PKWs besteht aus bulligen City-Jeeps neuester Produktion mit dem Diagonalstreifen am Kühler. Rings um die behäbigen Groß-Vehikel tummeln sich mehr und mehr kleine Flitzer aus Asien, die auch dank umweltfreundlicher Hybrid-Antriebe nicht einmal halb so viel Benzin oder Diesel verbrauchen wie ihre durstigen einheimischen Vettern.

Kritiker sprechen es offen aus: Volvo hat die Entwicklung verschlafen und den Anschluss an die umweltfreundliche Fahrzeug-Technologie der Zukunft wahrscheinlich um Jahre verpasst. Nüchterne Zahlen belegen das: Im ersten Quartal dieses Jahres verbuchte die in US-Besitz übergegangene PKW-Abteilung von Volvo 100 Millionen Euro Verlust. Der auch im eigenen Land von Verkaufseinbrüchen gebeutelte Ford-Konzern reagiert mit immer neuen Entlassungen.

Volvo-Informationschef Olle Axelsson sieht sich außer Stande zu bestätigen, dass die jetzt verfügten Kündigungen das Ende der Krise bedeuten:

„Es hängt davon ab, wie das Ganze ausgeht, denn das werden wir erst am Jahresende wissen. Aber insgesamt mussten innerhalb der letzten drei Jahre 5.000 Mitarbeiter Volvo verlassen. Wir sind durch ein Stahlbad gegangen. Jetzt hoffen wir, dass damit Schluss ist und dass wir Volvo wieder auf den richtigen Kurs bringen können.“

Aber wie dieser Kurs aussehen soll, kann Axelsson nicht sagen. Denn zum offensichtlichen Zwang zur technischen Erneuerung gesellen sich schwer wägbare wirtschaftliche Faktoren, und entsprechend skeptisch äußert sich der Informationschef:

„Zurzeit sieht es sehr düster aus. In dieser Branche ist es sehr schwer zu beurteilen, welchen Weg wir einschlagen sollen. In Europa und den USA geht es turbulent zu. In Asien wird es ähnlich werden. Ein Konjunkturabschwung in den USA hat Auswirkungen auf die ganze Welt.“

Eine dieser Auswirkungen ist der Hemmschuh, den der schwache Dollar für den Export in die USA bedeutet. 1999, als Ford die PKW-Produktion von Volvo aufkaufte, bekamen die Amerikaner für einen Dollar zehn Schwedenkronen. Damit waren schwedische Importautos mit relativ niedrigen Preisen attraktiv. Heute gibt es nur noch sechs Kronen für den Dollar.

Fest steht jedenfalls, dass sich Volvo ungeachtet der weltweiten wirtschaftlichen Ungewissheit den technischen Herausforderungen stellen muss. Konkrete Orientierungshilfe bekam das Göteborger Werk von einer Laiin. Wirtschaftsministerin Maud Olofsson riet den Ingenieuren, was sie künftig bauen sollten:

„Kleinere Autos, energiesparende Autos, Autos, die mit anderen Treibstoffen fahren – diesen Kundenwünschen muss die Fahrzeugindustrie entgegenkommen. Und die Politik muss dafür sorgen, dass diese Umstellung möglich wird.“

Göran Johansson ist Chef der Kommunalverwaltung von Göteborg, der Heimat der Torslanda-Werke von Volvo. Er teilt die Meinung der Ministerin. Dem amerikanischen Eigner-Konzern wirft Johansson verfehltes Management vor:

„Ich würde es begrüßen, wenn Volvo einen Käufer fände, der solider ist als Ford. Wenn man jahrein, jahraus immer nur einspart, kann man sich nicht mit Herstellern wie Toyota und Honda messen, die viel in die Weiterentwicklung investieren.“

Bei Volvo fragt man sich längst, ob es richtig war, 1999 dem Verkauf an Ford zuzustimmen. Schließlich gab es damals noch einen anderen Kauf-Interessenten.

Der hieß Volkswagen.

Klaus Heilbronner