Sexualität

Dildos sind gut für die Gesundheit - Apotheken setzen nun auch auf Sexspielzeug

„Eine Packung Aspirin, ein Erkältungsbad und einen Dildo bitte!” - solche Bestellungen dürften in schwedischen Apotheken bald zum Alltag gehören. „Trust in Lust” lautet das Motto, unter dem der staatseigene Monopolbetrieb sein neues Sortiment an Sexspielzeug verkauft. Seit Kurzem ist es in 100 Filialen im ganzen Land zu haben. Und das im Land der Freizügigkeit!

Eine geräumige Apotheke in der Stockholmer Innenstadt. Apothekenmitarbeiterin Lena Andreasson hat sich einen Pappkarton geschnappt und räumt die neue Ware ins Regal. Von außen sieht sie aus wie viele andere Produkte schwedischen Designs: helle Pappschachteln in den Pastelltönen hellblau, lindgrün und gelb, darauf schemenhaft die Umrisse ihres Inhalts.

Doch statt Pillen und Tabletten enthalten sie das, was der moderne Mensch zu einem glücklichen Sexleben heute gebrauchen kann: vom Vibrator über den Klitorisstimulator bis zum Penismassagering. Ein Sortiment, an das sich Andreasson erst einmal gewöhnen musste: ”Auf die Fragen muss man eingestellt sein. Als der erste Kunde kam, fühlte ich mich ein bisschen eingerostet. Auf einmal sollte ich mit den Kunden über Sex sprechen. Aber jetzt geht es besser, es fühlt sich natürlicher an.”

Apotheken-Sortiment vermittelt Sicherheit

Auch bei den Kunden ist das neue Sortiment noch nicht bekannt. Nur wenige Menschen bleiben vor dem Regal mit den bunten Pappschachteln stehen. Dass es Sexspielzeug jetzt in der Apotheke gibt, finden allerdings die meisten gut:

”Ich finde es gut, dass die Lustspender hier verkauft werden, denn Apotheken gibt es an jeder Ecke”, so ein Mittfünfziger.

”Schön, dass es solche Produkte jetzt in der Apotheke gibt”, findet eine Kundin um die 50. ”Da fühle ich mich sicherer als in so dubiosen Geschäften für Sexartikel.”

Und ein junger Mann findet: ”Wenn ich die Apotheke aufsuche, denke ich mehr an Medizin. Aber ich finde das neue Sortiment durchaus sinnvoll. Es ist ja gar nicht so einfach, an solche Dinge heran zu kommen.”

Für Apothekenleiterin Kerstin Enström ist es kein Widerspruch, neben Kopfschmerztabletten auch Sexspielzeug in die Regale zu legen. Schließlich soll das Angebot der Apotheke den Menschen zu mehr Wohlbefinden verhelfen, sagt Enström:

”Die Apotheke will zur Gesundheit beitragen und ein gutes Sexleben ist wichtig für ein gesundes Leben. Wir haben schon seit einiger Zeit vergleichbare Produkte im Angebot: die Anti-Babypille zum Beispiel, Kondome und Potenzmittel. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter.”

Aufklärung mit Qualität

Die massenhafte Verbreitung der Lustspender ist der jüngste Höhepunkt in der Geschichte des Verbandes für sexuelle Aufklärung, kurz RFSU. Seit 1933 wirkt diese ehrwürdige Institution für einen unverkrampften Umgang der Schweden mit ihrer Sexualität. Sexualunterricht in der Schule, Familienplanung und das Recht auf Abtreibung sind Themen, für die sich RFSU stark gemacht hat.

Mit der neuen Produktreihe „Trust in Lust” wollen die Aufklärer vom RFSU den Dildo aus der Schmuddelecke holen, sagt Katarina Knutz, Marketingchefin bei RFSU:

”Wir setzen auf Qualität. Wir haben schwedische Designer beauftragt und eine ausgefeilte Werbekampagne gestartet. Wir wollten gute Ware anbieten, das gilt für unsere Produkte insgesamt. Dieser Vibrator zum Beispiel ist wieder aufladbar. So hält er länger, das ist eine Art Rolls Royce unter den Vibratoren.”

Zwar besitzt die Hälfte aller Schweden zwischen 20 und 45 ein Sexspielzeug. Und von denen, die es nicht haben, können sich 70 Prozent vorstellen, eines zu kaufen, erläutert Knutz. Doch die künstlichen Weichteile sind allzu oft von zweifelhafter Qualität.

Und kaum jemand traut sich, schadhafte Ware zu reklamieren.

Schweden verklemmter als ihr Ruf

Und anders als ihr legendärer Ruf sind die Schweden erstaunlich verklemmt, hat Kerstin Enström beobachtet. Vielleicht hilft es da, dass beim Sexspielzeug in der Apotheke auch der medizinische Charakter hervorgestellt wird. Die Apothekenchefin greift ins Regal und lässt zwei pingponggroße, aalglatte Kugeln durch die Finger gleiten.

”Mit solchen Geishakugeln können wir Frauen unsere Beckenbodenmuskeln trainieren. Man führt sie an der richtigen Stelle ein und dann muss Frau die Muskeln anspannen. Das ist gut gegen Inkontinenz.”

Und was hat das mit gutem Sex zu tun?

”Das muss wohl besseren Sex für den Mann geben, wenn man besser zukneifen kann. Warten Sie mal, das steht hier in der Anleitung: Sexuelles Selbstvertrauen, sensuelles Erleben und intensivere Orgasmen...”, sagt Enström und rückt die Brille zurecht. Der Umgang mit „Trust in Lust” ist ihr eben noch nicht ganz so vertraut wie Aspirin oder Vitamintabletten.

Alexander Budde