Kommunen

Arjeplog braucht Einwohner - und bietet gratis Kinderbetreuung

Um neue Einwohner zu locken, ist den Kommunen fast jedes Mittel recht. Die nordschwedischen Kommunen Arjeplog und Haparanda bieten sogar eine kostenlose Kinderbetreuung an. Als erste schwedische Kommune hat Haparanda diesen Service vor einem Jahr eingeführt und nun in Arjeplog einen Nachahmer gefunden. Ab September müssen die Eltern dort nichts mehr für den Kindergarten bezahlen.

Sie sind wach, konzentriert und auf der Höhe: Arjeplogs junge Einwohner im Kindergarten am See Hornavan zählen mit ihrer Erzieherin Seeräuber: Wieviel bleiben übrig? Einer von fünf Pappseeräubern weg, bleiben vier, dann drei, dann zwei... bis zum Schluss keiner übrig bleibt.

Soweit soll es in der Kommune nicht kommen, aber seit mehreren Jahren sinken die Einwohnerzahlen in Arjeplog. Inzwischen leben gerademal 3089 Menschen in der Kommune. Deshalb hat die Stadtverordnetenversammlung auf Vorschlag der Linkspartei beschlossen, eine kostenlose Kinderbetreuung anzubieten. Und nicht nur das. Kommunalrat Bengt-Urban Fransson:

„Wenn wir die Entwicklung der Kommune in den Griff bekommen wollen, brauchen wir mehr Einwohner. Wir haben in den vergangenen 20-30 Jahren Einwohner verloren. Damit Menschen hierher ziehen, bieten wir ihnen einen Willkommensbonus von 25.000 Kronen, als Gutschein, verteilt über zwei Jahre. Und alle Einwohner der Kommune brauchen nichts für die Kinderbetreuung zu zahlen. So können wir hoffentlich neue Einwohner locken.”

Im Winter Party, im Sommer Kater
Arjeplog ist das, was man beschaulich nennt. Vor dem Rathaus säuselt ein Springbrunnen, unter dem Dach brütet ein Finkenpaar. Zum Wasser ist es auch nicht weit, Arjeplog ist fast eine Insel, an drei Seiten von Seen umgeben. Die Kommune Arjeplog hat sogar die meisten Seen in ganz Schweden. Es lebt sich ruhig hier, im Sommer. Dann sind die Autotester weg.

Nahezu alle Fahrzeughersteller testen in Arjeplog und dem benachbarten Arvidsjaur ihre Modelle auf Schnee und Eis. Die florierende Testindustrie ist Fluch und Segen zugleich für die Kommune, Im Winter Party, im Sommer Kater. Das muss sich ändern, meint der Kommunalrat.

„Wir arbeiten daran, die Testindustrie auszudehnen und komplettierende Gebiete zu finden, die man auch im Sommer betreiben kann. Das ist bisher etwas zäh gelaufen, aber wir arbeiten daran, mehr Forschung und Entwicklung hierher zu holen. Ein paar Ingenieure haben bereits einen Ganzjahresjob gefunden und sind hergezogen. Das ist ein guter Anfang.”

Arjeplogs Einwohner skeptisch
Nur mit Willkommensgutscheinen und kostenloser Kinderbetreuung allein kann man schwer Menschen bewegen, ins beschauliche Arjeplog zu ziehen, da sind selbst die Einwohner skeptisch. „Es fehlen ja vor allem Arbeitsplätze und Wohnungen. Das hat oberste Priorität. Wer hierher zieht, muss ja irgendwo wohnen. Dann kommt die Arbeit, aber die kostenlose Kinderbetreuung ist schon eine gute Sache”, meint Jan Widman.

„Es ist doch gut, das man auf jeden Fall versucht, Menschen hierher zu locken. Wir brauchen Familien mit Kindern, die Klassen schrumpfen zunehmend. Man muss es versuchen,” hält Sara Sundström dagegen und Krister Westerlund ist aus rein praktischem Grund hocherfreut über diese Maßnahme: „Als Vater freue ich mich darüber, das spart jeden Monat mehrere tausend Kronen (mehrere hundert Euro).”

Haparanda, über 300 Kilometer entfernt, hat es bereits vor einem Jahr versucht mit der kostenlosen Kinderbetreuung. Die Stadt direkt an der Grenze zu Finnland gelegen, erlebte durch die IKEA-Ansiedlung einen Boom und will weiter wachsen. Doch nach einem Jahr muss Kommunalrat Sven-Erik Bucht eine eher nüchterne Bilanz ziehen:

„Wir haben noch keine dramatische Veränderung bemerkt. Das geht ja auch nicht krachbumm, jetzt ziehe ich nach Haparanda, weil die Kinderbetreuung dort kostenlos ist. Das ist ja ein längerer Prozess. Wir sind aber überzeugt, dass das Haparanda attraktiver macht. Es kostet natürlich ein paar Millionen mehr, und dafür haben wir keine Einnahmen. Aber das ist es uns wert.”

20 Steuerzahler mehr würden Arjeplog schon reichen
Zurück zu Arjeplog. Umgerechnet 100.000 Euro an Einnahmen entgehen der Kommune, aber sollten nur 20 Menschen, also Steuerzahler, in die Gegend ziehen, wäre das Geld wieder drin. Und so wirbt die Kleinstadt mit ihrer naturnahen Lage und Lebensqualität. 0,25 Einwohner im Schnitt per Quadratkilometer, zweieinhalb Seen per Einwohner. Das zieht vor allem deutsche Touristen an. Wie Cornelia und Andreas Ballasch aus Dresden. Was das kinderlose Paar von der kostenlosen Kinderbetreuung hält?

„Super, dass es sowas gibt. Wenn es die Möglichkeit gäbe, das in Deutschland auch zu machen, würde ich das richtig super finden. Hilft vielen Familien, dass die Kinder betreut sind und die Eltern arbeiten können und dass nicht ein Großteil des Gehaltes nur für die Kinderbetreuung draufgeht.”

Auch Cornelias Mann ist begeistert: „In Deutschland ist es doch eher schwierig, überhaupt einen Kindergartenplatz zu bekommen.”

Katja Güth