Rückblick 1968

Studentenaufruhr auch in Schweden

Auch in Schweden blickt man dieser Tage so manches Mal auf ein ganz bestimmtes Jahr zurück: auf 1968. 1968, das Jahr der Studentenrevolten, das Jahr, das vieles nachhaltig veränderte und bis in die heutige Zeit nachwirkt. 40 Jahre später ist es Zeit, Bilanz zu ziehen - auch für Anders Carlberg, der damals zu den wichtigsten Vertretern des Studentenaufruhrs in Schweden zählte.

„Vor 1968 gab es keine Umweltbewegung, keine Frauenbewegung, die diesen Namen verdiente. Vieles von dem, was man heute für ganz normal hält, war damals keineswegs selbstverständlich”, sagt Anders Carlberg. Der heutige Chef des landesweit bekannten Jugendzentrums „Fryshuset” erinnert sich an die zahlreichen Antikriegs- und Anti-Gewalt-Demonstrationen, die in Stockholm einander ablösten.

Eine der wichtigsten Zielscheiben des Protests: der Krieg der USA in Vietnam. Das Bild von einer dieser Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen geht um die Welt: Olof Palme, damaliger Bildungsminister und später schwedischer Regierungschef, marschiert in einem Fackelzug demonstrativ Seite an Seite mit dem nordvietnamesischen Botschafter, Ngyuen Tho Chan. Die Aktion belastet die amerikanisch-schwedischen Beziehungen empfindlich, Palme legt im Lauf des Jahres noch mehrfach mit harter USA-Kritik nach.

Freizügige Jugendkultur

1968 ist aber auch ein Jahr, in dem die Jugendmode Triumphe feiert, die Röcke kürzer und die Haare länger werden. „Hair”, Haar, heißt denn auch das Musical, das die Welt erobert. In Stockholm wird es unter dem Titel „Hår ein Riesenerfolg.

In Schwedens Kinos laufen Filme wie „Jag är nyfiken - blå” („Ich bin neugierig, der blaue Film”), der sein Publikum mit linksradikalen Ansichten und auβerordentlich freizügigen Sexszenen schockt, und „De kallar oss mods”, „Sie nennen uns Gammler”, über Jugendliche ohne feste Arbeit, Aussteiger mit langen Haaren und öffentlich zur Schau gestellten Vorliebe für Alkohol und Drogen.

Die Jugendkultur gibt den Ton an in diesem Jahr, in dem sich nicht zuletzt die Bedingungen für Bildung verändern. Anders Carlberg: „Noch zehn Jahre zuvor war es für 85 Prozent der Schweden selbstverständlich gewesen, mit 15 die Schule zu verlassen und arbeiten zu gehen. Nur ein sehr geringer Teil studierte. Mit und nach dem Jahr 1968 strömten dann eine Menge junger Leute in die Gymnasien und an die Universitäten. Und ein großer Teil von ihnen begann im Zuge dessen, sich mit politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinander zu setzen.”

Palme fordert ein Ende der politischen Passivität

Am 1. Mai 1968 fordert Olof Palme als einer der Kundgebungsredner seine Landsleute auf, aufmerksam gegenüber Ungerechtigkeiten in der Welt zu sein und die schwedische Neutralitätspolitik nicht als Alibi für politische Passivität zu missbrauchen. Und die Schweden sind aktiv. Am 3. Mai gibt es Krawalle bei riesigen Demonstrationen gegen das südafrikanische Apartheid-Regime. Infolge der Proteste wird das geplante Davis Cup -Match gegen Südafrika in Schweden gestoppt und an die französische Riviera verlagert.

Am 10. Mai demonstrieren Zehntausende Studenten an der Pariser Sorbonne zunächst gegen schlechte Studienbedingungen, dann gegen den Vietnamkrieg, schließlich gegen Hierarchien und verknöcherte Gesellschaftsstrukturen im Allgemeinen. In wenigen Tagen ist Frankreich eine Nation in tiefer Krise, und wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Aufruhrstimmung in Europa, so auch in Schweden.

Der damals 24-jährige Anders Carlberg leitete eine bunte Schar vor allem liberaler und sozialdemokratischer Studenten, die das Haus des Studentenkorps in Stockholm okkupierten:

„Bei den Universitätsreformen wollten wir ja das Gleiche wie in Frankreich. Wir hatten uns Einfluss in mehreren Instituten erkämpft, hatten gegen Literatur und gegen Lehrer revoltiert, die wir reaktionär fanden. Ja, und um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen, besetzten wir das Korps-Haus und forderten, dass Bildungsminister Palme kommt…”

Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten

Und der kommt. „Mir scheint, es gibt hier einen Konflikt”, sagt Palme inmitten der Studenten des Korps und der Universitätsleitung. All right. Lasst uns reden…. Aber es gibt gar nicht so viel zu reden. Die 68er Entwicklung ist auch hier zu Lande nicht mehr aufzuhalten in diesem Jahr, in dem die legendäre schwedische Frauenorganisation „Grupp åtta”, „Gruppe acht” gebildet wird und Schweden seine allererste Pizzeria bekommt, in dem die Schweden beginnen, Magermilch zu kaufen und einander mit „du” anzureden. Der Schlager „Det börja verka kärlek banne mig”, „Verdammt, ich glaube es ist Liebe”, den schwedischen Ausscheid fürs europäische Schlagerfestival.

Vieles von dem, was 1968 passierte, hat die Gesellschaft bis heute stark geprägt. Aber das 68er Urgestein Anders Carlberg findet sich und die Mitstreiter von einst deshalb gar nicht so bedeutend: „Ich denke, die Aufgaben sind heute viel größer als damals. Und ich denke, auch bei den jungen Leuten hat sich einiges getan. Sie hängen nicht so an Illusionen. In gewisser Weise sind sie konkreter. Sie arbeiten auf eine ausgewogenere Art, die letztlich bessere Ergebnisse bringt.”

Anne Rentzsch