URLAUB UND JOB

Urlaubszeit - Arbeitszeit?

Sommerzeit – Urlaubszeit. Doch Urlaub ist nicht nur Sommer, Sonne, Badespaß und Müßiggang, sondern auch: Arbeit. Immer mehr Schweden nehmen auch ein Stück Arbeit mit in die freie Zeit. Sie lesen geschäftliche Mails, nehmen Job-Gespräche per Handy entgegen und führen den einen oder anderen kleinen Arbeitsauftrag aus. Dies belegt eine Untersuchung der Gewerkschaft „Unionen“, in der Akademiker organisiert sind.

”Sommaren är kort”, der Sommer ist kurz, singt Thomas Ledin in einem schwedischen Pop-Klassiker. Und gerade weil der Sommer in dem ansonsten überwiegend kalten und dunklen Land einen solch hohen Status hat, ist dem Schweden eigentlich sein Urlaub heilig. Das können zum Beispiel all jene bezeugen, die die Ungeschicktheit begehen, im Juli oder August in Schweden akut krank zu werden: In Arztpraxen und in den Krankenhäusern herrscht nämlich zu dieser Zeit extremer Personalmangel, genauso wie an fast allen anderen Arbeitsplätzen. Die gesetzliche Regelung, wonach jedem Arbeitnehmer in den Sommermonaten mindestens drei zusammenhängende Wochen Urlaub zustehen, macht’s möglich: Im Sommer klinkt sich der Durchschnittsschwede ganz einfach aus dem öffentlichen Geschehen aus.

Zumindest beinahe. Denn ein Trend ist deutlich: In jüngster Zeit ist der Urlaub nicht mehr ganz das, was er mal war. Insgesamt 800 Arbeitnehmer befragte die Gewerkschaft „Unionen“ in der besagten Untersuchung. Das Ergebnis: Immerhin jeder Zweite gab an, im Urlaub auch hier und da Kontakt mit dem Arbeitsplatz zu pflegen – und zwar auf Verlangen des Arbeitgebers. Eine kurze Umfrage in Stockholm spiegelt diesen Trend wider:

Man will erreichbar sein“, sagt eine Frau. „Ich arbeite viel mit E-mail und Telefon, deshalb habe ich Verständnis dafür, wenn Leute auch im Urlaub auf dem Laufenden sein möchten.“

“Ich arbeite als Berufsschullehrer und habe in den Sommerferien frei“, meint ein anderer Befragter. „Ich möchte gern auf dem Laufenden bleiben, deshalb  stehe ich auch zur Verfügung, wenn’s mal nötig ist. Aber schließlich habe ich insgesamt an die zehn Wochen frei, da macht das nicht so viel aus.“

“Ich lese ab und zu meine Mails“, räumt dieser junge Mann ein. „Ich arbeite mit Formgestaltung, und da ergibt es sich mitunter schon, dass ich einspringe und den einen oder anderen Job von zu Hause aus erledige. Man legt ja im Urlaub die Verantwortung für das, was auf der Arbeit passiert, nicht gänzlich ab, man möchte, dass die einzelnen Projekte so gut wie möglich über die Bühne gehen.“

Annika Sika-Victorsson hat im Auftrag der Gewerkschaft „Unionen“ die Befragung der Mitglieder durchgeführt.
“Es wird immer normaler, dass man im Urlaub arbeitet“, sagt sie. „Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind mit Werkzeugen wie E-mail und Mobiltelefon die Kontakt-Möglichkeiten gestiegen. Zum anderen sind die Anforderungen höher geworden, teils von der Arbeitgeberseite und teils von den Mitarbeitern selbst. Sie wollen eine gute Arbeit machen, wollen sich als engagiert präsentieren, beim Chef Eindruck schinden und Kollegen nicht hängen lassen.“

Gerade Letzteres, also das Engagement für die Kollegen, spiele eine wachsende Rolle, sagt Annika Sika-Victorsson. Und das gerade auf dem durchschnittlichen schwedischen Arbeitsplatz, der im Gegensatz beispielsweise zur durchschnittlichen deutschen Firma von flachen Hierarchien geprägt ist – mit der Folge, dass immer mehr Mitarbeiter mit anspruchsvollen Aufgaben betraut sind. Und je mehr Mitarbeiter über spezifische und hohe Kompetenzen verfügen, desto schwieriger wird es, im Urlaub adäquate Vertretungen zu finden.

Doch bei allem Verständnis für die Ursachen der Ferienarbeit ist Annika Sika-Victorssons Urteil eindeutig:
“Auf kürzere Sicht kann es möglicherweise positiv sein, wenn man im Urlaub hier und da einspringt. Auf lange Sicht muss man sagen: Abschalten und Erholung sind wichtig. Man hat das Recht auf einen Urlaub, der nicht von Arbeit unterbrochen wird. Es ist wichtig, sich richtig zu  erholen – damit man auftanken kann, um dann wieder einen guten Job machen zu können.“

So sieht es auch der Psychologe Lars Joelsson:

“Ich denke, diese Grenzenlosigkeit ist auf längere Sicht für keinen Teil gut. Nicht für das Unternehmen und nicht für den einzelnen Mitarbeiter. Gerade in so genannten flachen Organisationen, wo jeder so viel wie möglich leisten soll, ist es wichtig, klar zu sagen: Hier verläuft die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, eine Grenze, die mich schützt.“

Die Gefahr, zum „Workaholic“ zu werden, zu einer Person, die im Grunde nur noch für Arbeit lebt, sei ansonsten enorm hoch, betont der Psychologe. Diese falsch verstandene Arbeitswut schädige nicht zuletzt die sozialen Beziehungen. Immer mehr Menschen in Schweden fällt es denn auch schwer, die Zeit ganz ohne Arbeit in vollen Zügen zu genießen. Stattdessen spitzen sich gerade im Urlaub in so mancher Ehe und Familie schwelende Konflikte so richtig zu. In dem Land, dessen Scheidungsstatistik weltweit zu den betrüblichsten zählt, haben die Scheidungsanwälte denn auch just nach der Urlaubszeit die meiste Arbeit.

Anne Rentzsch/ SR P1-morgon

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista