FINANZEN

Goldene Zeiten für Pfandbanken

Woher nehmen und nicht stehlen? Zumal was die jüngsten Errungenschaften der Technik betrifft, wie multifunktionelle Handys oder Fernsehgeräte mit Flachbildschirmen, sind die Schweden eifrige Käufer. So sprengte die Verkaufsstatistik nach dem Weihnachtsfest im letzten Jahr denn auch wieder einmal sämtliche bisherigen Rekorde. Doch die Kauf-Wut entspricht nicht immer den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Das Realeinkommen des schwedischen Durchschnittsbürgers ist vergleichsweise gering, und deshalb erfolgt ein Großteil der Käufe auf Pump - mit teils schwer wiegenden Folgen: Die Haushaltskasse gerät außer Rand und Band. Nutznießer sind die Pfandverleiher. Sie konnten im vergangenen halben Jahr ihr Geschäft merkbar ausbauen.

Ein Pelz, ein Gemälde, ein wertvoller Ring aus dem Familien-Fundus. Wenn in Sachen Geld nichts mehr geht, dann greift der Schwede zur letzten Möglichkeit und versetzt das, was ihm sehr am Herzen liegt. Und des einen Leid ist des anderen Entzücken: Die Pfandverleiher reiben sich angesichts glänzender Geschäfte die Hände. Allein in diesem Jahr ist bei der Aktiengesellschaft „Pantbanken Sverige AB”, die insgesamt sieben Pfandverleih-Stellen unter sich hat, das Volumen der Ausleihe im Vergleich zum Vorjahr um stolze 22 Prozent gestiegen. Das berichtet Peter Sundström, Konzernchef und Vorsitzender der Schwedischen Pfandbank-Vereinigung.

”In den vergangenen zehn Jahren ist es mit dem Geschäft nie in einem solchen Maße aufwärts gegangen wie jetzt. Der Unterschied zu früher ist augenfällig”, sagt Sundström.

In der Unternehmensfiliale im vornehmen Stockholmer Stadtteil Östermalm geben sich die Kunden die Klinke in die Hand. Wertvolle Kunst und exklusive Teppiche werden angeboten, außerdem immer mehr Gold, dessen Wert seit dem beginnenden Preisanstieg vor zwei Jahren stetig gestiegen ist. Den Preisanstieg bei dem Edelmetall sieht Peter Sundström als eine Ursache für den gestiegenen Zulauf auf die Pfandverleih-Stätten. Doch das allein, ist er überzeugt, könne den Zuwachs-Trend nicht erklären. Die Haushaltskasse ausgeglichen zu halten, werde offenbar für immer mehr Menschen immer schwieriger.

„Eine Veränderung ist im Gange, das ist ganz offensichtlich. Immer mehr Menschen überall im Lande suchen den Pfandverleih auf. Das deutet wohl darauf hin, dass wir uns auf dem Weg in eine schlechtere Wirtschaftslage befinden. Die meisten Kunden nutzen außerdem die Möglichkeiten der Verpfändung bis zur finanziellen Obergrenze aus. Nach meiner Schätzung neun von zehn Kunden tun dies”, sagt Peter Sundström.

Einen wachsenden Teil der Kundschaft schwedischer Pfandverleiher stellen Jugendliche. Die Zahl der Anmeldungen von Jugendlichen beim Gerichtsvollzieher stieg im letzten Jahr im Vergleich zum Vorjahr um satte 30 Prozent. Angebote für Handys und Laptops führen junge Menschen ebenso in Versuchung wie neue, unkomplizierte Kreditangebote, beispielsweise über sms. Doch nicht in jedem Fall ist der schwere Gang zum Pfandverleiher mit unüberlegten Käufen selbst verschuldet. Die jüngsten Kürzungen beispielsweise bei Arbeitslosen- und Krankengeld tragen ihren Teil zu der gespannten Lage vieler Privathaushalte bei.

”Pfandverleih ist eine gute Möglichkeit, um schnell zu Geld zu kommen”, sagt Stefan, der soeben seine Gitarre beim Pfandverleih in Östermalm abgeliefert hat. „Viele Leute mit Geldknappheit sehen derzeit zu, etwas von Wert zu finden und bei Pfandverleihern zu versetzen.”

Und was kostet Stefan der Spaβ? ”Letztlich genauso viel wie ich geliehen habe”, sagt er. „Plus fünfhundert Kronen, umgerechnet reichlich 50 Euro, wenn die Sachen viele Monate beim Pfandverleih gelegen haben.”

Die gestiegene Popularität des Pfandverleihs in Schweden hat nicht zuletzt mit der bei dieser Leih-Form geringen Gefahr zu tun, in einer Schuldenfalle zu landen: Schlimmstenfalls ist man bei Zahlungsunfähigkeit seine Gitarre los, wie im Fall von Stefan, oder auch seinen Schmuck, sein Gemälde oder seinen wertvollen Teppich. Aber man landet nicht beim Gerichtsvollzieher - eine unerfreuliche Erfahrung, die in jüngster Vergangenheit immer mehr Schweden machen müssen. Im letzten Jahr gingen bei den Gerichtsvollziehern des Landes insgesamt mehr als 900.000 Anträge auf eine Vertagung von Zahlungsanmerkungen ein, die höchste Zahl bisher in der schwedischen Geschichte. Gleichzeitig stieg die Zahl der Schuldensanierungs-Anträge auf knapp 7000, auch dies ein Rekord und ein Anstieg um 78 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Pfandbanken sehen ganz offenkundig weiterhin erfreulichen Zeiten entgegen.
Anne Rentzsch

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