Schwimmkurse

Ansporn für Wasserscheue - Kostenlose Schwimm- und Erste-Hilfe-Kurse

Sommerzeit-Badezeit! Doch längst nicht alle Schweden zieht es in den warmen Monaten zum Strand oder in die Schwimmhalle. Manch einem jagt das nasse Element stattdessen mehr oder weniger Angst ein. Immerhin zwei Millionen Erwachsene in dem Neun-Millionen-Volk trauen sich nach Angaben der Schwedischen Lebensrettungs-Gesellschaft nicht zu, im Wasser eine Strecke von 200 Metern zurückzulegen. Schlecht oder gar nicht schwimmen zu können, das ist vielen peinlich - statt beispielsweise einen Kurs zu besuchen, halten sie sich daher lieber vom Wasser fern. In Göteborg werden jetzt aber seit geraumer Zeit kostenlose Kurse angeboten, die groβen Zuspruch finden.

Im Hammarbadet in Göteborg sind an diesem Nachmittag eine Reihe erwartungsfroher Schüler zusammengekommen. Die Männer und Frauen besuchen einen kombinierten Kurs: Hier werden nicht nur Fertigkeiten im Schwimmen vermittelt, sondern auch Grundlagen der Ersten Hilfe und Lebensrettung. Just diese Kombination hat offenbar als Magnet gewirkt; wer hierher kommt, der muss sich nicht wie ein „dummer Nichtschwimmer” fühlen.

Gerade demonstriert die Schwimmlehrerin, wie man jemanden mit einem Rettungsring vor dem Ertrinken bewahren kann. Die Runde verfolgt die Lektion mit groβem Interesse - und ganz offenkundig auch mit Spaβ.

Jemanden retten zu können, der in Not ist - für Mohammed e-Hadash ist das ein wichtiger Aspekt dieses Kurses: „Ich habe kleine Kinder, und die Vorstellung, dass ihnen im Wasser etwas passiert und ich ihren nicht helfen kann, hat mir Angst gemacht. Also habe ich mir gesagt: Ich muss endlich richtig schwimmen lernen.”

Mohammed kommt ursprünglich aus Gaza. In dem Palästinensergebiet hatte er das Mittelmeer sozusagen vor der Nase - dennoch blieb ihm das Schwimmen lange Zeit verwehrt. ”Es gibt dort keine Schulen, wo man schwimmen lernen kann”, erklärt er, „und mein Vater ist Nichtschwimmer. Deshalb war er immer sehr ängstlich, wenn wir zum Wasser wollten. Angefangen schwimmen zu lernen habe ich deshalb erst mit sechzehn Jahren, als ich fast erwachsen war und selbst bestimmen konnte. Ich will nicht, dass es meinen Kindern mal genauso geht: Papa kann nicht schwimmen, also ist der Strand tabu. Deshalb habe ich mir vorgenommen, ordentlich schwimmen zu lernen, damit ich mit ihnen zusammen schwimmen gehen kann.”

Enega Rustani kommt aus dem Iran. Sie hat sich für den Kurs gemeinsam mit ihrem Mann Reza angemeldet. Enega ging es daheim ebenso wie Mohammed: Sie hätte schon gern nähere Bekanntschaft mit dem nassen Element gemacht, wurde aber daran gehindert.

”Als Kind durfte ich nicht baden, meine Mutter hat das verboten. Jetzt habe ich endlich die Möglichkeit, ordentlich zu üben”, freut sie sich. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen: Immerhin eine Strecke von 150 Metern bewältigt sie inzwischen schon im Schwimmbecken, ihr Mann Reza bringt es auf 200 Meter. Nicht zuletzt Enegas und Rezas Tochter sei stolz auf die Fortschritte der Eltern, berichtet die Mutter:

”Sie findet es toll, dass wir hier so viel lernen. Früher war es ihr vor ihren Kumpels immer ein bisschen peinlich, wenn wir mit im Wasser waren.”

Vier Wochen dauert der Kurs, für den die Teilnehmer keine einzige Krone bezahlen müssen - finanziert wird die Ausbildung vom Amt für Katastrophenschutz. Dass sie im Einwanderer-Stadtteil Hammarkullen stattfindet, hat gute Gründe: Gerade bei Einwanderern, zumal aus Nahost, hapert es vielfach mit dem Schwimmen. Das Interesse für den aktuellen Kurs freut Birgitta Wennerbäck von der Schwedischen Lebensrettungs-Gesellschaft; zumal, weil es recht auβergewöhnlich ist:

”Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Menschen von sich selbst sagen, sie schaffen es nicht, eine Strecke von 200 Metern zu schwimmen - dann sollte man eigentlich davon ausgehen, dass ein Groβteil von ihnen versucht, mehr zu lernen. Aber dem ist nicht so. Vergleichsweise wenige melden sich zu einem Lehrgang an.”

Schaut man sich die Statistik über die Menschen an, die in Schweden alljährlich ertrinken, dann ist eins besonders augenfällig: Am stärksten vertreten sind Männer ab vierzig, fünfzig Jahren. Eine Gruppe, die besonders schwer zum Schwimmunterricht zu locken sei, klagt Birgitta Wennerbäck. Sie hofft aber, dass die Kombination Schwimmen - Lebensrettung künftig ihren Teil dazu beitragen wird, die Kurse nicht zuletzt für Männer attraktiver zu machen. Die Teilnehmer des Göteborger Lehrgangs spüren jedenfalls schon so manchen positiven Effekt der bisherigen Mühen:

”Letzte Woche waren ich mit ein paar Kumpels am Strand”, erzählt Mohammed. „Wir haben wieder mal gewetteifert, sind alle so an die 200 Meter geschwommen. Und mir machte das überhaupt nichts aus - vor noch gar nicht langer Zeit hätte ich Angst gehabt.”

Auch Reza ist inzwischen ziemlich mutig geworden: Nach den Erfolgserlebnissen beim Schwimmen hofft er nun darauf, bald auch ganz lässig von Beckenrand, Startblock oder Brett springen zu können. ”Ich glaube, dass ich mich das traue”, sagt er.

”Am Donnerstag wollen wir hier im Bad das Springen üben”, ergänzt seine Frau Enega. „Ja, und wenn wir zu feige sind, dann muss die Lehrerin uns eben Beine machen.”

Anne Rentzsch/SR P1 morgon

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