Besuch im Stockholmer Riddarhuset

Unter Blaublütern

„Arte et Marte” so lautet der Kunst und Krieg verbindende Leitspruch über dem Eingangsportal des Ritterhauses am Rande der Stockholmer Altstadt Gamla Stan. In diesem Prachtbau aus holländischem Barock trat einst der schwedische Adel zusammen. Mit einer neuen Verfassung aus dem Jahre 1865 musste Schwedens Ritterstand dann aber auf jeglichen politischen Einfluss verzichten. Dem Krieg fühlen sich die rund 26 000 Mitglieder des Hauses heute weniger verpflichtet als der Förderung der schönen Künste. 

Henrik von Vegesack lebt in einer Welt von Gestern. Seinen Stammbaum kann der feine ältere Herr im Anzug bis ins Jahr 1260 zurückverfolgen, mit Wurzeln in Deutschland und im Baltikum. Ende des 18. Jahrhunderts wanderte ein Zweig seiner Familie nach Schweden aus, wo sich die Ahnen ihren guten Ruf in zweifelhaften Missionen für die Krone erwarben.

„In meinem Wappen kann man sehen, dass einer meiner Vorfahren Freibeuter war. Er war im Dienste des Königs auf der Ostsee unterwegs. Im Unterschied zum Seeräuber, der in die eigene Tasche wirtschaftet, hatte mein Ahnvater einen Auftraggeber, den schwedischen König nämlich. Und hier im Wappen ist er zu sehen, mit seiner Beute in der Hand. Dann gibt es einen Löwen, der ist als Symbol der Tapferkeit ein echter Klassiker. Und die französischen Lilien sollen die Verbindungen unseres Geschlechts nach Europa markieren.”

Als Sekretär des Riddarhuset führt Henrik von Vegesack Besucher aus aller Welt durch den altehrwürdigen Barockbau. Abgesehen vom kostbaren Interieur und diversen Sammlungen ist vor allem der Rittersaal mit seinen Deckenmalereien sehenswert.

An den Wänden ringsum hängen rund 2300 Kupferwappen der Adelsfamilien. Hölzerne Bänke gruppieren sich um einen mächtigen Tisch. Hier residierte der Landmarschall und führte die Zusammenkünfte des Adels, der bis 1866 einen der vier Stände des Reichstages bildete. Auf den Versammlungen der Edlen ging es nicht immer sehr gepflegt zu, schmunzelt der Sekretär mit einem feinen Lächeln im Gesicht.

„Das Protokoll berichtet bereits im 17. Jahrhundert von turbulenten Sitzungen. Der Vorsitzende musste oft einschreiten und es gab sogar ein Bußgeld für besonders lautstarke Störenfriede. Viele Geschlechter hatten ja ihre Titel als Krieger bekommen. Das waren eigentlich Bauern, die zugleich noch ihre Felder bestellten. Im Saal ging es überaus hitzig zu und draußen vor der Tür wurden dann die Duelle ausgetragen.”

Um etwa 1200 gestand König Magnus Ladulås all jenen Steuerfreiheit zu, die gerüstet und zu Pferde dienten. Treue Gefolgsleute erhielten Burglehen zum Lohn und pressten den Bauern Steuern ab, um die teure Rüstung zu finanzieren. In der Folge entwickelte sich auch der weltliche Adel zu einem das Reich umfassenden Stand mit ausgedehnten Besitzungen.

„Im Laufe der Jahrhunderte wurden fast 3 000 Schweden vom Monarchen geadelt. Vor allem Krieger und Offiziere, weil sie in den Kriegen tapfer für die Krone gekämpft hatten. Später wurde diese Ehre aber auch herausragenden Künstlern, Beamten und Baumeistern zuteil.”

Reichskanzler Axel Oxenstierna forderte 1641 einen standesgemäßen Sitz für die Edlen, doch die Bauarbeiten zogen sich lange hin. Im Disput um seine Pläne kam der erste Baumeister des Ritterhauses, der Franzose Simon de la Vallée, in einem Duell ums Leben. Sein Sohn Jean und zwei weitere Architekten setzten das Werk fort.

Politisch mag Schwedens Ritterstand schon lange entmachtet sein. Doch die Stiftungen des Hauses verfügen über ein beträchtliches Vermögen von mehreren hundert Millionen Euro, das sich seit Jahrhunderten aus Schenkungen und Erbschaften speist. Adel verpflichtet. Vor allem die Förderung der Künste und der höheren Bildung liegen dem illustren Kreis am Herzen.

Das Ritterhaus ist kein Museum für nostalgische Erinnerungen, sondern ein lebendiger Ort. In unserem Rittersaal laden wir zu Vorträgen und Konzerten. Die vielen mit Kupfer verkleideten Wappen an den Wänden erzeugen eine einzigartige Akustik.

Die Annalen erzählen von Intrigen, Mord und Totschlag im Streit um die Königskrone. Doch wie so viele seiner blaublütigen Kollegen hat Henrik von Vegesack heute ein überaus entspanntes Verhältnis zur Monarchie.

Ich fühle mich wie jeder andere Schwede.

Die Bernadottes sind eben eine Königsfamilie zum Anfassen, meinen auch diese Besucher des Ritterhauses: „Natürlich machen sie gute Arbeit, und ich glaube, es wäre nicht besser mit einem Präsidenten. Aber ich denke, wenn sie in das Amt gewählt worden wären, wäre es noch besser.”

„In unserer Schule hatten wir gerade Besuch von Kronprinzessin Victoria, das war gute Reklame für die Königliche Familie. Ich glaube, das Königshaus wird es noch lange geben.”

Henrik von Vegesack kann seinen bürgerlichen Zeitgenossen da nur zustimmen. Ohnehin fühlt er sich trotz seines blauen Blutes tief im Volk verwurzelt.

„Ich fühle mich wie jeder andere Schwede. Unsere Mitglieder kommen aus allen Winkeln des Landes, sie üben alle nur denkbaren Berufe aus, halten es mit unterschiedlichen politischen Parteiungen. Es gibt wenig, was uns heute noch auszeichnet. Gut möglich aber, dass wir uns ein wenig besser mit unseren Familien auskennen. Weil es so viel Aufzeichnungen und Legenden über die Taten unserer Vorfahren gibt.”

Alexander Budde

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