Historische Stätten

Festung Boden lockt Touristen an

Die nordschwedische Stadt Boden ist auch heute noch eine ausgeprägte Militärstadt. Im 19. Jahrhundert wurde aus dem Bauerndorf ein strategisch wichtiger Stützpunkt für die Verteidigung des Landes. Auf den Bergen um die Stadt liegen wie ein Gürtel fünf Forts, die die Festung Boden ausmachen. Der Riegel im Norden sollte den Feind abschrecken und dem Militär Zeit zur Mobilisierung geben. Bodens Festung war fast ein Jahrhundert lang tabu für die Einwohner, Top Secret bis Ende der neunziger Jahre gar. Heute sind die Forts eine Touristenattraktion.

Das mächtigste Fort liegt auf dem Rödberget, dem Roten Berg. 120 Meter über dem Meeresspiegel. Am Fuße des Roten Berges schießen sich die Soldaten des Artillerieregiments Norrbotten in Übung. Festungsguide Sven-Åke Westman schließt die schwere Eisentür auf und lotst durch enge Flure, an die hundert Treppenstufen zum Scheitel des Rödbergsforts. Von dort sind gut die vier anderen Forts zu erkennen, die auf den umliegenden Bergen schlummern:

”Anlass für den Bau der Festung Boden war der Krieg von 1809, unser bisher letzter Krieg gegen den Russen, als wir Finnland an Russland verloren. Schweden wurde dadurch um ein Drittel kleiner, wir hatten plötzlich eine Landgrenze zu Russland, nur 140 Kilometer von hier entfernt. Aus diesem Grund musste der Norden verteidigt werden.”

Diese Einsicht dauerte jedoch fast ein Jahrhundert, 1900, also 91 Jahre nach dem Verlust Finnlands beschloss der Reichstag, die Festung Boden zu bauen. Denn seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Kiruna Eisenerz gefördert und auch die Forstwirtschaft erlangte wirtschaftliche Bedeutung. 1200 Mann waren mit dem Bau der Festung Boden beschäftigt. Acht Millionen Kronen sollte alles kosten, am Ende wurden es 19 Millionen Kronen, was heute umgerechnet 350 Millionen Euro entspricht. Bodens Festung ist Schweden teuerstes, größtes und ambitionierstes Militärprojekt.

Guide Sven-Åke Westman zeigt, wie die Festungen in die harten Granitberge getrieben wurden. Hauptsächlich per Hand nämlich:

”Es wurde in drei Sprengmannschaften á drei Personen gearbeitet. Der in der Mitte rammte eine Eisenstange in den Boden, die anderen schlugen mit dem Hammer auf die Stange, nach jedem Schlag wurde die Eisenstange ein Viertel gedreht. Die Stange arbeitete sich millimeterweise im Granit vor.”

Gesprengt wurde nur vereinzelt, weil so das gesamte Fort Risse bekommen hätte. Sieben Jahre dauerte es, bis die Festung Boden fertig war.

Ein Film zeigt, wie die Mannschaft des Rödbergsfortets im Ernstfall gearbeitet hätte: Alarm, alle Mann an die Kanonen, Haubitzen und die Munitionsvorräte. Auf einem Förderband wurden die Granaten zu den Schießständen nach oben transportiert. Doch dieser Ernstfall trat nie ein.

”Die Russen sind nie gekommen, auch die Sowjets nicht. Später ja, da kamen sowjetische Generäle, um hier mit viel Wodka zu feiern, wie der Befehlshaber von Murmansk. Aber wir mussten keinen Krieg führen, und das hing vielleicht mit der Stärke der Festung zusammen. Im ersten und zweiten Weltkrieg waren hier 20.000 Mann in Bereitschaft. Sowohl Russen, Sowjets als auch Hitler fanden wohl, es würde zu teuer werden, die Festung zu stürmen.”

Das Rödbergsfortet wurde 1998 aus dem Verkehr genommen, es ist inzwischen wie die anderen insgesamt 1.200 militärischen Anlagen in den Wäldern um Boden Ziel von Touristen. Guide Sven-Åke Westman berichtet über den Radiobunker, aus dem im ersten Weltkrieg Kriegsgefangene nach Hause telegrafierten, und aus dem auch der legendäre Reporter des Schwedischen Rundfunks, Sven Jerring, während des Ersten und Zweiten Weltkrieges berichtete. Heute ist der Bunker verfallen und mit Gras und Moos überwachsen wie das nächste Fort der Tour, das geheimnisumwitterte Degersbergsfortet.

”Hier wurde zwischen 1952 und 1982 ein Viertel der schwedischen Goldreserven verwahrt. ’82 wurde es abtransportiert, wohin weiss man nicht.”

Die Touristen lauschen aufmerksam und staunen über die Festung Boden. Michael Andersson aus Kalix will sich endlich selbst angucken, was jahrzehntelang wohlgehütetes Geheimnis des Militärs war.

”Als Kind habe ich viel gehört über die Festung Boden. Dass da auf den Bergen Kanonen waren, die ganz weit schießen konnten. Gerüchte besagten, sogar 30 Kilometer weit. Die Tour ist wirklich interessante Heimatkunde.”

Die größte Kanone kam jedoch nur 20 Kilometer weit. Einst Top Secret, jetzt Touristenattraktion. Wer will, kann sogar im Fort übernachten. Garantiert von der Außenwelt abgeschnitten, denn da rein kommt kein Mobilfunksignal.

Katja Güth

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade ljud i menyn under Min lista