Infrastruktur

Stadtgrenzen zwischen Arm und Reich verschieben sich

Die Innenstadt ein „Reservat” finanzkräftiger einheimischer Schweden, die Auβenbezirke Einwandererghettos mit sozialen Problemen im Übermaβ: Stockholm, Malmö und Göteborg gelten seit langem als bedrückende Beispiele für die Trennung zwischen Einheimischen und Einwanderern, Reich und Arm. Eine Entwicklung, die längst noch nicht abgeschlossen ist: Ebenso wie in anderen westlichen Groβstädten ist die ständige Jagd nach neuen attraktiven Wohngebieten angesagt. Gebiete, die noch vor nicht allzu langer Zeit als unattraktiv galten, sind heute begehrt - und teuer.

Die Zeiten als Arbeiterviertel sind lange vorbei: Södermalm, der „Prenzlauer Berg” Stockholms, gilt heute als eine der attraktivsten Adressen in der schwedischen Hauptstadt. Und ganz besonders „heiβ” ist das Viertel Hornstull. Noch vor weniger als 30 Jahren hätte man sich das wohl nur mit einem groβen Maβ an Phantasie vorstellen können.

„Vor allem allein stehende Männer mittleren Alters wohnen hier, viele von ihnen kämpfen mit Alkoholproblemen.”

So hieβ es in einer Reportage über das Viertel im Jahr 1981. Damals galt Hornstull als gefährliches Pflaster, was sich auch in dem Beinamen „Kniv-Söder”, „Messer-Süden”, niederschlug. Wird der Name heute bisweilen noch angewandt, dann eher im Scherz und in Erinnerung an alte Zeiten: In den adretten Eigentumswohnungen, den gestylten Cafés und modernen Nobel-Boutiquen ist für Messerstecher und andere offenkundige soziale Stör-Fälle kein Platz mehr. Das bestätigt Tobias Olsson. Er hat über die so genannte Gentrifizierung, die Aufwertung einst unattraktiver Stadteile, geforscht - und kann diese Forschung mit Beobachtungen untermauern, die er selbst über viele Jahre in Hornstull als Verkäufer im staatlichen Alkoholmonopol „Systembolaget” gesammelt hat:

„Anfangs waren die Bedürfnisse im Allgemeinen recht bescheiden. Man kaufte vor allem Bier und ab und an auch mal Schnaps. Aber nach und nach hat sich das verändert. Inzwischen fragen die Kunden vornehme Dinge nach, zum Beispiel französische Jahrgangsweine aus einer ganz bestimmten Region oder Raritäten wie japanischen Whisky.” 

In groβem Stil begonnen habe die Gentrifizierung in Schweden in den 70-er Jahren, betont der Soziologe Mats Franzén. Damals wurde mit dem so genannten „Millionenprogramm” der soziale Wohnungsbau angekurbelt, in den Peripherien der Städte entstanden jene Wohnstätten, die heute als abgelegene, problembeladene Betonsilos verschrien sind. Damals aber lockten sie mit Modernität und Komfort. Viele Niedrigverdiener bekamen die Chance, an diesem Komfort teilzuhaben; sie verlieβen die unmodernere Wohnung in der City, in die stattdessen Menschen mit noch weniger Geld zogen, oft Studenten. 

”Lange galt das Stadtleben ja als wenig attraktiv, als schmutzig, eine Menge Fabriken verpesteten die Luft. Doch die Fabriken machten dicht, die Studenten gaben dem Stadtteil eine Bohème-Atmosphäre”, so Mats Franzén. „Der nächste Schritt war und ist dann, dass das Gebiet so attraktiv wird, dass einkommensschwache Menschen sich das Wohnen dort überhaupt nicht mehr leisten können und verdrängt werden. Inzwischen ist es immer wichtiger geworden, mit dem Wohnen seinen Status, seinen Lebensstil zu markieren.”

In Stockholm funktioniert besagter Verdrängungs-Effekt bestens: Wer sich als nicht ganz so einkommensstarker Bewohner erdreistet, in seiner angestammten, plötzlich hoch begehrten Umgebung verbleiben zu wollen, dem wird nicht selten mit einer Luxussanierung und anschlieβender Mieterhöhung auf die Sprünge geholfen. In der Stadt, in der ein Mietvertrag schon jetzt einem Sechser im Lotto gleicht und die Wartezeit für eine Mietwohnung in der City bei durchschnittlich fünfzehn Jahren liegt, werden in jüngster Zeit auβerdem mehr und mehr Mietwohnungen in teure Eigentumswohnungen umgewandelt - auf ausdrückliche Anregung der Stadtverwaltung. 

Einst verschlissene, inzwischen angesagte und teure Stadtteile - nach jüngster schwedischer Statistik besteht Stockholm inzwischen zu 27 Prozent aus solchen Vierteln, Göteborg zu 22, Malmö zu 14 Prozent. Innerhalb dieser vielfach schon reservat-ähnlichen Gebiete können sich die Bewohner zumindest über standesgemäβes Wohnen freuen. Doch Boar Rudström vom radikalen Think-Tank Agora gibt zu bedenken, dass die Gentrifizierung nicht nur soziale Trennung schafft, sondern beispielsweise auch aus Sicht des Tourismus negative Seiten hat.

”Wenn man die Stadtteile aufgerüstet hat, wenn sie ganz enorm teuer geworden sind, dann verschwindet oft ein Groβteil des Klientels, das einst den Charme ausmachte, Künstler beispielsweise. Die Folge: für Besucher haben die Städte keinen Reiz, keinen Zauber mehr. Sie werden unlebendig, langweilig. Und wir wollen Leben und Spannung. Deshalb reizt die Schweden ja zum Beispiel das Londoner Notting Hill.” 

Und Notting Hill in allen Ehren - die europäische Metropole, die derzeit die meisten jungen Schweden und viele schwedische Künstler anzieht, ist Berlin. Angesichts der enorm gewachsenen Nachfrage beschloss die Fluggesellschaft Ryanair Mitte Juli, die Kapazitäten Stockholm-Berlin auszubauen. 

Anne Rentzsch/SR P1morgon

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