Demokratie

Politische Ehrenämter in allen Ehren: Viele Freizeitpolitiker werfen vorzeitig das Handtuch

Immer weniger Schweden sind bereit, politische Aufträge in ihrer Freizeit übernehmen. Und viele, die ehrenamtliche Aufträge haben, geben sie vorzeitig auf. Das schwedische Gesellschaftssystem baut stark auf das Engagement des Einzelnen, die Mitarbeit in Bildungsverbänden oder politischen Parteien. Wenn immer weniger Menschen diese Ehrenämter übernehmen wollen, bedeutet das eine Gefahr für die Demokratie, warnen Experten. Anna Eskdahl aus Habo ist eine von denen, die ihren ehrenamtlichen politischen Posten aufgegeben haben.

„Willkommen in Habo”, sagt Anna Eskdahl und schleust ihre beiden Sprösslinge vom Auto ins Haus. Ein häufiger Grund, sich aus dem politischen Engagement zurückzuziehen ist Zeitmangel. Das gilt auch für Anna. Sie saß eineinhalb Legislaturperioden als sozialdemokratische Vertreterin im Gemeinderat von Habo, einem 10 000-Seelen-Ort am Vättersee in der Nähe von Jönköping.

Ihre Zeit als ehrenamtliche Politikerin begann sie nach einem Telefongespräch vor den Wahlen 2002, erinnert sie sich, während die Kinder um sie herumtoben: „Ich wurde gefragt, ob ich auf der Wahlliste zum Gemeinderat stehen wollte. Ich hab mich schon immer für Politik und Gesellschaft interessiert. Und da fand ich, mehr Einblick in unsere Lokalpolitik wäre interessant. Ich wurde gewählt und wurde Stellvertreterin im Gemeinderat und kam dann auch in den Gemeindevorstand.”

Selbst Erfolge halten Politiker nicht bei der Stange
Damals war Anna Eskdahl gerade nach Habo gezogen. Der Ort befindet sich teilweise immer noch im Aufbau und Anna versichert, dass sie Freude daran hatte, die Entwicklung zu beeinflussen: „Im Sommer vor zwei Jahren haben wir die 10. 000-Einwohner-Grenze überschritten. Hier ist wirklich viel geschehen. Ein neuer Kindergarten ist entstanden, und nächstes Jahr wird eine neue Schule gebaut. Für einen Freizeitpolitiker ist das eine interessante Zeit.”

Seit den letzten Wahlen haben ungefähr zehn Prozent aller Vertreter in den Gemeinderäten und Provinziallandtagen ihre Ämter vorzeitig aufgegeben. Magnus Hagevi, Politologe an der Universität Växjö, hat die Professionalisierung der Politik erforscht. Er bezeichnet die Rücktritte als einen generellen Trend in Schweden. Immer mehr ehrenamtliche Politiker verlassen ihre Posten, bevor die Legislaturperiode zu Ende ist, hat er festgestellt. Die meisten begründen diesen Schritt mit Schwierigkeiten, Beruf, Familie und politischen Auftrag miteinander zu vereinen.

Aber Magnus Hagevi sieht auch andere Ursachen: „Ich glaube, das Konzept mit ehrenamtlichen Politikern wird immer schwieriger durchzuführen. Freizeitpolitiker haben in den Gemeinden immer weniger zu sagen. Viele Fragen werden sachkundig und erschöpfend von Beamten und Kommunalräten vorbereitet und behandelt. Sinn eines ehrenamtlichen Postens ist es ja, Einfluss auszuüben. Aber das wird immer schwieriger, weil die Politik immer mehr professionalisiert wird.”

Dreifachbelastung ist vielen Frauen zuviel
Jüngere Freizeitpolitiker und Einwanderer werfen das Handtuch besonders häufig. Anna Eskdahl ist eine typische Vertreterin dieser Gruppe: jüngere berufstätige Frau mit kleinen Kindern.

Sie entschloss sich während ihrer zweiten Legislaturperiode, ihren Sitz zur Verfügung zu stellen. „Viele Faktoren haben dazu beigetragen, dass ich das Gefühl hatte, ich schaffe das alles einfach nicht mehr. Am Arbeitsplatz habe ich Verantwortung und muss andere Menschen führen. Das verlangt mir viel ab und ist das Wichtigste, außerdem selbstverständlich meine Familie. Ich schaffe diese beiden Bereiche im Moment gerade so. Aber die Entscheidung, die Politik aufzugeben, ist mir wirklich nicht leicht gefallen.”

Um das Dasein der Freizeitpolitiker zu erleichtern, schlägt Anna Eskdahl vor, ihnen während der Sitzungen eine Beaufsichtigung für ihre Kinder anzubieten. „Wenn man seine Kinder zu den Treffen und Sitzungen mitnehmen könnte, wäre vieles leichter. In einigen größeren Gemeinden hat man das versuchsweise gemacht. Mein Mann ist nämlich auch politisch aktiv und manchmal hatten wir gleichzeitig Sitzungen, dann braucht man jemanden, der auf die Kinder aufpasst.”

Mit weniger Einfluss sinkt auch das Interesse
Magnus Hagevi sieht neben den privaten auch gesellschaftliche Gründe für das Aufgeben: „Eine Hypothese lautet, dass es ganz einfach nicht genug Spaß macht, Politiker zu sein. Zumindest wenn man ein solches Amt als Hobby ausübt. Wenn man zusätzlich den Eindruck gewinnt, dass man immer weniger Einfluss hat, ist man natürlich eher bereit, das Amt aufzugeben.”

Nur acht bis zehn Prozent aller Kommunal- und Provinzialpolitiker beziehen Teilzeit- oder Vollzeithonorare für ihre Tätigkeit und können sich von ihren Ämtern ernähren. Noch üben die meisten ihre Ämter in der Freizeit aus. Aber in Zukunft wird die Macht sich auf einige wenige Profipolitiker konzentrieren, prophezeit Magnus Hagevi: „In Schweden und den skandinavischen Ländern legen wir Wert auf einen möglichst hohen Anteil ehrenamtlicher Politiker. Aber wenn so viele Ehrenamtliche ihre Posten verlassen, müssen wir unser bisheriges System möglicherweise ändern.”

„Schweden hat ein demokratisches Problem”
Demokratiemüdigkeit steht also zu befürchten. Und dass die jüngeren, die Einfluss ausüben möchten, dies nicht können, glaubt Anna Eskdahl: „In der Politik brauchen wir Aktive aus allen Teilen der Gesellschaft, nicht nur Männer zwischen 50 und 70. Wenn die anderen keine Zeit und Gelegenheit haben, politisch aktiv zu sein, dann hat Schweden ein demokratisches Problem.”

Sybille Neveling

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