Land unter Druck, Wahrheit unter Verschluss:

„Konzentrationslager” auch in Schweden

Schwedische Konzentrationslager während des Zweiten Weltkriegs: eine Nachricht mit Sprengkraft oder ein schlagkräftiger Titel für den besseren Verkauf eines Buches? Darüber sind sich Kritiker und Autoren uneins. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Schwedische Konzentrationslager im Schatten des Dritten Reiches“ rühren die Autoren Tobias Berglund und Niclas Sennerteg an einen empfindlichen Punkt Schwedens, nämlich die oft beschriebene neutralee Haltung des Landes zu Zeiten Hitlers. Inwieweit hat sich Schweden Nazi-Deutschland angedient mit der Errichtung so genannter Konzentrationslager? Und wie lauter ist es, diesen Begriff im Zusammenhang zu verwenden?

Enthüllungen per Buch, also Nachrichten, die zumindest einem kleinen Kreis bereits seit mehreren Jahren bekannt waren, bis sie endlich in den Druck gehen – da ist Vorsicht geboten. Nun enthüllt also das Autorenpaar Berglund/Sennerteg – der eine Historiker, der andere Journalist - ein weiteres Detail aus der dunklen Geschichte des Landes. Auch in Schweden soll es Konzentrationslager gegeben haben. Gerade als Deutscher zuckt man unwillkürlich zusammen. Vernichtungslager auch in Schweden? Und wieder will niemand etwas gemerkt haben?

Wahrheit: Geheim!

50 Jahre lang waren die Archive unter Verschluss, die Betroffenen schwiegen oder waren lange in ihre Heimat zurückgekehrt, der Journalismus in der ersten Zeit nach dem Krieg war alles andere als investigativ. Das Buch Berglunds/Sennertegs nun zeigt: Ab 1940 errichtete Schweden auf Weisung des Zentralamtes für Gesundheits- und Sozialwesen Lager, in denen unliebsame Widerstandskämpfer in Gewahrsam genommen wurden, willkürlich und ohne Prozess; dänische und norwegische Flüchtlinge, die vor den Nazis auf der Flucht waren. Bis zu 1.500 Menschen sollen in den insgesamt 14 Arbeitslagern inhaftiert gewesen sein.

Die Zustände in den Lagern waren im Vergleich zu denen in den KZs der Nazis trotz allem human. Sicher gab es Wachen, aber kaum Gewalt. Nur manche Lager waren mit Stacheldraht eingezäunt.

Begriff mit langer Geschichte

Der Begriff Konzentrationslager passt trotzdem, betont Autor Tobias Berglund gegenüber Sveriges Radio International.

„Es ist gut, dass eine Diskussion über den Begriff in Gang kommt. Seit dem Zweiten Weltkrieg wird der Begriff synonym mit den deutschen Vernichtungslagern verwendet. In der Zeit davor aber bezeichnete man damit einen Platz, wo man beispielsweise politische Gegner an einer Stelle konzentrierte und wo sie ohne Prozess zu Arbeitsdienst gezwungen wurden.“

Die Geschichte des Wortes habe ihren Anfang auf Kuba genommen, führt Historiker Tobias Berglund aus. „Re-Konzentration“, also Zurückführung und Sammlung, bezog sich damals auf aufrührerische Bauern, die in Lagern interniert wurden, damit sie die Aufwiegler nicht weiter unterstützen konnten. Auch zu Kolonialzeiten spielte der Begriff laut Berglund eine nicht unerhebliche Rolle – bei den Briten während der Burenkriege in Südafrika und bei den deutschen Kolonialherren in Westafrika.

„Der Begriff hat eine lange Geschichte, die mit den Vernichtungslagern der Nazizeit nichts zu tun hat. Deshalb halten wir es für angemessen, die schwedischen Lager zumindest in gewisser Weise als Konzentrationslager zu bezeichnen – als Ort nämlich, wo man ohne Prozess und auf unbestimmte Zeit gefangen gehalten wird, ohne zu erfahren, warum man dort festgehalten, geschweige denn wieder freigelassen wird.“

Der aufmerksame schwedische Leser konnte 1940 in mindestens zwei Zeitungen wörtlich von den frisch errichteten Konzentrationslagern lesen. Auch in Bezug darauf sei es nur logisch, auch jetzt von Konzentrationslagern zu sprechen, betont Historiker Berglund. 

Besetzter Begriff lenkt ab vom Wesentlichen

Sicher sind das alles Gründe – ausreichend für eine Gleichsetzung mit Nazi-KZs sind sie jedoch nicht. Vor allem lenkt die Begriffsdiskussion vom Eigentlichen ab: der nötigen Auseinandersetzung mit dunklen Flecken in der eigenen Geschichte.

Auch der Kritiker der Zeitung „Dagens Nyheter“ stellt sich fragend zum nahezu laxen Umgang mit dem Begriff. Schließlich habe es in den Lagern geregelte Kaffeepausen gegeben, abends hätten die Insassen munter Karten gekloppt – das klänge doch fast schon idyllisch? Auf diese Weise verlöre die gesamte Arbeit an Stoßkraft. Die Autoren hätten besser daran getan, Vorsicht walten zu lassen bei einem derart besetzten Begriff, so „Dagens Nyheter“.

Mit dem Wort Konzentrationslager um sich zu schlagen, so „Dagens Nyheter“,  führe auch dazu, dass eine weitere Enthüllung über ein Frauenlager in den Hintergrund gerate. Ein Lager, dessen Schließung längst nicht mit Kriegsende zusammenfiel. Im südschwedischen Dörfchen Tjörnarp etwa wurden auch nach ’45 noch Frauen weggeschlossen, die Ordnungshüter als „übererotisch“ ansahen.

„Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden”

Schwedens Geschichte ist mit dem Buch „Schwedische Konzentrationslager im Schatten des Dritten Reiches“ tatsächlich um einige Erkenntnisse reicher – ganz unabhängig vom provokanten Titel. In aller Bescheidenheit fordert Historiker Tobias Berglund, dass die Geschichtsbücher und vor allem die Schulbücher ergänzt werden sollten.

„Man muss natürlich die herrschenden Umstände mit einbeziehen – Schweden von Krieg bedroht und folglich unter starkem Druck -, so dass Fehler programmiert waren. Aber dieses systematische Verfahren mit unliebsamen Regimekritikern ist aus rechtsstaatlicher Perspektive dermaßen bemerkenswert, dass es bei der Geschichtsschreibung von Schweden während des Zweiten Weltkriegs keineswegs fehlen darf.“

Liv Heidbüchel

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