Vorsicht, lieber nicht krank werden (Foto: G. Svensson/Scanpix)
SOZIALES

Kranke landen im Aus

Krankheit als erster Schritt in den sozialen Abstieg. Dergleichen Meldungen kennt man zur Genüge aus den USA. Doch seit kurzem gilt dieses Szenario auch für den Wohlfahrtsstaat Schweden. Über viele Jahre war es hier vergleichsweise einfach, sich lange krankschreiben zu lassen oder die Frühpensionierung zu beantragen. Das ist vorbei: Seit Juli gelten neue, strenge Regeln. Wer jetzt ernsthaft krank wird, muss soweit wie möglich trotzdem arbeiten. Wer das nicht kann, der droht den Job zu verlieren und zwischen alle Stühle zu geraten.

Jonas Smedlund ist seit einem Jahr krankgeschrieben. Vorher hat er im Gesundheitswesen gearbeitet, als persönlicher Assistent. Schwer und schwerst behinderten Menschen half er, ihr Alltagsleben würdig in den eigenen vier Wänden zu gestalten. Eine Arbeit, die mit groβen körperlichen Anstrengungen verbunden war.

Dann kam die Quittung: Schmerzen in Genick und Rücken, Schmerzen, die nicht nachlieβen. „Ich kann mit der Hand nicht den Rücken erreichen, kann die Hand nicht zum Kopf bewegen. Kurz gesagt, Belastungen sind nicht möglich. Jedenfalls nicht im Moment“, so Jonas. Von einer Rückkehr in seinen Job, wo er unter anderem viel heben muss, kann also keine Rede sein. Das Problem: In wenigen Tagen läuft die Einjahresfrist ab, die die Versicherungskasse als Maximum für eine Krankschreibung bewilligt. „Dann bekomme ich kein Krankengeld mehr“, sagt Jonas.

Arbeiten: Wer will, der kann auch?

Die Versicherungskasse ist sich nämlich sicher, dass er sehr wohl arbeiten kann. Zwar nicht als persönlicher Assistent, aber mit irgendeiner anderen, körperlich leichten Arbeit innerhalb der Kommune Växjö, wo er jetzt angestellt ist. Ein netter kleiner Schreibtisch-Job zum Beispiel. Das Problem: einen solchen hat die Kommune derzeit nicht zu vergeben.

Dieser Umstand kümmert aber weder die Versicherungskasse noch Jonas’ jetzige Chefin: „Das erste, was meine Chefin zu mir sagte, als sie hörte, dass es mir noch schlechter geht, war: ‚Das Beste was Du machen kannst, ist zu kündigen, dann hilft dir die Arbeitsvermittlung’.

Aber die haben eben nichts für mich“, sagt Jonas, dem nun im Grunde zwei Möglichkeiten bleiben: zu kündigen oder gekündigt zu werden. Er verstehe seine Chefin und auch die anderen Arbeitgeber, die keinen Wert auf ihn legen, sagt er: „Niemand will einen Kranken, der nicht voll durchstarten kann. Das schadet der Effizienz in der ganzen Firma.“

Viele in schwieriger Lage

Vielen, die bisher auf lange Zeit krankgeschrieben sind, geht es ähnlich wie Jonas. Nach jüngsten Veröffentlichungen der Versicherungskasse werden an die 20.000 Schweden im übernächsten Jahr aufgrund der neuen strengen Regeln, die auch Schwerkranke wie beispielsweise Krebspatienten umfassen, ihr Krankengeld verlieren und dann möglicherweise auf Sozialhilfe angewiesen sein. In Jonas’ Heimatkommune Växjö arbeiten insgesamt 6000 kommunale Angestellte. Auch die Langzeitkrankgeschriebenen hier bekämen nun groβe Probleme, sagt Personalchef Mikael Färdig:

„Momentan haben wir an die 100 Personen, die teilweise oder vollständig auf längere Zeit krankgeschrieben sind. Und für diejenigen, deren Krankschreibung ausläuft, sieht es nicht rosig aus“, so Färdig. Die Betroffenen würden wohl gröβtenteils ihre Jobs verlieren und kaum andere bekommen. „Wir haben einen geringen Personalumsatz hier, den Leuten gefällt’s in Växjö, deshalb sind die Stellen belegt. Von den 100 Betroffenen haben wir Jobs gerade mal für eine Handvoll. Sicher, wir versuchen, mit Ausbildung und ähnlichem abzufedern, aber unsere Mittel sind eben auch begrenzt.“

Kündigungsschutz ausgehebelt

Von Seiten der Wirtschaft sind in Schweden häufig Klagen über den starken Kündigungsschutz zu hören. Zumindest bei Kranken löst sich das Problem nun auf recht einfache Weise: Mit der Gesundheit verschwindet auch der Kündigungsschutz. Ein Umstand, den Personalchef Mikael Färdig begüβt:

„Es ist nun mal nicht mehr so, dass man in der Kommune auf Lebenszeit angestellt ist. Früher galt das andere Extrem: Da haben sich Dreiβigjährige nach drei Jahren Arbeit erst mal sieben Jahre krankschreiben lassen, obwohl es passende Jobs gab. Heute hat man zwar keine Sicherheit mehr, aber dafür die Chance, etwas Neues anzufangen. Das finde ich positiv.“

Jonas Smedlund freilich kann den neuen Regeln kaum erfreuliches abgewinnen. Er will jedenfalls kämpfen – und nicht freiwillig kündigen: “Nein, ich kündige nicht –  wenn sie drauf bestehen, müssen die schon mich entlassen. Die neuen Regeln dienen doch nur dazu, den Kündigungsschutz auszuhebeln, damit Arbeitgeber Kranke und Schwache wie mich loswerden können.“

Versicherungskasse unbeeindruckt

So sieht es auch Veronica Palm. Die Sozialdemokratin ist Vize-Vorsitzende des Sozialversicherungsausschusses im Reichstag. Mit Blick auf Joans’Situation meint sie: „Dies ist ein beredtes Beispiel dafür, wozu die neuen Krankenversicherungs-Regeln führen. Die Menschen landen im Aus, auβerhalb der Sicherungssysteme. Eine solche Unsicherheit ist eines Landes wie Schweden nicht würdig.“

Christina Husmark Pehrsson, Chefin der Versicherungskasse, gibt sich ungerührt. Für sie ist die Sache einfach: “Wenn man krank ist und nicht arbeiten kann, bekommt man Krankengeld. Kann man arbeiten, wenn auch nicht am alten Arbeitsplatz, dann muss man sich an die Arbeitsvermittlung wenden. Die Versicherungskasse kann vieles, aber Jobs oder ABM-Stellen vermitteln kann sie nicht.“

Anne Rentzsch

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