Theater

Nathan der Weise in Stockholm


Das Ideendrama „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing ist ein interessantes, aber kein einfaches Stück über Religionstoleranz. In Schweden ist dieses Bühnenwerk seit 145 Jahren in keinem größeren schwedischen Theater gespielt worden. Bis sich jetzt das Stockholmer Stadttheater des Stoffs angenommen hat.

Der Jude Nathan – brillant gespielt von Lennart Hjulström – kehrt von einer Geschäftsreise nach Hause zurück. Er erfährt, dass seine Pflegetochter Rakel von einem christlichen Soldaten aus dem Feuer gerettet worden ist.

Rakel ist in backfischhafter Euphorie überzeugt, ihr Retter müsse ein Engel sein. Dass es Wunders genug ist, wenn Sultan Saladin einen Gefangenen begnadigt und dieser dann sie – Rakel – rettet, kann der gelassene Nathan dem überdrehten Teenager erst allmählich begreiflich machen. Nach einer Begegnung mit dem jungen christlichen Soldaten ist sie bis über beide Ohren in ihn verliebt.

Unbestimmte Neuzeit
Regisseurin Eva Bergman hat die Handlung von Lessings Bühnenwerk vom 12. Jahrhundert in eine diffuse Gegenwart verlegt. „Das ist ein altes Stück aus dem 18. Jahrhundert. In Schweden ist es kaum gespielt worden. Ich freue mich, dass wir diese Vorstellung hier am Stockholmer Stadttheater durchführen können. Ich glaube, wir sind das einzige Theater, das mutig genug ist, um dieses Werk auf die Bühne zu bringen. Es handelt von sehr schwierigen und interessanten Fragen, von Vorurteilen. Aber ein so altes Stück mit Text in Blankvers verlangt einem auch viel ab, man muss wirklich etwas damit machen.“

Der Themenschwerpunkt Religionstoleranz, die Auseinandersetzung zwischen Islam, Christen- und Judentum, ist heute so aktuell wie 1779, als Lessing das Ideendrama schrieb. Die Regisseurin entschloss sich, die Handlung in die Neuzeit zu verlegen: „Das Stück spielt in einem Land des Nahen Ostens. Eigentlich im 12. Jahrhundert. Aber ich fand, es kann sich auch gut in unserer Zeit zutragen.“

Hauptsache Almosen
Der muslimische Potentat Saladin hat Geldsorgen, er gibt mehr für karikative Zwecke aus, als sein Staat sich leisten kann. Saladin will ein Darlehen bei Nathan aufnehmen und bekommt es auch. Nathan gibt selbst viele Spenden und nach Ansicht des weisen Juden ist gleichgültig,  im Namen welcher Religion Gutes geschieht. Alle drei Religionen seien gleichwertig, keine die allein seligmachende. Wichtig sei, so Nathan, dass jeder Gläubige human handelt.

Die Verwandtschaft der drei Religionen spiegelt sich in der Handlung: Am Ende steht fest: Der christliche Soldat und die vermeintliche Jüdin Rakel sind Geschwister. Sie sind die Kinder eines verstorbenen Bruders des muslimischen Sultans Saladin.

Zeitbezug
Güte, Weisheit, Großzügigkeit und Toleranz sind zwar vorbildliche Eigenschaften, aber personifiziert in Charakteren erscheinen sie einem an flüchtige Seifenopern gewöhnten Publikum leicht als verstaubt. Ein gutes Gegengewicht ist das imponierende, moderne Bühnenbild von Sören Brunes, bei dem aus Gittern und Beleuchtung abwechselnd Gefängnis, Palast, Kathedrale und gepflegte maurische Gärten entstehen.

Auch die neue schwedische Übersetzung von Fredrik Sjögren trägt stark zum Gelingen der Aufführung bei. Sie macht den Text leicht verständlich, freut sich Regisseurin Eva Bergman. „Ich fand den Text über Vorurteile phantastisch. Es geht darum, was Menschen mit Vorurteilen machen und was Vorurteile mit Menschen machen.“

Sybille Neveling

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".