Die Zahl angezeigter Misshandlungen steigt (Foto: Scanpix)
KRIMINALITÄT

Gewalt forderte weiteres Opfer

Fast genau vor einem Jahr starb der 16-jährige Riccardo Campogiani an den Folgen schwerer Misshandlungen in Stockholm. Zum traurigen Jubiläum ist nun erneut ein Opfer der wachsenden Gewalt auf Stockholms Straβen zu beklagen: Der 23-jährige Ahmed Ibrahim ist brutal erstochen worden. Nach dem Tod Riccardos hatte es im ganzen Land eine Reihe kraftvoller Manifestationen gegen die immer brutalere Straβengewalt gegeben. Doch der jüngste Todesfall sorgte für vergleichsweise wenig Aufsehen. Möglicherweise hat das mit dem Wohnort des Ermordeten zu tun - er kam aus einem Einwanderervorort.

Sieben junge Männer sind im Zusammenhang mit dem Tod von Ahmed Ibrahim festgenommen worden. Der genaue Tathergang ist noch nicht geklärt. Fest steht: Als Ahmed vor zehn Tagen nachts von einem Unbekannten wie ein kaputtes Möbelstück vor der Krankenhaus-Notaufnahme abgelegt wurde, kam bereits jede Hilfe zu spät. Zwei weitere junge Männer wurden zum Teil schwer verletzt im Laufe des Geschehens, das sich an der Fernverkehrsstraβe E4 in Höhe der Abfahrt zum Einwanderervorort Kista abspielte.

”Streit zwischen Kriminellen”

Um eine „Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Banden” habe es sich gehandelt, um Streit zwischen Kriminellen, lauteten die Pressekommentare nach der Tat. Die Öffentlichkeit hat sich damit offenbar rasch zufrieden gegeben. Als vor einem Jahr Riccardo starb, war man aufgerüttelt. Das Opfer kam aus gutem Hause, die Tat fand mitten in einer wohlbestallten Gegend in der Stockholmer City statt. Nun hat sich die Gewalt wieder dort manifestiert, wo man sie seit langem nahezu als traurige Selbstverständlichkeit betrachtet: in einem der Einwanderervororte am Rande der Stadt.

”Hier haben wir Bücher ausgelegt, in die sich Verwandte und Freunde eintragen können und auch all diejenigen, die ihre eigenen Gedanken und Gefühle ausdrücken möchten über das, was passiert ist”, sagt Åsa Bielefeld. Sie führt durch die Räume des Jugendklubs „Reactor” in Husby, dem Ort, in dem der Ermordete zu Hause war. Auf dem Tisch - groβe Blumenvasen, das letzte Foto des 23-Jährigen - und ein Fuβball. ”Seine Freunde vom Fuβballklub haben aufgeschrieben, was sie denken”, sagt Åsa Bielefeld. „Fuβball, das war ja sein Leben.”

Der Romerio von Husby

Ahmed trug den Spitznamen Romerio, nach einem brasilianischen Fuβballstar. Vor genau einem Monat schoss Ahmed seine Mannschaft daheim im Husby im Spiel gegen Sollentuna United von der sechsten in die fünfte Liga. Sein langjähriger Freund Sangar Vazari erinnert sich ganz genau an das entscheidende Tor: ”Er hat den Ball rechts angenommen, dann dribbelte er nach links, und schlieβlich: ein Schuβ direkt ins Netz, in die Ecke. Dann ist er dem Publikum entgegengelaufen, es waren so an die 200 Leute da, alle haben sie ihm zugejubelt. Und er hat sich umarmen lassen…”

Es wurde Ahmeds letztes Spiel. Einen Monat später wurde er erstochen. Eine Auseinandersetzung unter Kriminellen? Freunde und Bekannte mutmaβen, dass die Zeitungen das geschrieben haben, um mehr Exemplare zu verkaufen. Ahmed Ibrahim war nämlich keineswegs bekannt für kriminelles Tun. Laut Berichten des Schwedischen Rundfunks geriet er nur einziges Mal mit dem Gesetz in Konflikt: vor ein paar Jahren, wegen Geschwindigkeitsübertretung. Für viele Jugendliche in Husby galt Ahmed als Vorbild. Er engagierte sich, um sie von der Straβe wegzuholen, war aktiv an der Einrichtung des Jugendklubs „Reactor” beteiligt. Umso gröβer nun die Trauer in seinem Heimatort.

Warum so still?

Mehrere Gedenkstunden haben die Einwohner schon zu Ehren von Ahmed organisiert. Als er am Montag auf dem Friedhof in Råcksta begraben wurde, folgten an die 1000 Menschen seinem Sarg.

Doch Ahmeds Freunde fragen sich, warum kaum jemand auβerhalb von Husby von seinem Tod Notiz nimmt - so wie damals nach dem Tode von Ricardo. „Dies hier ist genau die gleiche Situation”, sagt Sangar Vazari. „Die Leute haben damals gesagt, was Ricardo passiert ist, das darf nicht wieder geschehen. Dann geschieht es wieder, und niemand kümmert sich drum.”

Åsa Bielefeld sieht es ähnlich: „Einige Jugendliche hier sagen: Wir können hier sterben, ohne dass das jemanden kümmert, ohne dass jemand daran interessiert ist, die Person hinter der Tragödie zu sehen. Sicher, die Menschen in Ricardos Kreis hatten andere Positionen in der Gesellschaft, andere Möglichkeiten, andere Kontakte. Und natürlich muss man solche Aktionen selbst organisieren. Schlimm ist, dass viele Jugendliche hier gar nicht mehr daran glauben, dass sie das auch schaffen könnten, dass man auf sie hört. Deshalb sind wir hier für sie da und wollen sie unterstützen.”

Bedrohliche Entwicklung

Und einiges ist schon in Bewegung geraten. „Wir haben einen Gedenkfonds für ihn eingerichtet, wir wollen alljährlich eine Manifestation durchführen, wir haben schon eine Menge Geld eingesammelt”, sagt Ahmeds Freund Shakir Alguri.

Der wachsenden Gewalt Einhalt zu gebieten, scheint unterdessen dringlicher denn je. Nach Berichten des Schwedischen Rundfunks ist die Zahl der angezeigten Fälle von Misshandlungen, bei denen die Opfer zwischen 15 und 17 Jahre alt waren, in nur einem Jahr um dreiβig Prozent gestiegen. Auffällig dabei ist laut Angaben des Söder-Krankenhauses in Stockholm, dass immer häufiger ganze Gangs ein einzelnes, oft willkürlich ausgewähltes Opfer misshandeln. Für Ahmed Ibrahim und Ricardo Campogiani gibt es keine Hilfe mehr. Aber vielleicht kann entschlossenes Handeln diesmal dazu beitragen, Leben zu retten.

Grunden i vår journalistik är trovärdighet och opartiskhet. Sveriges Radio är oberoende i förhållande till politiska, religiösa, ekonomiska, offentliga och privata särintressen.
Du hittar dina sparade avsnitt i menyn under "Min lista".